Ein Ort fernab der Welt - Le Clézio, Jean-Marie G.

Jean-Marie G. Le Clézio 

Ein Ort fernab der Welt

Roman

Aus d. Französ. v. Uli Wittmann
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Produktbeschreibung zu Ein Ort fernab der Welt

Nobelpreis für Literatur an JMG Le Clézio

Im Jahr 1891 fahren die Brüder Archambau nach Mauritius in die Heimat der Familie. Auf der Schiffsreise, die über Aden führt, wo der Arzt Jacques den todkranken Dichter Rimbaud behandelt, brechen die Pocken aus. Die Passagiere, Europäer und indische Kulis, dürfen deshalb in Mauritius nicht an Land, sondern kommen auf einer nahen, von Indern bewohnten Insel in Quarantäne. Unter den verschiedenen Gruppen brechen bald unerträgliche Spannungen auf. Nur Léon, tief beeindruckt vom Dichter des Trunkenen Schiffs, fühlt sich nicht eingeschlossen. Er erfährt die Insel und die Weite des Meers als Befreiung und seine Liebe zu der jungen Inderin Suryavati als Aufbruch in ein neues Leben.

In drei kunstvoll miteinander verwobenen Handlungssträngen, die von der Gegenwart bis weit in die Kolonialzeit reichen, erzählt Le Clézio in wunderbar klarer Sprache die Geschichte der Archambaus. Er entführt den Leser in eine fremde Welt, nimmt ihn mit auf Spurensuche in der Ferne.

Dieser poetische Roman, Familiensaga und Abenteuergeschichte in der Tradition Joseph Conrads und R. L. Stevensons, führt auf eine kleine tropische Insel vor Mauritius im Indischen Ozean. Für die Brüder Jacques und Léon Archambau, deren ungewöhnliches Schicksal J. M. G. Le Clézio erzählt, ist die Insel Hölle und Paradies zugleich.

Im Jahr 1891 fahren die Brüder Archambau nach Mauritius in die Heimat der Familie. Auf der Schiffsreise, die über Aden führt, wo der Arzt Jacques den todkranken Dichter Rimbaud behandelt, brechen die Pocken aus. Die Passagiere, Europäer und indische Kulis, dürfen deshalb in Mauritius nicht an Land, sondern kommen auf einer nahen, von Indern bewohnten Insel in Quarantäne. Unter den verschiedenen Gruppen brechen bald unerträgliche Spannungen auf. Nur Leon, tief beeindruckt vom Dichter des "Trunkenen Schiffs", fühlt sich nicht eingeschlossen. Er erfährt die Insel und die Weite des Meers als Befreiung und seine Liebe zu der jungen Inderin Suryavati als Aufbruch in ein neues Leben. In drei kunstvoll miteinander verwobenen Handlungssträngen, die von der Gegenwart bis weit in die Kolonialzeit reichen, erzählt Le Clezio in wunderbar klarer Sprache die Geschichte der Archambaus. Er entführt den Leser in eine fremde Welt, nimmt ihn mit auf Spurensuche in der Ferne.

Produktinformation


  • Abmessung: 212mm x 139mm x 51mm
  • Gewicht: 752g
  • ISBN-13: 9783462041163
  • ISBN-10: 3462041169
  • Best.Nr.: 25408017
"Irgendetwas gerät in mir in Bewegung, wie ein entferntes, verborgenes Beben: Ich habe "Ein Ort fernab der Welt gelesen.""(Jorge Semprun)
"Ein bedeutendes Buch, ein literarisches Werk ersten Ranges."(Le Monde)
"Der Roman erlaubt es dem Verfasser, von sich zu sprechen, ohne dass es diesen Anschein hat. Und dem Leser ermöglicht er es, sich Fragen über die eigene Person zu stellen. Heute kann man sich nicht mehr zum Dorfplatz begeben und einem Erzähler zuhören. Man kann nicht mehr auswendig die Geschichte der Ahnen erzählen. Genau darum geht es im Roman: Er ist die uns gemäße Art, unsere Welt und unsere Geschichte zu erfinden."(J.M.G. Le Clezio)
"Einer der letzten klarsichtigen Zauberer der heutigen Literatur"(Ute Stempel, Brigitte)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 07.07.2000

