Die Puppenspieler - Kinkel, Tanja

Die Puppenspieler

Roman

Tanja Kinkel 

 
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Die Puppenspieler

Im Jahre 1484 gibt der Papst das Signal zur Hexenverfolgung. Und mitten in Deutschland muss ein Zwölfjähriger zusehen, wie seine Mutter auf dem Scheiterhaufen endet. Richard, Sohn eines schwäbischen Kaufmanns und einer schönen Sarazenin, werden die unmenschlichen Bilder für immer verfolgen. Bis ins Haus des reichen Jakob Fugger, der den Neffen seiner Frau aufnimmt und in seinem Hause erziehen lässt. Und später nach Florenz und Rom, wo er für Jakob Fugger arbeiten wird. Im Italien der Medici und Borgia, der Busspredigten eines Savonarola und der grenzsprengenden Kunst eines Michelangelo wird Richard gegen das Erbe seines eigenen Blutes kämpfen. Und er muss sich endgültig entscheiden zwischen Freundschaft und Liebe, zwischen dem Wunsch nach Rache und einem ungebundenen, vorurteilsfreien Leben.


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 1995
  • 1995
  • Seitenzahl: 672
  • Goldmann Taschenbücher Bd.42955
  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 125mm x 40mm
  • Gewicht: 413g
  • ISBN-13: 9783442429554
  • ISBN-10: 3442429552
  • Best.Nr.: 05989648
Tanja Kinkel, 1969 in Bamberg geboren, verfasste bereits im Alter von acht Jahren ihre erste Erzählung. Heute ist die promovierte Germanistin eine der erfolgreichsten Autorinnen historischer Romane, die regelmäßig die Bestsellerlisten erobern und in neun Sprachen übersetzt werden. Schon 1992 wurden ihre ersten beiden Bücher mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für junge Schriftsteller ausgezeichnet. "Wenn es nicht wahr ist, dann ist es eine gute Geschichte", so zitiert Tanja Kinkel ein italienisches Sprichwort und umschreibt damit zugleich ihr persönliches Erfolgsrezept.

Leseprobe zu "Die Puppenspieler"

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Leseprobe zu "Die Puppenspieler" von Tanja Kinkel

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Der Alptraum

Die Frühlingssonne schien hell durch das verglaste Fenster auf den Tisch, hinter dem der Abt des Klosters St. Georg zu Wandlingen saß und ein Dokument, das vor ihm lag, studierte. Die tanzenden Strahlen ließen einzelne Buchstaben wie dunkle Flecke hervortreten. Satzbruchteile fingen seinen Blick auf:

"Innozenz, Diener der Diener Gottes ... Es sind uns große Beschwerden zu Ohren gekommen, daß in einigen Teilen Oberdeutschlands, wie auch ... sehr viele Personen beiderlei Geschlechts, ihre eigene Seligkeit vergessend ... die geliebten Söhne Heinrichs Institoris ... Jakob Sprenger ..., daß diesen Inquisitoren das Amt solcher Inquisition erlaubt sei und sie zur Besserung, Inhaftierung und Bestrafung solcher Personen ..."

Ein leises Hüsteln lenkte ihn von seiner Lektüre, der Bulle "Summis desiderantes" des neuen Papstes Innozenz VIII., ab. Der Abt seufzte. Die neue Bulle war von höchster Wichtigkeit, und er hätte sich ihr gern ausführlicher gewidmet. Doch noch andere Aufgaben warteten auf ihn. Dieses Kloster beherbergte nicht nur Angehörige des Benediktinerordens, sondern auch eine Menge Schüler. Mit einem solchen befand sich Bruder Ludwig jetzt hier; der Abt hatte die beiden eintreten lassen, konnte sich jedoch nicht sofort von seinem Dokument losreißen. In dem Begleitschreiben, das von einem befreundeten Würdenträger der Kirche stammte, wurde die Bulle als Meilenstein bezeichnet. Und so warteten der Lehrer und sein Schüler schon an die fünf Minuten. Die Bulle mußte ein wenig zurückgestellt werden.

