ZEHN JAHRE NACH DEM STURZ der Ceausescu-Diktatur stehen Neuwahlen
an. Die Rentnerin Emilia Apostoae, die den größten Teil ihres
Lebens unter dem Regime der "Volksmacht" verbracht hat,
erhält einen Anruf von ihrer nach Kanada emigrierten Tochter Alice:
"Wähle ja nicht die Kommunisten". Dieses Telefonat und
die folgenden Diskussionen stürzen Emilia in eine Identitäts- und
Nostalgiekrise und sie erinnert sich wehmütig an eine Zeit, in der
alles perfekt schien (aber gar nichts stimmte). Nach und nach
verwebt die "Rote Babuschka" den problematischen Alltag
des heutigen Rumänien mit dem Alltag der Vergangenheit und geht
sich dabei selbst auf den Leim. Mit Bauernschläue und Mutterwitz
schlagen Dan Lungus Figuren den absurden Auswüchsen des Lebens ein
Schnippchen. Und wie schon das international erfolgreiche
"Hühnerparadies", ist "Die Rote Babuschka" von
großer Fabulierlust und feiner, hinterlistiger Ironie geprägt. Doch
es ist mehr als die Geschichte einer einfachen, energischen, alten
Frau. Es ist das Museum des täglichen Lebens in einem totalitären
Regime, eine Sammlung politischen Humors und eine Geschichte mit
einem überraschenden Ende.
Rezensentin Judith Leister hat mit großem Interesse den Roman "Die rote Babuschka" des rumänischen Autors Dan Lungu gelesen, denn sie fand hier das überzeugende Porträt einer typischen Mitläuferin. Das Buch, als sprachlich zurückgenommene und pointengesättigte "Burleske" dargeboten, lässt die alte Emilia von ihrem Alltag im mittlerweile im Kapitalismus angekommenen Rumänien erzählen, unterbrochen von nostalgisch gefärbten Erinnerungen an ihr Leben als Fabrikarbeiterin unter Ceausescu, so die Rezensentin. Emilia leidet unter der Gegenwart, weshalb sie sich die Vergangenheit schönfärbt, stellt Leister fest, die hier das treffende Charakterbild eines Menschentypus findet, "der sich für die Gegenwart grundsätzlich nicht verantwortlich fühlt".
Dan Lungu, geb. 1969 in Botoani, Rumänien. Lehrt am Soziologie-Institut der Universität in Iai. Schreibt Lyrik, Kurzprosa und Romane. Zahlreiche literarische Auszeichnungen. Lesereise und Medienauftritte (u. a. bei ARTE) in Frankreich. Dan Lungus Konzept eines "mikrosozialen Neorealismus" findet seine griffigste Verkörperung in der Kurzprosa, die sich der Alltagssprache und subkultureller Jargons bedient.
Ein Marktplatz-Angebot für "Die rote Babuschka" für EUR 11,95