Leseprobe zu "Sinnes-Welten" von Wolfgang-M. Auer
Sinneswahrnehmungen braucht der Mensch, um leben zu können, genauso dringend wie Nahrung und Luft. Das mag vielleicht überraschen, aber ohne Wahrnehmung können wir nun mal nichts lernen und uns in Folge dessen auch nicht entwickeln. Sinneswahrnehmungen zu haben ist eine existentielle Notwendigkeit und damit eine der wichtigsten Entwicklungsbedingungen des Menschen. Ob ein Kind Wahrnehmungen mit allen Sinnen und in der nötigen Vielfalt hat oder nicht, davon hängt viel für sein Leben ab. Dass ein Kind die Wahrnehmungen haben kann, die es braucht, das aber liegt zum großen Teil in der Verantwortung von uns Erwachsenen. Denn wir bestimmen ja die Umgebung des Kindes und müssen sie daher so gestalten oder eben andere Situationen aufsuchen, damit das Kind die nötigen Erfahrungen machen kann. Man muss also über die Sinne und ihre Bedeutung Bescheid wissen, wenn man Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung begleiten und fördern will.
Also noch ein Buch über Sinne! Haben wir davon nicht schon genug? Schließlich weiß doch heute fast jeder über die Sinne und wie sie funktionieren Bescheid. Das stimmt. Aber wovon ist dann die Rede? Von Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten, also von den klassischen fünf Sinnen, vielleicht noch ergänzt durch die Bereiche von Bewegung und Gleichgewicht. Das sind aber nicht alle Sinne. Mit ihnen allein kämen wir nicht aus, könnten nicht einmal das Sprechen erlernen. Außerdem wird in der Regel, wenn es um die Sinne geht, mehr von den Sinnesorganen, von Auge und Ohr, gesprochen als von den Sinnen. Wenn wir aber auf die Entwicklungsbedingungen des Menschen schauen, sind nicht die Organe das Entscheidende. Wir können nämlich alle Sinnesorgane in funktionsfähigem Zustand besitzen und doch nicht existenzfähig sein, weil die Organe nichts zum Wahrnehmen bekommen. Ein Sinneskonzept, das die Wahrnehmung als Bedingung menschlicher Entwicklung beschreibt, ist also nicht ein Konzept der Sinnesorgane, sondern der Sinne als Modalitäten von Erfahrung. So verstanden denken wir bei der Bezeichnung Sinn also nicht an das Sinnesorgan und bei Wahrnehmung nicht an die physiologischen Prozesse. Unter Wahrnehmung verstehen wir vielmehr den Zugang zu unseren verschiedenen Erfahrungsfeldern und unter Sinn die Fähigkeit, in einem dieser Erfahrungsfelder wahrnehmen zu können. Letztlich heißt das: Es gibt so viele Sinne wie Erfahrungsfelder. Und die sollen in diesem Buch untersucht werden.
Also ein anderes Buch über die Sinne. Hier wird ein Sinneskonzept neben das übliche physiologische und neurologische Konzept gestellt, das die Sinne als spezifische Formen von Erfahrung beschreibt und dadurch diese Erfahrung zugleich als Bedingung menschlicher Entwicklung und Sinngebung fasst. Das führt zu einem anderen Verständnis der Sinne und öffnet einen neuen Zugang zu ihnen, ja erweckt vielleicht sogar Neugier und Freude an dem, was durch die Sinne alles erfahren werden kann. Möge es den Kindern zugute kommen.
Einleitung Was wir von der Welt wissen, das wissen wir durch Wahrnehmung. Das gilt ohne Ausnahme. Diese elementare Tatsache macht das Wahrnehmen zu einem so selbstverständlichen und unbewussten Vorgang, dass wir in der Regel ganz vergessen, welchen bedeutenden Schatz wir mit unseren Sinnen besitzen.