"Was gibt es, Frater?" fragte der Abt freundlich, doch mit ein wenig ungeduldigem Unterton. Bruder Ludwig zählte noch nicht lange zu seinen Mönchen. Vor einem halben Jahr war er aus Speyer gekommen und hatte nun den alten Bruder Andreas als Geographie- und Geschichtslehrer abgelöst. Die Schüler hatten, soweit der Abt wußte, bisher nicht allzu begeistert darauf reagiert, und er hegte den Verdacht, daß der neue Bruder aus diesem Grund zu ihm gekommen war.

Bruder Ludwig räusperte sich erneut. Er war ein mittelgroßer, unauffälliger Mann, ein wenig gedrungen, noch keine dreißig, doch sein Haar wäre auch ohne die Tonsur bereits schütter gewesen. Er blickte von dem Abt zu seinem Schüler und sagte schließlich unbehaglich: "Es handelt sich um diesen Schüler hier, ehrwürdiger Abt, Richard Artzt."

In den Augen des Abts leuchtete erstmals so etwas wie Interesse auf. "Das dachte ich mir, Bruder Ludwig", erwiderte er trocken, "doch was hat er getan?"

Der Mönch, der in der schwarzen Kutte der Benediktiner unnatürlich bleich aussah, trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Er war kein begnadeter Redner, und er wußte, daß es dem Abt nicht gefallen würde, wenn er jetzt schon Schwierigkeiten mit den Jungen, die ihm anvertraut waren, nicht allein lösen konnte. Bruder Andreas hatte es immer verstanden, sich durchzusetzen, das hielt man ihm jedenfalls ständig vor, und dieser Junge war, wie es hieß, einer seiner Vorzugsschüler gewesen. Ludwig versuchte energisch zu wirken und straffte die Brust.

"Er schenkt dem Unterricht wenig oder überhaupt keine Aufmerksamkeit und widerspricht seinem Lehrer", sagte er, und seine Stimme klang dünn und abwehrend zugleich.

Der Abt zwinkerte. "Nun, Richard", sagte er, immer noch freundlich, "weißt du nicht, daß ein Schüler seinem Lehrer mit Gehorsam und Ehrfurcht begegnen muß?"

Der Junge verzog das Gesicht. "Ich gehorche doch ... ich lerne jede meiner Lektionen. Wenn Bruder Ludwig mich im Unterricht aufruft, kann ich ihm jederzeit den Inhalt der Stunde wiederholen. Das ist doch wahr, oder?" wandte er sich herausfordernd an Ludwig. Dieser errötete. Der Abt griff ein.

"Richard", sagte er streng, "dies ist nicht die Art, mit einem Erwachsenen zu sprechen, von einem Priester ganz zu schweigen." Er schwieg einen Moment und musterte den Jungen. Richard war zwölf Jahre alt, doch eher klein für sein Alter, und seine leicht bräunliche Haut stach gegen die Blässe Bruder Ludwigs ab. Auch seine Haare waren braun, doch von einer satten, üppigen Farbe, die an Herbstlaub erinnerte und manchmal ins Rötliche, zu anderen Zeiten ins Schwarze überzugehen schien. Seine Augen funkelten tiefschwarz und gaben dem Jungen zusammen mit seinen hohen Wangenknochen einen fremdartigen Ausdruck. Richard hatte gerade, dichte Augenbrauen und einen feingeschnittenen Mund, der im Ärger schmal und hart wirkte. Wenn jemand Grund dazu hat, ärgerlich zu sein, dachte der Abt verdrießlich, dann bin ich es. Wo käme ich hin, wenn ich mich um jede kleine Unstimmigkeit zwischen Schülern und Lehrern kümmern müßte?

"Wenn Richard gelernt hat, was er lernen soll", sagte er ein wenig müde, "dann sehe ich nicht, wo die Schwierigkeit liegt."

Die Röte auf Bruder Ludwigs Wangen vertiefte sich noch weiter, was bei seiner sonstigen Blässe und dem korpulenten Körperbau äußerst unvorteilhaft wirkte.

"Er widerspricht mir", sagte er hastig, "und das auf die abscheulichste und ketzerischste Weise. Das schadet meinem Ansehen bei den übrigen Schülern, ganz abgesehen davon, daß es sie zum Lachen bringt, wenn ..."