Wem die Karotte glüht
Abenteuerlich: J. M. G. Le Clézio möchte Rimbaud amputieren

In seinem neuen Roman schöpft Le Clézio aus mehreren längst tot geglaubten konventionellen Genres. Er ist zugleich Familienchronik, Seefahrergeschichte und Kolonialwarenroman mit stark parfümierter Inselexotik. Das hat nur stellenweise den Charme des Altmodischen und wird nach und nach zur belohnungsfreien Geduldsprobe. Erzählt wird die Geschichte der "fluchbeladenen" Familie Archambau, die auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean Zuckerrohrplantagen besaß. Nach dem Bruch mit dem Patriarchen wird sie vom kolonialen Gut vertrieben und strandet in Paris, wo Mutter Amalia stirbt und die Söhne Léon und Jacques als bedauernswerte Waisen zurücklässt. Aus der Perspektive des Enkels von Jacques wird der erste Teil des Romans erzählt, der den gefährlichen Titel "Der Reisende ohne Ziel" trägt und den Leser in der Panik aufschrecken lässt, damit könnte der Romanautor selber gemeint sein.

Le Clézio verwendet den zugegeben schlauen Trick, dass er schon auf der ersten Seite erwähnt, besagter Großvater Jacques sei 1872 zum ersten Mal Rimbaud begegnet. Mit …

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"Einer der letzten klarsichtigen Zauberer der heutigen Literatur" Ute Stempel, Brigitte

"Irgendetwas gerät in mir in Bewegung, wie ein entferntes, verborgenes Beben: Ich habe 'Ein Ort fernab der Welt' gelesen." Jorge Semprun

"Ein vollkommener Roman, kunstvoll aufgebaut und brillant geschrieben." La Quinzaine littéraire

"Einer der letzten klarsichtigen Zauberer der heutigen Literatur Ute Stempel, Brigitte Irgendetwas gerät in mir in Bewegung, wie ein entferntes, verborgenes Beben: Ich habe 'Ein Ort fernab der Welt' gelesen. Jorge Semprun Ein vollkommener Roman, kunstvoll aufgebaut und brillant geschrieben. La Quinzaine littéraire "Einer der letzten klarsichtigen Zauberer der heutigen Literatur" Ute Stempel, Brigitte "Irgendetwas gerät in mir in Bewegung, wie ein entferntes, verborgenes Beben: Ich habe 'Ein Ort fernab der Welt' gelesen." Jorge Semprun "Ein vollkommener Roman, kunstvoll aufgebaut und brillant geschrieben." La Quinzaine littéraire
J.M.G. Le Clézio, 1940 in Nizza geboren, studierte in Frankreich und England Literatur. Er veröffentlichte über dreißig Bücher - Romane, Erzählungen, Essays - und erhielt zahlreiche Literaturpreise. LeClézio lebt abwechselnd in Frankreich und Neumexiko.

Leseprobe zu "Ein Ort fernab der Welt" von Jean-Marie G. Le Clézio

Plötzlich tauchte er im verräucherten, von Öllampen beleuchteten Raum auf. Er riss die Tür auf, und einen Augenblick hob sich seine Silhouette in der Dunkelheit vor dem Eingang ab. Jacques hat es nie vergessen. So groß, dass sein Kopf fast den Türrahmen berührte, die Haare lang und struppig, das Gesicht sehr hell und mit kindlichen Zügen, seine langen Arme und breiten Hände, sein Körper in eine zu knappe, hochgeknöpfte Jacke gezwängt. Vor allem diese verstörte Miene, dieser verkniffene, von Trunkenheit getrübte Blick voller Bosheit. Regungslos blieb er an der Tür stehen, als zögere er, dann stieß er Schimpfworte, Drohungen aus, ballte die Fäuste. Es wurde still im Raum.