Denken wir uns einmal, möglichst konkret, es würde uns ein Sinn nach dem anderen genommen. Was würde sich dann alles ändern? Könnten wir z.B. nicht mehr sehen, dann würde uns die ganze sichtbare Welt fehlen. Dann müssten wir uns die Welt allein durch die übrigen Sinne erschließen. Schon dieser Umstand brächte eine tiefgreifende Veränderung unseres Daseins mit sich. Blinde Menschen können davon berichten. Wäre uns neben dem Sehen auch noch das Hören genommen, würde ein zweiter wichtiger Teil unseres Lebens verschwinden. Wir könnten dann etwas riechen, könnten schmecken, was wir ablecken oder in den Mund nehmen, könnten die Wärme unserer Umgebung spüren und durch Berührung wissen, wo sich etwas befindet. Was wir aber durch diese Sinne, z.B. durch anfassen, nicht erreichen könnten, davon wüssten wir nichts. Stellen wir uns nun vor, alle diese verbliebenen Sinne würden uns auch noch genommen. Wir wären zur völligen Isolation verurteilt. Wir könnten dann nicht wissen, ob es außer uns überhaupt etwas gibt. Von unserem Leib würden wir noch etwas spüren. Aber durch das Fehlen des Tastsinns wäre das bereits eingeschränkt. Und würde uns jetzt auch dieser Rest an Eigenwahrnehmung entzogen, dann könnten wir weder von der Welt noch von unserem eigenen Leib etwas erfahren. Es gäbe sie nicht. Damit wäre uns die Existenzgrundlage entzogen. Ein Mensch kann ohne Wahrnehmungen nicht existieren.
Dieses Gedankenexperiment kann uns aufwecken, indem es uns klar macht, wie wichtig Wahrnehmung für uns ist. Dabei können wir froh sein, dass es diesen gedachten Fall unter natürlichen Umständen nicht gibt. Es gibt aber einen anderen Fall. In den letzten Jahren ist in der wissenschaftlichen Literatur mehrfach das tragische Beispiel des Mädchens Genie aufgetaucht. Genie wurde von ihrem Vater bis zu ihrer Entdeckung im Alter von 13 Jahren in völliger Isolation gehalten. Sie befand sich in einem kleinen kahlen Raum ohne Gegenstände oder Spielsachen, nachts in einer Art Käfig, tags festgebunden. Kontakt mit dem Vater bestand nur beim Füttern und sonstigen Versorgen. Niemand durfte mit ihr sprechen. Der Vater knurrte und kläffte nur, wenn er bei ihr war. Sie wird auch sonst kaum etwas gehört haben, weil der Vater extrem lärmempfindlich war und nichts Lautes duldete. Gab sie selbst einen Laut von sich, wurde sie geschlagen. Genies Mutter, die blind und selbst Gefangene ihres Mannes war, gelang schließlich mit ihrer Tochter die Flucht. Zu diesem Zeitpunkt, also mit 13 Jahren, wog Genie nur etwa 29 kg und war nur 128 cm groß, konnte ihre Ausscheidungen nicht kontrollieren und keine feste Nahrung kauen. Sie konnte kaum gehen, geschweige denn hüpfen, springen, klettern. Ihren Blick konnte sie nur etwa vier Meter weit scharf stellen, und sie war unfähig Worte zu sprechen oder zu verstehen.
Nach ihrer Entdeckung wurde Genie intensiv betreut und gefördert. Vor allem wurde versucht, ihr das Sprechen beizubringen. Der Erfolg war eingeschränkt. Trotz jahrelangem intensiven Förderunterrichtes kam sie sprachlich nicht über das Niveau eines ein- bis zweijährigen Kindes hinaus. Sie lernte einzelne Worte und konnte sie auch sinnvoll einsetzen und sich damit, wie ein Kleinkind eben, ausdrücken, wobei das Sprechen undeutlich blieb. Sie konnte jedoch keine Sätze bilden und lernte es auch nicht mehr. Und damit waren ihrer weiteren Entwicklung unüberwindbare Grenzen gesetzt.
Genie hatte alle Sinne zur Verfügung. Von daher hatte sie also die gleichen Chancen wie jeder andere Mensch. Das Schlimme war, dass ihre Sinne nichts oder viel zu wenig zum Wahrnehmen bekamen. Daher konnte Genie ihre Sinne nicht ausbilden, denn das geht nur, wenn die Sinne etwas wahrzunehmen haben, und zwar in ganz bestimmten Zeitabschnitten kindlicher Entwicklung. In Folge dieses Mangels konnte sie nichts lernen und sich auch nicht entwickeln. Es ist also nicht nur das Fehlen einzelner Sinne, was unser Leben und unsere Entwicklungsmöglichkeiten verändert und beeinträchtigt, sondern auch das Fehlen von Wahrnehmung. Der Entzug von Wahrnehmung bei vorhandenen Sinnen gehört zum Grausamsten, was einem Menschen geschehen kann. Wahrnehmung ist für uns bedeutsam und lebenswichtig. Wer Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung begleiten will, sollte davon wissen, sollte vor allem wissen, welchen Beitrag die einzelnen Sinne für unsere Erfahrung, unser Leben und unsere Entwicklung von Kindheit an leisten.
