Leseprobe zu "Der Süden - Neue Perspektiven auf eine..."
Raummetaphern der Rückständigkeit (S. 151-152)
Die Levante und der Mezzogiorno in italienischen Identitätsdiskursen der Neuzeit
Rolf Petri/Anastasia Stouraiti
Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts wurde Südeuropa zu einem Symbol für ökonomische Unterentwicklung und soziale Rückständigkeit. Diese Sichtweise ist auch zu einem Teil der italienischen Selbstbeschreibung geworden. Europa repräsentiert darin ein positives Ideal, während der Mezzogiorno für diejenigen levantinischen und archaischen Elemente innerhalb der Staatsgrenzen steht, die das Land angeblich von einem Erreichen europäischer Standards abhalten. Später als der Osten ist der Süden zum Gegenstand hierarchischer Raumvorstellungen geworden. Im italienischen Kontext legte erst der Aufstieg der Nationalidee im Risorgimento den Grund für eine Debatte über das Südproblem, welche dann in den Jahrzehnten nach der nationalen Einigung voll entbrannte. So konnte der Mezzogiorno auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert in der italienischen Politik, Kultur und öffentlichen Meinung zum geographischen Sinnbild des inneren Fremden werden.
Für die an die geographische Zuordnung von Rückständigkeit zum Osten und Süden gewohnte europäische Vorstellungswelt war das Konstatieren eines Nord-Süd-Gefälles in Italien nichts grundsätzlich Neues. Dennoch war der sich dort herausbildende Dualismus zur Umschreibung zivilisatorischer und ökonomischer Defizite weniger zwingend und vorhersehbar, als dies im Nachhinein den Anschein haben mag. Viele Parteigänger des Risorgimento gingen noch davon aus, wenigstens manche Gebiete des Königreiches Neapel seien reich an Ressourcen und daher imstande, sich würdig in den nationalen Fortschritt einzureihen. Nicht zuletzt die aus diesen Hoffnungen erwachsende politische Enttäuschung der nationalen Eliten ließ den Mezzogiorno schließlich zum geographischen Inbegriff alles Stagnierenden und Unzivilisierten im Staatsgebiet werden.
Die in Italien relativ spät entstandene Gleichsetzung von Süden und Zurückgebliebenheit sollte jedoch nicht den Blick darauf verstellen, dass die darunter liegende mentale Raumachse zwischen Fortschritt und Rück ständigkeit längst vor dem nationalen Zeitalter etabliert war. Deshalb halten wir es für wichtig, nicht allein die Entstehung des Süd-Paradigmas, sondern auch die des grundlegenden Fortschritt-Paradigmas in die Betrachtung einzubeziehen. Auch die italienisch sprechende Welt partizipierte an der Ausprägung Europas zu einem rationalistischen und teleologischen Dogma, welches im 17. und 18. Jahrhundert das theologische Dogma christlicher Erlösung zunehmend herausforderte, ergänzte und weitgehend ersetzte.
Wir werden dies in den ersten Abschnitten beispielhaft anhand der Levante-Ethnologie aufzeigen, welche sich im Zusammenhang mit der venezianischen Herrschaft im Adriaraum und im östlichen Mittelmeer ausbildete. Venezianische Beamte und Geschäftsleute waren maßgeblich beteiligt an der Verbreitung von Vorstellungen eines von wirtschaftlicher Rückständigkeit oder Barbarei gekennzeichneten Andersseins der Levante. In ihren Beschreibungen waren die Besitzungen jenseits des Meeres von archaischen, kulturell und wirtschaftlich primitiven Menschen bevölkert, bei denen die Zeit stehen geblieben zu sein schien. Ähnliche Vorstellungen lassen sich auch in Texten nachweisen, die südliche Gebiete des italienischen Sprachraumes beschreiben. Die venezianischen Quellen belegen somit schon eine frühneuzeitliche Umwandlung großer Territorien in eine Rückständigkeits-Metapher.
Orte der Unterscheidung: Die Levante in der Venezianischen Ethnographie des 17. und 18. Jahrhunderts
Metaphorà bedeutet im modernen Griechisch neben Metapher auch Transport. Das östliche Mittelmeer war beides: Verkehrsraum und Metapher, Ort intensiven Austausches von Gütern und Ideen und zugleich Projektionsfläche vielfältiger Vorstellungen und Ideologien. In der frühen Neuzeit war sein Bild überwiegend negativ geprägt. Die venezianische See- und Handelsmacht beherrschte die Szene. Sie erstreckte sich von der Adria über das Ionische Meer und die Ägäis bis zu den Häfen der arabischen Levante, und die Lagunenstadt wurde zum wichtigsten Produzenten von Ideen und Informationen über die eigenen Überseebesitzungen und den Osten im Allgemeinen.