Ich denke daran, wie mein Großvater zum ersten Mal Rimbaud gesehen hat. Das muss Anfang 1872 gewesen sein, im Januar oder Februar. Ich kann das Datum an Amalias Todestag und am Besuch von Major William in dem Beerdigungsunternehmen und Devotionaliengeschäft feststellen, das sich im Erdgeschoss seines Hauses in der Rue Saint-Sulpice befindet. Nach ihrem Bruch mit dem Patriarchen, ihrer Vertreibung aus Gut Anna und ihrer Abreise aus Mauritius gegen Ende 71 hatten Antoine und Amalia eine Wohnung in Paris im Viertel Montparnasse genommen. In jenem Winter herrschte in Paris eine tödliche Kälte, in der Seine schwammen Eisschollen. Amalia hatte sich noch nicht richtig von dem Fieber erholt, an dem sie nach Léons Geburt gelitten hatte. Vielleicht war sie durch den Streit mit Alexandre noch anfälliger geworden. Sie starb in den letzten Januartagen an einer Lungenentzündung. Léon war noch kein Jahr alt. Mein Großvater Jacques war knapp neun. Als er seinen Onkel William begleitete, muss er in das Café an der Ecke Rue Madame / Rue Saint-Sulpice gegangen sein. Der Onkel dachte wohl, dass Jacques noch zu klein sei, um in dem Geschäft einen Kranz auszusuchen. Er ließ ihn vor einer Schale Glühwein in dem Bistro zurück.

Es war das erste Mal, dass Jacques Mauritius verlassen hatte. In Frankreich kam ihm alles herrlich und erschreckend vor, die fünfstöckigen Häuser, das Rattern der Kutschen auf dem Pflaster, die Züge, die öffentlichen Bäder in Montparnasse mit ihren hohen Schornsteinen, die schwarzen Rauch in den grauen Himmel spien, die Schneewehen an den Parkrändern und vor allem die Menschen, die dicht gedrängte Menge, die sich stoßend und drängelnd vorwärts schob. Die Männer hatten blasse, bärtige Gesichter, Hüte wie Ofenrohre, pelzgefütterte Umhänge, Spazierstöcke, Gamaschen. Die Frauen trugen unzählige Lagen von Röcken, Miedern, Kleidern und Mänteln übereinander, und auf ihren kleinen Köpfen mit den dicken Haarknoten waren sonderbare, schleierbesetzte Hüte mit Nadeln festgesteckt. Jacques musste sich an Onkel William drücken, seine kleine Hand wurde von der Pranke des Riesen fast zerquetscht. Er verstand den seltsamen Akzent der Leute in dieser Stadt nicht, wusste nicht auf die Fragen seiner kleinen Nachbarinnen zu antworten. Sie sagten: "Wie kann man nur so blöd sein!" Sie nannten ihn einen Dummkopf, einen komischen Kauz. Die letzten Tage vor dem Tod seiner Mutter verbrachte er von morgens bis abends mit Onkel William. Es war furchtbar für ihn, hören zu müssen, wie seine Mutter erstickte, und zu sehen, wie ihr bleiches Gesicht und ihr schönes schwarzes Haar in Strähnen auf dem Kopfkissen lag. Antoine war völlig gebrochen. In der letzten Woche erkannte Amalia weder ihren kleinen Jungen noch das Baby. Sie phantasierte. Sie glaubte, sie sei in das Haus ihres Vaters am Ufer des Hugli zurückgekehrt und halte auf der Veranda Ausschau nach dem Regen.