Aber um welche Sinne geht es? Wie viele Sinne hat der Mensch denn? Darüber besteht bis heute keine Einigkeit. Die wird auch nicht herzustellen sein, solange man dabei verschiedene Maßstäbe anlegt. Zählt man nämlich nur die Sinne, deren Organe dem bloßen Auge zugänglich sind, dann beschränkt man sich auf die klassischen Sinne Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Von diesen fünf Sinnen sprach bereits der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) und bis heute gehört es zum normalen Wissensstandard, von diesen fünf Sinnen zu sprechen. Dabei ist das nur eine der Möglichkeiten. Legt man nämlich die Funktion der Sinnesrezeptoren als Maßstab zugrunde, kommt man zu einem anderen Ergebnis. Dann erhöht sich die Zahl der Sinne, weil man z.B. den kinästhetischen Sinn in einen Bewegungssinn, Kraftsinn und Stellungssinn, den Tastsinn in einen Berührungssinn, Vibrationssinn und Schweresinn aufgliedert. Unterscheidet man dagegen die Sinne nach den biologischen Prozessen, welche die Wahrnehmung ermöglichen, dann haben wir nur vier verschiedene Arten, nämlich mechanische, elektrische, chemische und auf Temperatur reagierende Sinne zu unterscheiden.
Wieder anders ist es, wenn die Sinne, wie es hier geschieht, nach ihrem jeweiligen Erfahrungsfeld unterschieden werden. Wir wählen hier den Erfahrungsaspekt, weil für den Menschen nicht die Unterschiedlichkeit der Sinnesorgane oder Sinnesrezeptoren, wohl aber die Unterschiedlichkeit der Erfahrungen, die er durch die Sinne macht, von entscheidender Bedeutung ist. Dieser Gesichtspunkt ist nicht neu. Charles Sherrington (1857-1952) hat in der Sinnesforschung damit den Anfang gemacht, als er die Körperwahrnehmung als eigenen Wahrnehmungsbereich einführte (1906) und diesen Propriozeption nannte.
Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) hat mit seiner 1945 erschienenen Phänomenologie der Wahrnehmung diesen Ansatz konsequent fortgeführt, indem er die Erfahrungsfelder der körperbezogenen und der weltbezogenen Sinne vom Gesichtspunkt der Erfahrung untersucht und beschrieben hat. Wenige Jahre nach Sherrington fügte Rudolf Steiner (1861-1925) in seinem Entwurf zu einer umfassenden Sinneslehre weitere Sinne hinzu (1909/1917). Er differenzierte den Komplex der Propriozeption in die vier körperbezogenen Sinne Tastsinn, Vitalsinn, Bewegungssinn und Gleichgewichtssinn, fügte unter die weltbezogenen Sinne den Wärmesinn und nahm die Wahrnehmung von Sprache, die Wahrnehmung mitgeteilter Gedanken und die Erfahrung des anderen Ich in den Kreis der Sinne auf. Gerade diese letzten drei von Steiner beschriebenen Sinnesbereiche sind bislang nur wenig aufgegriffen und fortgeführt worden. Seit Oliver Sacks (geb. 1933) in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts seine populär gewordenen Fallbeispiele von Wahrnehmungsstörungen veröffentlicht hat, ist die Frage aber erneut aktuell geworden, ob wir es beim Verstehen von Sprache oder beim Erkennen von Gegenständen und Identifizieren von Personen nicht doch mit Wahrnehmung zu tun haben. Und wir werden sehen, dass eine Entscheidung in dieser Frage nicht ohne Bedeutung ist.
