Leseprobe zu "Der Advokat und das Mädchen (eBook)"
1 (S. 4-5)
Mary-Ann Barnes lief die schmutzigen alten Straßen ihrer Heimatstadt entlang. Der Novemberhimmel war düster. Tiefe graue Wolken hingen bis in die Spitzen der hohen Kirchentürme herab und zogen schnell über die Häuser hinweg. Ein leichter Nieselregen nässte ihr Gesicht, ihre Hände und die Straße, auf der sie lief. Sie fror erbärmlich, denn die Feuchtigkeit, die durch ihre dünnen Schuhe drang, ließen ihre Füße klamm werden. Das Wetter passte zu ihrer Stimmung. Die wenigen Leute, die bei diesem Wetter unterwegs waren, schenkten dem jungen Mädchen keinerlei Beachtung. Die Zeiten waren längst vorbei, in denen die Menschen noch ein Lächeln für Familie Barnes übrig hatten. Seitdem Michael Barnes, Mary-Anns Vater, vor einigen Jahren des Mordes angeklagt und nach Australien verbannt worden war, behandelte man die verarmte Familie wie Luft. Dabei hatten sie doch gar nichts getan! Mary-Ann könnte immer noch schreien vor Wut. Die Leute hatten ihren Vater zu Unrecht angeklagt. Er hatte niemanden ermordet und auch ihre Mutter, Lucy, nicht. Sie waren keine Mörderfamilie. Doch was nützte es schon, sich darüber zu ärgern? Es glaubte ihnen ja doch niemand. Nicht einmal ihre Verwandten, nicht einmal ihre Freunde.
Mary-Ann schluckte dieTränen schnell herunter, die ihr in die Augen steigen wollten, als sie an ihre alte Schulfreundin Sara dachte. Sie hatte Sara so sehr vertraut, doch dann hatte sie ihr mit den anderen Kindern zusammen »Mörderkind« hinterhergerufen und ihr vor die Füße gespuckt. Wie konnte Sara nur? Genauso hatten sie es mit ihrem vierjährigen Bruder Justin auch gemacht. Seit das passiert war, hatte ihre Mutter Mary-Ann von der Schule genommen. »Meine Kinder werden nicht angespuckt«, hatte sie geschrien. Doch die Lehrerin hatte nur erwidert, wenn es zu Recht geschehe, könne sie ihren Schülern dies nicht verbieten.
Wie ungerecht die Welt doch war! Ein jäher Zorn überfiel das junge Mädchen plötzlich. Irgendwann würde sie es ihnen schon heimzahlen, dass sie ihren Vater verhaftet hatten und sie so ungerecht behandelten! Sie erschrak selbst über ihre Wut.
Frierend sprang sie über eine Pfütze.
Seit sie nicht mehr in der Schule war, konnte sie nichts anderes tun, als durch die feuchten Straßen von Tainbridge zu laufen und ihrer Mutter, so gut es ging, zu helfen. Es war deprimierend.
Mary-Ann bog um eine Häuserecke, ging über die Straße und trat in eines der baufälligen schmutzigen Backsteinhäuser ein. Sie gab der Tür hinter ihr einen Schubs und diese fiel krachend ins Schloss. Das Mädchen zog ihre nassen Stiefel aus, hängte ihren alten zerschlissenen Mantel an den Haken und öffnete die einzige Tür, die es in dem dunklen Flur gab. Das schwache Licht einer Schirmlampe erhellte den düsteren Raum notdürftig. In dem gusseisernen Herd brannte ein Feuer. Mary-Anns Mutter stand vor dem Herd und rührte in einem Topf.
Mary-Ann betrachtete sie von hinten. Sie sah nicht gut aus. Sie war einmal sehr hübsch gewesen, das wusste Mary-Ann, doch nun war ihr sonst so glänzendes Haar matt, ihre Haut blass, ihre Hände kalt und dünn und ihre Schultern gebeugt, obwohl sie noch nicht sehr alt war, gerade mal sechsunddreißig Jahre alt. Doch Trauer lässt schnell altern.
»Ich war ein wenig spazieren«, begrüßte Mary-Ann ihre Mutter.
Die Frau blickte auf und nickte müde. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, die auf viele schlaflose Nächte hinwiesen. »Waren viele Leute unterwegs?«
Mary-Ann schüttelte den Kopf.
Wieder nickte die Mutter. Sie hatte keine andere Antwort erwartet.
»Was kochst du denn Leckeres?«, fragte Mary-Ann und versuchte einen fröhlichen Ton anzuschlagen.
Bitter lachte Lucy auf. »Lecker? Nun, lecker würde ich es nicht gerade nennen. Aber schließlich müssen wir ja irgendetwas essen, meinst du nicht auch?« Mary-Ann hasste es, wenn ihre Mutter in solch einem sarkastischen Ton über ihre Lage sprach. Sie tat es zwar nicht oft, doch Mary-Ann verabscheute es. Es gab ihr das Gefühl, vor einem tiefen Abgrund zu stehen und nicht zurück zu können
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