Er verstummte. Richard vollendete unbekümmert: "Wenn Bruder Ludwig glaubt, ich hätte nicht auf seine langweiligen Lektionen geachtet, weil ich gezeichnet habe, und mich deswegen aufruft." Er hielt ein wenig inne, dann fuhr er mit genügendem Respekt fort, um jeden zu täuschen, der nicht so erfahren war wie der Abt: "Ehrwürdiger Vater, ich liebe die Wissenschaften und schätze Bruder Ludwigs Unterricht, doch was soll ich machen? Wenn ich schweige, denkt er, ich sei unaufmerksam, und wenn ich also spreche und etwas zu dem sage, was er vorträgt, ist er auch unzufrieden. Ich möchte ein gehorsamer Schüler sein, aber wie?"

Der Abt bemerkte den Unterton von Ironie sehr wohl, anders als Bruder Ludwig, der durch diese zerknirscht wirkende Rede ein wenig besänftigt schien.

"Es sind nur deine ketzerischen Ansichten, Richard", sagte er kompromißbereit. "Es ziemt sich einfach nicht, zu behaupten, die Kreuzritter seien manchmal wahre Schlächter gewesen, oder die Erde könne unmöglich flach sein. So etwas ist unchristlich und ..."

"Aber Bruder Ludwig", rief Richard, plötzlich wieder ohne jede Demut, "schon der berühmte Venezianer Marco Polo hat behauptet, daß die Erde gekrümmt sein müsse, Bruder Andreas hat davon erzählt. Und die Araber sind sich sogar ganz sicher, daß es so ist. Und es ist eine Tatsache, daß bei der Eroberung von Jerusalem die gesamte Bevölkerung niedergemetzelt wurde."

Ludwig entgegnete unwillig: "Die Araber sind Heiden, und die Bevölkerung von Jerusalem bestand aus Arabern und Juden, also ..."

"Aber Bruder Ludwig", sagte der Abt tadelnd, "Ihr werdet Euch doch nicht mit einem Kind streiten, noch dazu mit einem Eurer Schüler?"

Er fragte sich langsam, ob Bruder Ludwig überhaupt schon geeignet war, Jungen in diesem Alter zu unterrichten. Am besten, man machte dieser Szene ein Ende, bevor der Mönch noch mehr von seiner Autorität verlor. Der Abt wandte stirnrunzelnd seine Aufmerksamkeit Richard zu.

"Du kannst gehen, Richard", sagte er, doch bevor sich ein Lächeln auf Richards Gesicht breitmachen konnte, fügte er hinzu, "doch wenn mir noch einmal zu Ohren kommt, daß du Bruder Ludwig gegenüber nicht gehorsam bist, bleibst du die nächsten Monate Samstag und Sonntag hier. Nun verschwinde schon."

Richard kniete hastig nieder, um den Ring des Abtes zu küssen, und eilte davon. Der Abt schaute ihm nach und schüttelte den Kopf.

"Frater", sagte er, "was habt Ihr Euch nur dabei gedacht?"

Bruder Ludwig fühlte das dringende Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Er gestand sich ein, daß er gleich ohne den Jungen hierher hätte kommen sollen.

"Ehrwürdiger Abt", stieß er hervor, "dieses Kind ist mir einfach unheimlich. Ich könnte schwören, daß er mir nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt, und dennoch muß man ihm nie etwas wiederholen. Es ist, als begriffe er alles beim ersten Mal. Wie soll man so einen Schüler behandeln? Und dann diese ketzerische Redeweise ..."

"Ja", entgegnete der Abt abwesend, "jeder sagt mir, daß er ein hervorragendes Gedächtnis hat, besonders für Sprachen. Aber, Bruder", er richtete die Augen wieder auf Ludwig, "wenn seine Argumente ketzerisch sind, so müßt Ihr ihn belehren, wie es einem Lehrer zukommt. Was Ihr eben getan habt, war einen Streit mit ihm anzufangen, als sei er in Eurem Alter! Das untergräbt die Disziplin!"

Sie schwiegen beide. "Richard kann schwierig sein", murmelte der Abt schließlich, "gerade wegen seiner Begabung. Doch das hängt natürlich damit zusammen, daß seine Mutter eine Sarazenin ist."

Ludwig verschluckte sich und mußte husten. "Seine Mutter", ächzte er, als er wieder zu Atem kam, "ist eine Heidin?"