Major Charles William war in die kleine Wohnung über der Devotionalienhandlung in der Rue Saint-Sulpice gezogen, um an der Seite Amalias zu sein - der Eurasierin, wie man sie in der Familie nannte. Seit sein Bruder sie während des Aufstands der Sepoy in der Nähe von Allahabad, wo sie durch die Wälder irrte, aufgelesen hatte, gehörte sie zu seiner Familie. Beim Tod seines Bruders war Amalia zu seinem einzigen Kind, seinem Liebling geworden. Als sie in jenem Winter starb, wäre ihm fast darüber das Herz gebrochen. Er blieb damals in Paris, um sich um die beiden Jungen zu kümmern, weil Antoine nicht mehr dazu fähig war. Anschließend zog er sich nach London zurück. Heute weiß man nichts mehr über die Familie William. Amalias tragischer Tod hat alle Bande zerrissen.

Die Archambaus sind zu einer fluchbeladenen Sippe geworden. Wenn es nicht den Bruch mit dem Patriarchen gegeben hätte, wäre vermutlich alles anders verlaufen, das stimmt allerdings. Amalia wäre auf Gut Anna geblieben, und wir hätten eine Heimat, einen Ursprung, ein Vaterland behalten.

In Paris war in jenem Winter alles düster. Antoine hatte bei seiner Ankunft feststellen müssen, dass der größte Teil seines Vermögens - der Teil, der aus dem Nachlass von Gut Anna stammte - stark zusammengeschmolzen war. In den Jahren nach seiner Eheschließung, als er in Paris wohnte, hatte er verschwenderisch gelebt. Er wollte Amalia beeindrucken, sich selbst beeindrucken. Er war von skrupellosen Geschäftsleuten, Handelsgehilfen und Notaren ausgeplündert worden. Antoine war ein Träumer. Er interessierte sich hauptsächlich für Poesie, für Literatur. Er hatte in Luftschlösser investiert. In nicht existierenden Gemüseanbau, in imaginäre Eisenbahnlinien. Fern von Mauritius hatte er seine harte Schale, seinen Panzer verloren und war völlig schutzlos geworden. Hinzu kam noch Alexandre Archambaus Hass auf diesen Halbbruder, der im Alter von sechs Jahren wie ein Eindringling aufgetaucht war, diesen unbekümmerten, oberflächlichen Halbbruder, der ihm so gar nicht glich. Alexandre brauchte nicht einmal einzugreifen. Als sein Bruder allmählich in Bedrängnis kam, konnte Alexandre sich damit begnügen, dessen Niedergang zuzuschauen.

Gegen Ende Januar 1872 also, als Amalia im Sterben liegt, geht der Major mit Jacques in die Rue Saint-Sulpice und setzt ihn in dem Eckbistro gegenüber der Devotionalienhandlung ab. Mehrmals ist Jacques schon vor dem Schaufenster des Geschäfts (der Firma Chovet) stehen geblieben, um all diese erstaunlichen, ein wenig beängstigenden Dinge zu betrachten, die Kruzifixe, die Marienfiguren, die Medaillen, die Kränze und die schwarzen Marmortafeln. Der Inhaber des Geschäfts hat ihn sogar eines Tages angesprochen, als Jacques auf Onkel William wartete, der ein paar Schritte hinter ihm zurückgeblieben war. Er ist ein alter glatzköpfiger Herr mit Augen, blau wie Vergissmeinnicht, wie Jacques sie noch nie gesehen hat. Das Bistro auf der anderen Straßenseite wirkt beunruhigend. Wenn sich die Glastür öffnet, dringt tosendes Stimmengewirr, ein Schwall von Gelächter nach draußen. Doch der Major ist Stammgast. Ersetzt sich gern dort hin, um seinen Glühwein zu trinken, nuckelt an seiner Pfeife und zwirbelt seinen langen schwarzen Schnurrbart.