Leseprobe zu "Der Süden - Neue Perspektiven auf eine..."
Gustav von Aschenbach, urpreußischer Held in Thomas Manns Der Tod in Venedig, ist kein großer Reisender. Es sind allein die "regnerischen Sommer", die ihn dazu bringen, sich in den Zug zu setzen, der ihn über die Alpen führt. "Nicht gar weit, nicht gerade bis zu den Tigern. Eine Nacht im Schlafwagen und eine Siesta von drei, vier Wochen an irgend einem Allerweltsferienplatze im liebenswürdigen Süden "TP PT
Von neutraler Eindeutigkeit ist dieser "Süden" in von Aschenbachs Vorstellung: lieblich, zart, bequem und nicht allzu exotisch, ein Teil des bekannten Kontinents und damit ein mögliches Ziel für den Helden, der "niemals auch nur versucht gewesen [war], Europa zu verlassen". Das "Studium von Karte und Kursbuch" hilft ihm jedoch auf seiner Fahrt nur sehr bedingt weiter, da die Himmelsrichtungen bald ihre Eindeutigkeit verlieren und er sich in einem osteuropäisch-balkanisch angehauchten, tropisch-schwülen, dekadenten, keinesfalls jedoch liebenswürdig-südlichen Venedig wieder findet.
Thomas Mann lässt in seiner Novelle gegensätzliche Vorstellungen und Bilder des Südens aufeinander treffen, die ein für den Handlungsablauf wichtiges Spannungsmoment bilden. Zum einen: das verklärende Bild von mildem Klima, romantischer Folklore und der Schönheit des Meeres, die den Menschen aus dem regenreichen Norden auf die Südseite der Alpen locken. Zum anderen findet sich der Reisende, am Ziel seiner Sehnsucht angekommen, an einem Ort wieder, dessen Lage an den Grenzen Europas faszinierend, gleichzeitig aber auch gefährlich und unheilvoll wirkt. Der Süden mit seiner reichen Geschichte und seinen Traditionen ist eine Regi-on fernab von den Sphären der eigenen Vernunft, die sich in Manns No-velle letztendlich als unheilsschwangerer Hort "nördlicher" Sehnsucht entpuppt.
Für Thomas Mann und seinen Helden von Aschenbach schien kein Zweifel daran zu bestehen, dass die Lagunenstadt Venedig im "Süden" liegt. Damit war zum einen eine klar festzulegende Himmelsrichtung be-nannt, die die Reise des Erholungsuchenden aus deutschen Landen bestimmen sollte. Zum anderen wird dem Leser jedoch bald deutlich, dass die Bezeichnung der scheinbar objektiven geographischen Kategorie auch einen ganz bestimmten bildreichen Beiklang hatte. Der Süden, als Land der Sonne und des milden Klimas, der reichen Geschichte und Tradition, der einfachen Lebensformen und der Erholung war schon seit langem eine feste Größe auf den kognitiven Landkarten der Menschen in Mittel- und Nordeuropa. Solche mental maps haben für gewöhnlich keine fest abge-steckten geogra-phischen Grenzen, sind für die Orientierung des Men-schen in der Welt jedoch unerlässlich. Nicht die scharf gezeichneten Linien der Kartographie bestimmen die Gestalt der imaginierten Regionen, son-dern ein Set von charakteristischen Assoziationen, die nicht selten werten-der Natur sind. Der "Süden" existierte und existiert als ein bestimmter und zugleich vage begrenzter Raum in unserer Vorstellung von der Welt, neben anderen Regionen wie dem "Norden", dem "Osten" oder dem "Westen".
Regionale Bezeichnungen wie "Westeuropa", "Mitteleuropa" oder "Ost-europa" prägen jedoch nicht nur unsere Alltagssprache und helfen uns, die Fülle an täglich neuen Informationen über die Welt, die uns umgibt, zu strukturieren und zu ordnen. Gleichzeitig sind sie als Kategorien fest im wissenschaftlichen Diskurs etabliert. Auf ihnen fußen politologische und historische Forschungszusammenhänge, aus denen sich die Existenz ent-sprechender Institutionen, universitärer Lehrfächer und Fachzeitschriften begründet. Der Arbeit regional ausgerichteter Sozialwissenschaften liegt letztlich die Vorstellung zugrunde, dass jene Räume, die sich auf unseren mental maps als nur vage begrenzte und normativ beladene Größen präsen-tieren, auch objektiv und wertneutral beschrieben und auf einer Landkarte klar lokalisiert werden können.
Dass sich zwischen der Praxis, die "Welt im Kopf" nach bestimmten Kategorien z
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