"Eine Bekehrte", antwortete der Abt hastig. "Sie versteht mit Kräutern umzugehen und gilt als die beste Hebamme und Heilerin hier in Wandlingen. Manche sagen sogar offen, sie gingen lieber zu ihr als zu einem Bader oder zu einem Medicus. Da sie hier lebt, hat Richard die Erlaubnis, sie regelmäßig zu besuchen. Eine erstaunliche Frau, aber wie ich schon sagte, eine Bekehrte, und bei diesen Bekehrten weiß man nie, ob sie nicht manchmal, gewiß ohne Absicht, in ihren früheren Irrglauben zurückfallen oder Kleinigkeiten von ihm übernehmen. Ich wollte schon längst einmal jemanden zu ihr schicken, um die Stärke ihres Glaubens zu prüfen."

Bruder Ludwig sah nachdenklich aus. "Mit Eurer Erlaubnis werde ich vielleicht auch allen zukünftigen Schwierigkeiten mit Richard aus dem Weg gehen können."

Der Abt lächelte zufrieden. Eben dies hatte er beabsichtigt. Jeder rühmte ihm Richard als einen der ungewöhnlichsten Schüler, den das Kloster je gehabt hatte, und er hoffte, ihn für den Orden gewinnen zu können. Huldvoll streckte er die Hand zum Kuß aus, verabschiedete den Bruder und wandte sich dann wieder der Bulle zu, die er demnächst im Kloster vorlesen lassen mußte.

"... die Personen selbst, nachdem sie in obigem für schuldig befunden ... nach ihrem Verbrechen zu strafen ... an Leib und an Vermögen zu strafen ... Gegeben in Rom zu St. Peter, im Jahr der Menschwerdung des Herrn 1484 ... im ersten Jahr unserer päpstlichen Regierung."

Die Sonnenstrahlen tanzten über das Blatt, während der Abt sich mit zusammengezogenen Brauen daranmachte, die Bulle des Papstes noch einmal von vorne zu lesen.

Das kleine Haus, in dem Zobeida Artzt und ihr Sohn Richard wohnten, lag nahe der Stadtmauer, in einer nicht sehr vorteilhaften Gegend, da viele Wandlinger ihren Abfall in dieser Umgebung liegen ließen. Doch eine andere Möglichkeit hatte es für Zobeida, die immer noch mit Mißtrauen betrachtete Fremde, nach dem Tod ihres Gemahls nicht gegeben. Daß man ihr überhaupt gestattete, innerhalb der Stadtmauern zu leben, lag nur an ihrem überragenden Können als Hebamme, mit dem sie sich auch mit der Zeit eine geachtete Position in der Gemeinde verschafft hatte. Mittlerweile hätte sie wahrscheinlich ein besser gelegenes Haus erwerben können, vielleicht sogar wieder den großen Kaufmannshof, in dem sie mit Markus Artzt gelebt hatte, doch Zobeida hielt an ihrem Heim unter den ärmeren Bürgern Wandlingens fest, aus purem Eigensinn und Stolz, wie viele meinten.

Richard war froh darüber. Als er an diesem Freitag spätnachmittags nach Hause kam, blieb er einen Augenblick auf der Schwelle stehen, denn seine Augen mußten sich erst an das Dämmerlicht im Inneren gewöhnen. Er atmete tief ein. Es roch vertraut nach Gewürzen, nach Wärme, nach Kräutern, Düfte, die er immer mit seiner Mutter in Verbindung bringen würde. Sie war nicht da, doch sie hatte ihm die Nachricht hinterlassen, sie sei von Emmerich Kühn geholt worden, weil seine Frau in den Wehen lag.

Richard liebte dieses Haus, und jedesmal, wenn er eine Woche Klosterleben hinter sich hatte, wanderte er hier ein wenig ziellos umher, nur um alle vertrauten Gegenstände wieder zu begrüßen, die so sehr von der Kargheit des Klosters abstachen. Sein Vater, Markus Artzt, war ein erfolgreicher Kaufmann gewesen, und überall standen Dinge, die er von seinen Reisen mitgebracht hatte - bunte, edle Stoffe, von denen seine Mutter einige zu Kissen verarbeitet hatte, die sie der Sitte ihres Volkes gemäß auf dem Boden ausbreitete; andere Stoffballen jedoch behielt sie nur, um sich an ihrer Schönheit zu erfreuen.