Mein Großvater Jacques hat nie mit mir darüber gesprochen. In der letzten Zeit, als er in Montparnasse wohnte, war er schweigsam, las ständig Zeitung und rauchte dabei eine Zigarette nach der anderen, ohne sich um das Kind zu kümmern, das ich damals noch war. Meine Großmutter Suzanne hat mir das alles erzählt. Meine Großmutter erzählte gern Geschichten. Die meisten waren erfunden und drehten sich um einen pfiffigen Affen namens Zami. Aber ab und zu erzählte sie eine wahre Geschichte. Dann sagte sie vorher zu mir: "Pass gut auf. Was ich dir jetzt sage, ist wahr. Ich habe nichts hinzugedichtet. Wenn du mal Kinder hast, musst du ihnen das genauso wiedererzählen, wie ich es dir erzählt habe." Ich habe meine Großmutter Suzanne sehr gern gemocht. Sie war nicht sehr groß, ziemlich füllig, hatte ein hübsches Gesicht mit schmaler Nase, kleinem Mund und grauen Augen, die durch die Lesebrille vergrößert wurden. Sie hatte weißes, kurz geschnittenes Haar, was zu jener Zeit Verwunderung hervorrief. Sie sagte, sie habe als Erste eine solche Frisur getragen. Ich war vierzehn, als sie 1954 starb, sechs Jahre nach meinem Großvater. Ich war sehr traurig. Ich bin in das Schlafzimmer mit den zugezogenen Vorhängen gegangen, wo sie sehr sauber und ordentlich wie immer in ihrem Bett aus gedrehtem Messing lag und zu schlafen schien. Ich habe ihre eiskalte Stirn und ihre Wangen berührt. Ich erinnere mich noch an die tiefen Schatten unter ihren Lidern. Ich hätte gern noch einmal ihre hellgrauen Augen gesehen.

Sie hatte dafür gesorgt, dass all die Bücher aufbewahrt wurden. Als mein Großvater 1919 zum letzten Mal nach Mauritius zurückkehrte, um nach Alexandres Tod endgültig alles zu regeln, bat sie ihn, alle Bücher mitzubringen. Es waren zum großen Teil die Bücher, die Antoine in seiner Jugend in Paris gesammelt hatte und die nach seiner Abreise in drei großen Bücherschränken aus Mahagoni im Kometen-Pavillon (der so hieß, weil er 1834 während des Erscheinens des großen Kometen erbaut worden war und am Giebel eine geschnitzte Holztafel hatte, die mit dem berühmten Meteor verziert war) geblieben waren. Zu diesen Gedichtsammlungen, Philosophiebüchern und Reiseberichten hatte sie ihre eigenen Bücher hinzugestellt, die Werke ihrer Lieblingsdichter, Shelley, Longfellow, Hugo, Heredia, Verlaine. Manchmal las sie mir Gedichte vor. Sie hatte eine sanfte, warme Stimme, die sich stark von der tiefen Stimme meines Vaters abhob. Meine Mutter hörte ihr gern zu. Sie sagte, Suzanne hätte Schauspielerin werden sollen. Ihr Lieblingsgedicht war Fata Morgana von Longfellow.

O sweet illusions of song

That tempt me everywhere,

In the lonely fields, and the throng

Of the crowded thoroughfare!...

Ich habe es nicht vergessen. Eines Tages, nachdem sie mir das Gedicht "Es weint mir tief im Herzen, wie's regnet auf die Stadt" vorgelesen hatte, erzählte sie mir, was an jenem Abend geschehen war, als Amalia starb und mein Großvater in der Rue Saint-Sulpice in die Wirtschaft ging. Es war schon dunkel und regnete vielleicht. Ich bin mir der Einzelheiten nicht mehr ganz sicher, ich habe den Eindruck, als hätte ich das alles geträumt und - trotz der Ermahnungen meiner Großmutter - meine eigenen Erinnerungen einfließen lassen. Als ich zum ersten Mal mit meiner Mutter aus Lorient nach Paris fuhr, um nach der Demobilisierung meinen Vater zu treffen, kamen wir um die gleiche Jahreszeit, in die gleiche vom Krieg verwüstete Stadt mit dunklen, regennassen Straßen, die etwas Düsteres und Armseliges hatten, und überall war der Geruch von Öfen, in denen dick vermummte alte Leute all das verheizten, was sie finden konnten, Bretter, Papier, Kohlenstaub.