Hier eine Übersicht über die im Buch vorgestellten Sinne:
Die Körpersinne Körpersinne? Nie gehört! Wofür brauchen wir die? So wird es manchem gehen, der zum ersten Mal von den Körpersinnen hört. Wer sie aber nicht mehr zur Verfügung hat, der weiß sehr gut, was er an ihnen besaß. So z.B. Christina, eine junge Frau, die durch eine Entzündung des Rückenmarks plötzlich jegliche Eigenwahrnehmung verloren hat. Sie kann sich nicht mehr bewegen und nicht aufrecht halten. Aber nicht nur das. Sie spürt keine Berührung, weiß auch nicht, wo sich ihre Arme oder Beine befinden. Ja, sie weiß von ihrem Körper nur etwas, wenn sie ihn sieht. Aber es könnte auch ein fremder Körper sein. Identifizieren kann sie sich mit diesem Körper nicht. Später, als sie den Schock überwunden hat, muss sie sich das Gehen und jede andere Tätigkeit neu beibringen. Dabei muss sie jede ihrer Bewegungen wie etwas Fremdes mit dem Blick kontrollieren. Auch nach Jahren braucht jede Bewegung ihre volle Aufmerksamkeit, weil es für sie ein fremder Körper ist, den sie da bewegt. Wird ihre Aufmerksamkeit einmal abgelenkt, verliert sie die Kontrolle über ihre Bewegungen. Sie kann nie loslassen, muss sich ständig von außen kontrollieren. Ein schrecklicher Zustand. Eigentlich hat sie das Gefühl, ihr Körper sei tot, sei nicht wirklich, sei gar nicht da. Wird ihre Haut leicht berührt, dann nimmt sie etwas wahr, und das schafft vorübergehend Erleichterung. Daher liebt sie es, im offenen Wagen zu fahren. "Es ist herrlich", sagt sie dazu. "Ich spüre den Wind auf der Haut, auf den Armen und im Gesicht, und dann merke ich undeutlich, dass ich tatsächlich Arme und ein Gesicht habe. Es ist nicht das echte Gefühl, aber es ist immerhin etwas - es nimmt eine Zeitlang diesen schrecklichen Todesschleier von mir."
Dieses Beispiel zeigt uns, wie sehr das Leben verändert, ja beeinträchtigt wird, wenn die Körperwahrnehmung (Propriozeption) fehlt. Ohne funktionierende Körpersinne sind wir gegenüber unserem eigenen Körper "blind". Und dann besitzen wir keinen Körper, selbst wenn er faktisch vorhanden ist. Denn nur die Wahrnehmung durch die eigenen "Augen" macht ihn zu unserem Körper. Und diese "Augen" sind die vier Körpersinne, deren Leistungen wir im Folgenden untersuchen. Da diese Sinne, wie an dem Beispiel zu sehen ist, eng mit unserer eigenen Existenz verbunden sind, können wir ihre Entwicklung nicht beschreiben, ohne zugleich unsere eigene Entwicklung, insbesondere in Kindheit und Jugend, in den Blick zu nehmen.
Wo sind wir zu Hause? - Der Tastsinn Das Wahrnehmungsfeld Wir alle kennen sicher die folgende Situation: Wir stehen nachts auf und gehen durch die Wohnung, und da wir den Weg vom Schlafzimmer zur Küche gut kennen, verzichten wir darauf, das Licht anzumachen. Dann stoßen wir plötzlich an. Hier steht doch sonst nichts! Das Abtasten mit den Händen bestätigt unsere Vermutung: Da hat jemand den Stuhl an einer Stelle stehen lassen, wo er nicht hingehört. Wir stellen ihn an den richtigen Platz, damit wir nicht noch einmal dagegenlaufen. Hätten wir einen anderen Weg genommen, hätten wir den Stuhl nicht bemerkt. So aber hat uns der Zusammenstoß eine Wahrnehmung des Stuhls verschafft. Doch nicht nur das. Wir haben durch das Anstoßen auch eine Wahrnehmung von der Stelle unseres Körpers, an der uns der Stuhl getroffen hat. So ist es bei jeder Tastwahrnehmung: Berühren wir mit der Hand einen Gegenstand, dann nehmen wir an ihm glatte oder raue Oberfläche wahr, Härte oder Nachgiebigkeit, Wölbungen, Kanten und vieles mehr. Gleichzeitig haben wir immer die Wahrnehmung der Stelle unseres Körpers, mit der wir den Gegenstand berühren. Jede Tastwahrnehmung an Dingen der Welt ist also immer zugleich eine Eigenwahrnehmung. Und diese Seite des Tastens ist es, die uns jetzt beschäftigen wird, wenn wir den Tastsinn als Körpersinn betrachten. Die andere Seite werden wir bei den Weltsinnen untersuchen.