Da gab es ein Schachbrett aus Persien mit feingeschnitzten Elfenbeinfiguren, die sogar von einem noch ferneren Land, dem legendären Cathay, stammen sollten. Richard kannte nicht viele Gegenstände, die aus Elfenbein waren, eigentlich überhaupt keine, außer den Figuren und einer Schnitzerei im Kloster, die eine Reliquie umschloß, und er strich liebkosend über ihre warme, glatte Oberfläche. Richard wünschte, er könnte sie benützen, doch seine Mutter beherrschte dieses Spiel nicht, und sonst gab es niemanden in Wandlingen, der es ihm hätte beibringen können.

Neben dem Schachspiel galt seine Liebe den weichen Teppichen mit ihren verschlungenen Mustern, die jedoch, wie seine Mutter ihm erklärt hatte, niemals etwas Bestimmtes abbilden durften, denn der Koran verbot jede bildliche Darstellung. Einer der Punkte, dachte Richard, wo das Christentum vernünftiger ist. Die Gemme mit dem Profil einer Frau, kunstvoll aus einem Halbedelstein geschnitten, die sein Vater aus Italien mitgebracht hatte, genügte schon, um ihm ein derartiges Verbot als völlig unsinnig erscheinen zu lassen.

Er bemühte sich, nicht auf das kleine goldene Kreuz zu sehen, das neben der Gemme lag; längst nicht so zart gearbeitet, hatte es dennoch eine gewisse Schönheit; es stammte aus Augsburg. Es handelte sich um das einzige Erinnerungsstück an die Familie seines Vaters in diesem Haus. Jene Familie, die seine Mutter haßte. Was Richard von ihr wußte, erfüllte ihn mit tiefer Abneigung: die Artzt' waren Angehörige des Augsburger Stadtpatriziats, seit Generationen schon, stellten Bürgermeister und Stadtschreiber, besaßen viele Häuser in dieser schwäbischen Stadt, die wegen ihres Reichtums in aller Munde war - und sie hatten Markus aus der Familie verstoßen, weil er die Sarazenensklavin geheiratet hatte, die er auf dem Sklavenmarkt in Venedig erworben hatte.

Nach einem erbitterten Streit mit seinen Eltern hatte Markus Augsburg für immer verlassen, was wohl für alle die beste Lösung war. In Augsburg erfuhr niemand, daß ein Mitglied der Familie Artzt eine Heidin zu seiner Gemahlin gemacht hatte, und Markus und Zobeida, die damals schon schwanger war, zogen nach Wandlingen. Richard hatte sich diese Geschichte Stück für Stück aus gelegentlichen Äußerungen seiner Mutter zusammenreimen müssen, denn Zobeida sprach nicht häufig von der Familie ihres Gemahls, und an seinen Vater hatte er nur ein paar vage, verschwommene Erinnerungen. Früher hatte er sich manchmal gewünscht, wie Perseus ein Held zu werden. Perseus, dessen Mutter von ihrem Vater verstoßen worden war. Dann würde er wie Perseus siegreich zu dem großmächtigen, arroganten Großvater gehen, ihm nur einen vernichtenden Blick zuwerfen - und dann im Jubel der Menge weiterziehen. Doch das waren kindische Träume, und langsam wurde er zu alt dafür.

Er schürte das Feuer unter einem großen Kessel mit heißem Wasser, den seine Mutter bereitgestellt hatte. Baden galt unter Christen abwechselnd als teuflisch und wohltuend. Zur Zeit sah man es wieder einmal als wohltuend an, und für die reichen Patrizier der großen Städte war es selbstverständlich, eine Badestube im Haus zu haben. Im kleinen, etwas rückständigen Wandlingen jedoch war man noch immer mißtrauisch und hielt sich, wenn überhaupt, an den Fluß. Richard hingegen nahm bei seiner Heimkehr immer als erstes ein Bad; seine Mutter hatte ihn mit dieser Gewohnheit der arabischen Völker großgezogen.

Die Feuerstelle war so gebaut, daß er mit einigem Geschick das erhitzte Wasser leicht in den hölzernen Badezuber kippen konnte, den er geholt hatte. Richard zog sich hastig aus und ließ sich dann zufrieden in der nassen Wärme nieder, die ihn angenehm schläfrig machte. Was wohl die anderen sagen würden, wenn sie ihn jetzt sähen? Er konnte es sich vorstellen.