Manchmal habe ich den Eindruck, als hätte ich das alles erlebt. Oder als wäre ich der andere Léon, der für immer verschollen ist und von dem mir Jacques, als ich klein war, so viel erzählt hat. Die überhitzte verräucherte Wirtschaft, der beißende Tabaksqualm und der pfeffrige Geruch nach Absinth. Mit neun Jahren musste man das Gefühl haben, durch das Tor zur Hölle zu gehen.

Der Major hat Jacques zu einem Tisch im hinteren Teil des Cafés geführt, wo Bohnensuppe und Brot gegessen oder Glühwein getrunken wird. Die Mehrzahl der Stammgäste sind Studenten aus dem Quartier Latin, Medizinstudenten oder Künstler, die in den Ateliers in Montparnasse oder in der Rue Falguière leben. Es sind auch ein paar Leute da, die man wohl zu den Clochards rechnen muss, junge, wie Kosaken gekleidete Vagabunden und leichte Mädchen, aber das stört Onkel William nicht, eine eher ungewöhnliche Umgebung, um einen kleinen Jungen allein zu lassen, auch wenn es Stein und Bein friert. Der Major ist ein Freidenker, ein Kirchenfeind. Er hat der Ehe der Adoptivtochter seines Bruders nur zugestimmt, weil Antoine nicht den selbstsüchtigen, konformistischen grands mounes, den Weißen aus Mauritius, glich.

Antoine hatte Amalia geheiratet, ohne nachzudenken. Er war in dieses hübsche, dunkelhäutige, exotische Mädchen verliebt, das er auf dem Schiff kennen gelernt hatte und das nach Frankreich fuhr, um sich als Privatlehrerin ausbilden zu lassen. Eine Eurasierin, die noch dazu einen englischen Namen trug. Als sie nach Mauritius zurückkehrten, um sich im renovierten Kometen-Pavillon auf Gut Anna niederzulassen, merkte Amalia sogleich, dass es eine Fehlentscheidung war. Dennoch hielt sie zehn Jahre aus, weil sich Antoine hartnäckig weigerte, es einzusehen. Er glaubte, er habe noch das eine oder andere Recht, könne entscheiden, wählen, sich gegen seinen Bruder behaupten. Ohne es zu wissen, hatte er schon alles verloren. Die Zuckermühle war verpfändet, und Antoines Anteile an der Ernte der nächsten Jahre würden nicht ausreichen, um die Schulden zu begleichen. Amalia muss es sofort begriffen haben, weil ihr Instinkt sie gewarnt hatte, dass niemand hier - und ganz bestimmt nicht Alexandre und die Mitglieder des "Bundes der Moralhüter" - Antoine seine Leichtfertigkeit und seine Unbesonnenheit verzeihen würden. Amalia hatte in dieser Gesellschaft keinen Platz. Als sie nach Léons Geburt nach Europa fuhren, mochte Antoine wohl glauben, dass er eines Tages zurückkehren würde. Aber sie wusste, dass es für immer war. Als habe sie schon die Kälte des Todes in sich gespürt.