Unsere Haut ist das Organ des Tastsinns. An jeder Stelle sind Tastwahrnehmungen möglich. Dabei unterscheidet sich die Sensibilität verschiedener Hautpartien sehr stark. Es gibt Stellen, da befinden sich auf einem Quadratzentimeter etwa 135 Tastrezeptoren, wie auf der Zungenspitze, den Fingerspitzen oder den Lippen, wo wir besonders sensibel sind. An anderen, weniger sensiblen Stellen, z.B. am Rücken, sind es nur sieben.
Außerdem gibt es in der Haut verschiedene Rezeptoren mit ganz unterschiedlichen Aufgaben. Jedes Haar beispielsweise ist an der Wurzel von einem Nerv umgeben (Haarbalgrezeptor). Er reagiert auf die Berührung des Haares und registriert jede Ablenkung. Dicht unter der Hautoberfläche befinden sich Rezeptoren (Merkelzellen), die auf Druck und Verformung reagieren. Etwas tiefer liegen Rezeptoren (Meißnersche Körperchen), die auf Berühren und leichtes Antippen sensibel sind, darunter andere, die eine Dehnung und Verformung der Haut registrieren (Ruffini-Körperchen), zuunterst solche, die auf Vibration ansprechen (Paccini-Körperchen). Durch diese Rezeptoren werden alle Formen des Hautkontaktes registriert. Zusammen bilden sie das Organ des Tastsinns.
Wir haben ständig Tastwahrnehmungen im Leben. Ob wir stehen, sitzen oder liegen, immer nehmen wir die Berührung mit dem Untergrund wahr, der uns trägt. Im Wasser nehmen wir die Berührung mit dem Wasser, in der Luft die Berührung mit dieser wahr. Wir spüren die Kleidung auf der Haut, jede Berührung mit einem Gegenstand oder mit einem anderen Menschen, gleichgültig ob die Aktivität von uns oder vom anderen ausgeht. Wir nehmen natürlich auch wahr, wenn wir uns selbst berühren. Berührungen können uns wecken. So erwachen wir z.B. an einer Falte im Bettlaken oder weil uns jemand anfasst. Und wir können uns durch eigene Berührung wach halten. Jeder von uns hat hier vielfältige Erfahrungen. Es gibt, das gilt es festzuhalten, keine Situation im Leben ohne eine Tastwahrnehmung.
Und was nehmen wir mit dem Tastsinn wahr, wenn er nur Körpersinn ist? Mit jeder Berührung nehmen wir eine Stelle unserer Körperoberfläche wahr, lernen sie dadurch kennen und können sie lokalisieren. Würden wir keine Berührung erleben, bliebe uns unsere Körperoberfläche unbekannt. Das Sehen kann hier nichts nützen, es kann uns nur das Aussehen dieser Oberfläche zeigen. Dass die gesehene Oberfläche zu unserem Körper gehört, das kann uns allein das Tasterlebnis vermitteln. Menschen, die den Tastsinn verloren haben, sind in einer schrecklichen Situation: Sie haben einen Körper und haben keine Wahrnehmung von ihm. Sie spüren nicht, wenn sie irgendwo anstoßen oder wenn sie berührt werden, und deswegen spüren sie auch die Grenze ihres Körpers nicht. Wir kennen alle eine vergleichbare Situation, nämlich wenn uns Hand oder Arm, wie wir sagen, eingeschlafen sind. Berühren wir dann den eingeschlafenen Arm, so fühlt er sich fremd an, weil er selbst keine Wahrnehmung von der Berührung hat.
Durch unsere Berührungserlebnisse erfahren wir also die Oberfläche unseres Körpers, und das heißt, wir erfahren mit seiner plastischen Gestalt und seiner Ausdehnung zugleich die eigene Grenze. Denn wir hören als körperlich-räumliches Wesen da auf, wo etwas anderes beginnt. Und so setzen wir uns mit jeder Berührung vom anderen ab und erfahren uns als Eigenwesen. Das ist aber nur die eine Seite der Erfahrung. Berührung bedeutet nämlich nicht nur Trennung. Denn mit jeder Berührung wird auch eine Verbindung zum Berührten hergestellt. Deshalb führt jede Wahrnehmung des Tastsinns immer zu zwei Erfahrungen, zu Trennung und Verbindung, oder anders ausgedrückt: Wir erfahren uns selbst nur durch die Wahrnehmung eines anderen.