Er war nicht eigentlich unbeliebt in der Klosterschule, aber er hatte auch keine wirklichen Freunde, und das Bewußtsein, daß seine Mutter eine Fremde war, hatte ihn für die anderen Schüler, die entweder dem reicheren Bürgertum oder dem Landadel der Umgebung entstammten, immer schon andersartig erscheinen lassen. Dabei war ihm die offen feindselige Haltung, welche die Nachbarn früher an den Tag gelegt hatten, immer noch lieber als die Seitenblicke und das versteckte Getuschel, das ihm bisweilen im Kloster begegnete.

Nicht, daß Richard sich je sehr um die Freundschaft der anderen Kinder bemüht hätte. Er hielt einen großen Teil seiner Altersgenossen für stumpfsinnige Jasager und zog die Gesellschaft seiner Mutter der ihren bei weitem vor. Und er liebte die Erzählungen ihrer weichen, musikalischen Stimme, die meist viel interessanter waren als die albernen Streiche, mit denen sich Thomas oder Kuno die Zeit vertrieben.

Er hatte sich gerade abgetrocknet und war in ein frisches Hemd und eine Hose geschlüpft, als seine Mutter zurückkehrte. Schnell lief er auf sie zu, küßte sie auf die Wange und sagte auf arabisch: "Herrin, warum verschwendet Ihr Euren Glanz nur an diese unwürdige Hütte!"

Zobeida lachte. Sie sah etwas müde und erschöpft aus. "Was ist heute geschehen?" fragte sie zurück. "Hast du etwas angestellt? Ich hatte schon auf dich gewartet, als Emmerich Kühn kam."

Richard erzählte ihr von der Unterredung mit dem Abt und brachte sie noch einmal zum Lachen, als er heftig gestikulierend Bruder Ludwig parodierte.

"Diese Ketzerei kann ich nicht dulden, Richard! Was fällt dir ein, zu behaupten, ein Apfel sei rund? Er ist mitnichten rund, denn Hieronymus von Nirgendwo bezeichnet ihn als grünen Schlag, und daraus geht eindeutig hervor, daß er flach ist! Du wagst es doch hoffentlich nicht, an Hieronymus zu zweifeln! Du Ungläubiger, du Ketzer, du Nichts, du ..."

Während sie mit ihrem Sohn lachte, entspannte sich Zobeida von den Anstrengungen der Wehen, bei denen sie geholfen hatte. Mathilde Kühn hatte eine weitere Fehlgeburt gehabt. Ihr Mann schlug sie so regelmäßig, wie er ihr Bett teilte, und behandelte sie nicht besser als einen Packesel. Er hatte die Nachricht mit einem Fluch entgegengenommen und war ins nächste Wirtshaus verschwunden, während Mathilde mühsam den Trank zu sich nahm, den Zobeida ihr bereitet hatte, um ihre Schmerzen etwas zu lindern.

"Gott haßt mich", flüsterte sie, als Zobeida ihren Kopf hielt, und Trude, Mathildes ältere Schwester, hatte ihr sofort widersprochen und versichert, daß Gott sie liebe und das nächste Kind bestimmt lebend zur Welt käme.

Später, während sie Zobeida aus dem Haus begleitete, hatte Trude ängstlich gefragt: "Sie wird doch einmal ein gesundes Kind gebären, oder?"

Zobeida hatte in einem Anflug von Bitterkeit geantwortet: "Nicht, solange man sie bei ihrem Gemahl läßt. Ich habe Euch schon vor ein paar Wochen gesagt, daß sie wieder eine Fehlgeburt haben wird. Ihr solltet sie zu Euch nach Hause nehmen."


Kundenbewertungen zu "Die Puppenspieler" von "Tanja Kinkel"