All das habe ich erst viel später begriffen, als Suzanne nicht mehr da war, um mir Geschichten zu erzählen. Jacques sitzt allein am Tisch, hinten im Bistro und guckt sich die Augen aus dem Kopf. Es ist seltsam, sich vorzustellen, dass der Major in der Devotionalienhandlung auf der anderen Seite der Kreuzung damit beschäftigt ist, einen Kranz für Amalia auszusuchen. Als er zurückkommt, stehen eine Schüssel Bohnensuppe und die Schalen mit Glühwein auf dem Tisch. Der Major ist sehr groß, sehr kräftig und sonnenverbrannt wie ein Zigeuner. An diesem Abend dürfte er wohl die Atmosphäre des Bistros besonders geschätzt haben, das Geschrei, die gröhlenden Stimmen der trunksüchtigen Dichter, die anzüglichen, gotteslästerlichen Bemerkungen der Medizinstudenten. Er zeigt Jacques einen Mann, der auf der anderen Seite des Lokals sitzt, einen kleinen rundlichen Herrn mit lichtem Haar und gepflegtem Bart, der eine lange Pfeife raucht. "Siehst du den Mann dort? Das ist Paul Verlaine, ein großer Dichter." Und in diesem Augenblick wird die Tür des Cafés aufgerissen, und auf der Schwelle taucht ein junger Mann auf, fast noch ein Halbwüchsiger mit kindlichem Gesicht. Er ist groß, hat einen rohen Gesichtsausdruck, sein Blick ist vom Alkohol getrübt. Er bleibt auf der Schwelle stehen, stößt Schimpfworte, Drohungen aus, provoziert die Anwesenden wie ein Ringkämpfer auf dem Jahrmarkt und ballt die Fäuste. Zwei Kellner wollen ihn hinauswerfen, doch er stößt sie zurück, schlägt auf sie ein. Erschrocken drückt sich Jacques an den Major, um sich hinter ihm zu verstecken. Wahnsinn trübt den Blick des jungen Mannes vor der Tür, seine laute Stimme hallt durch die Stille des Raums. Dann steht der bärtige Herr vom Tisch gegenüber auf. Er trägt einen langen eleganten Überzieher und eine übertrieben große Künstlerschleife. Er geht ruhig zur Tür, spricht mit dem Jungen. Niemand hört, was er sagt, doch es gelingt ihm, ihn zu beruhigen. Er nimmt ihn am Arm, und gemeinsam gehen sie in die Dunkelheit hinaus. Bevor der Junge das Bistro verlässt, dreht er sich um. Sein Haar ist wirr, seine Jacke an den Ärmeln aufgeplatzt. Er lässt noch einmal den verkniffenen Blick drohend über die Anwesenden schweifen, dann entfernen sich die beiden, und es bleibt nur der eisige Lufthauch zurück, der eine Weile durch den Raum zieht. "Wer war das?" hat Jacques gefragt. "Der da? Nichts, bloß ein Rumtreiber." Ich bin sicher, dass das die Worte meiner Großmutter Suzanne waren, als sie über Rimbaud sprach: ein Rumtreiber. Dabei hatte sie mir mehrmals die Verse vorgelesen, die der Rumtreiber geschrieben hatte, eine seltsame Musik, die ich nicht so recht verstand, wirr wie der Blick, den er durch das Innere des Bistros schweifen ließ.Im Sommer 80, in der Woche bevor ich nach Mauritius flog, habe ich das Bistro gesucht, in dem mein Großvater den Rumtreiber gesehen hatte. An der Ecke der Rue Madame ist tatsächlich ein Laden mit religiösen Artikeln, über dem der Major William seine Wohnung gemietet hatte. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig habe ich kurz vor der Ecke ein altes, leer stehendes Geschäft mit niedriger Tür und jenen alten, aus einem Stück gefertigten Fensterläden entdeckt, die man jeden Abend von außen festhakt. Ich habe beschlossen, dass es das Weinlokal gewesen sein müsse, in das der Major meinen Großvater mitgenommen hatte, das verrufene Bistro, in dem Verlaine an jenem Abend mit Rimbaud verabredet war. Während dieser ganzen ersten Juniwoche lief ich durch die Straßen von Paris, so wie ich es seit meiner Jugend nicht mehr getan hatte. Das Wetter war herrlich, ein heiterer Himmel mit schnell dahinziehenden Wolken. Die Frauen waren sommerlich gekleidet, die Terrassen der Cafés überfüllt.

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