8 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.5 von 5 Sterne bei 8 Bewertungen   ausgezeichnet)
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Bewertung von buchwürmchen aus reutlingen am 27.06.2013   weniger gut
Neben so vielen positiven Bewertungen, wage ich es kaum meine persönliche Ansicht zu äußern. Und trotzdem oder gerade deshalb: ich fand das Buch eher schwach. Was spannend, rasant und informativ begann, entpuppte sich sehr bald als nur noch lästig. Die Autorin entführt den Leser gekonnt ins Mittelalter, 1484 die Anfänge der Hexenverfolgungen. Der 12 jährige Richard Arzt, muss machtlos mit ansehen, wie seine verwitwete Mutter in einem unfairen Prozess zur Hexe und somit zu Tode verurteilt wird. Von den Brüder der Klosterschule enttäuscht und verraten, wird er von der Schwester seines früh verstorbenen Vaters herzlich aufgenommen. Die Familie Fugger, mit all ihr Facetten, bereichern ab nun Richards Leben. Aus dem wütenden, verschlossenen Junge wird ein aufgeschlossener, wissbegieriger Junger Mensch. Bis hierhin fand ich das Buch ganz toll: die Handlung, die Umgebung, die Mitwirkenden konnten mich allesamt so richtig fesseln.

Der Schreibstil im zweiten Teil wurde beibehalten, die Thematik allerdings fing an mich zu langweilen. Die Geschehnisses um Richard fand ich immer noch interessant, aber die italienische Historie zu detailliert beschrieben, die unzählige neuen Mitwirkende überrannten mich geradezu, auch waren sie nicht sonderlich ausgearbeitet und dadurch vergaß ich oft von wem da gerade die Rede ist. Ich ertappte mich dabei immer wieder ein paar Seiten überspringen zu wollen, um endlich in der Geschichte weiter zu kommen. Auch an Glaubwürdigkeit mangelte es im mittleren Teil.

Erst das letzte Drittel gewann wieder an Reiz. Das Hauptthema wurde wieder aufgegriffen, etwas zu spät aber immerhin, und dennoch hinterließ dieses Buch bei mir keinen positiven Eindruck. Es hätte locker 200 Seiten kürzer sein können, viele Informationen waren für die Geschichte unnötig und dadurch wirkte das Buch auf mich leider zu überladen.

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Bewertung von Sabrina&Jens aus Dortmund am 22.05.2002   ausgezeichnet
"Die Puppenspieler" ist ein Muss für jeden historisch interessierten Leser, der nebenbei gute Unterhaltung erwartet. Tanja Kinkel veranschaulicht geschichtliche Fakten mit einfühlsam und detailliert beschriebenen Charakteren. Guter Schmöker!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
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Bewertung von Frank Arndt aus Bad Münster am 21.07.2001   ausgezeichnet
Ein sehr gutes Buch, das den Leser geradezu fesselt. Es gehört zu den besten Romanen, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
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Bewertung von Melanie aus Hannover am 19.07.2001   ausgezeichnet
Ich war beeindruck. Von einer so jungen Schriftstellerin hätte ich nicht einen so wunderbar geschriebenen historischen Roman erwartet.

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Bewertung von Wagner aus Ebersbach am 17.07.2001   ausgezeichnet
Absolut genial geschrieben. Man wird sehr authentisch in die damalige Zeit versetzt.

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Bewertung von Emmi am 20.05.2001   ausgezeichnet
Sehr tolles Buch. Spannung pur.Einfach großartig.

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Bewertung von Sabine Reiß aus Oberursel am 26.07.2000   ausgezeichnet
Das erste Buch, das ich von Tanja Kinkel las, hat mich sofort gefesselt. Die Geschichte von Richard, der als Zwölfjähriger seine Mutter verliert, weil sie als
Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird, ist so einfühlsam geschrieben, dass man sich gar nicht mehr von ihm trennen will. Er lebt nach dem Tod seiner
Mutter beim reichen Händler Jakob Fugger in Augsburg und wird selbst später
ein geschickter Händler, was ihm die Möglichkeit gibt, nach Italien zu gehen.
Tanja Kinkel schafft es mit diesem Roman, den Leser in die Zeit des 15.
Jahrhunderts zu versetzen. Auch die Begegnung mit Lorenzo de Medici bringt
dem Leser viele historische Details auf interessante Weise nahe. Ein
historischer Roman, der hervorragend recherchiert ist und die Ereignisse der
Zeit interessant aufarbeitet.

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Bewertung von Jürgen Schmidt am 07.07.2000   sehr gut
Ein sehr schöner historischer Roman, der vor dem Hintergrund der Fugger in Augsburg (=Puppenspieler) spielt. Neben der ´üblichen´ Handlung von Historienromane gibt es sehr interessante Eionblicke in die Zeit und das Umfeld.
Sehr gut zu lesen, vor allem für Urlaub und Strand geeignet.

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