Das Zimmermädchen - Orths, Markus

Markus Orths 

Das Zimmermädchen

Roman. Ausgezeichnet mit dem Telekom-Austria-Preis der Tage der deutschsprachigen Literatur 2008

Gebundenes Buch
 
2 Kundenbewertungen
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Das Zimmermädchen

Lynn Zapatek putzt im Hotel Eden, und sie putzt gründlich. Wo andere Zimmermädchen nichts mehr sehen, fängt es bei Lynn erst an. Immer länger bleibt sie in den Zimmern, gebannt von allem, was sie dort sieht und findet: Zettel, Bücher, Kulturbeutel, Medikamente. Zunächst ist Lynn noch vorsichtig, dann wird sie immer dreister. Sie beschnuppert nicht nur die fremden Kleider, sie zieht sie auch an.

An einem Dienstag hört Lynn Schritte auf dem Flur und weiß sofort, sie werden Halt machen vor dem Zimmer, in dem sie steht und längst nicht mehr stehen darf. Sie hört den Schlüssel im Schlüsselloch und ihr bleibt nur ein einziger Zufluchtsort: Lynn kriecht unters Bett und verbringt die Nacht dort. Mit dem Gast über ihr.

Den anderen auf den Leib rücken, ihrem Leben nachspüren: Lynn weiß schnell, dass sie es wieder tun wird, tun muss. Von nun an liegt sie jeden Dienstag unter den Betten der Gäste und lauscht auf das, was über ihr geschieht. Den Menschen nah und zugleich fern: wie unsichtbar.

Das Zimmermädchen ist das intensive Porträt einer eigenwilligen, obsessiven jungen Frau. Es ist die intime Geschichte einer Suchenden, die wissen will, wie den Menschen gelingt, was ihr selbst so schwerfällt - das Leben. Eins ist sicher: Nach der Lektüre des Zimmermädchens wird man nie wieder in einem Hotel übernachten, ohne vorher unters Bett zu schauen.


Produktinformation

  • Verlag: Schöffling
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 137 S.
  • Seitenzahl: 137
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 136mm x 20mm
  • Gewicht: 288g
  • ISBN-13: 9783895610998
  • ISBN-10: 3895610992
  • Best.Nr.: 23812433
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 22.08.2008

Putziges Fräulein

In Klagenfurt, beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, wo Markus Orths mit einem Ausschnitt aus diesem Roman den zweiten Preis gewann, hieß es schon, man werde künftig kein Hotelzimmer mehr ohne mulmiges Gefühl betreten, könnte doch das Zimmermädchen Lynn unterm Bett lungern und spionieren. Die Idee des schmalen Romans ist hinreichend bedrohlich, ihre konsequente erzählerische Durchführung beachtlich. Die Leere Lynns, die sich an fremden Leben labt, frisst sich subtil unter die Haut. Seine Hauptfigur beschreibt Orths als gerade noch lebenspraktisch, stattet sie aber doch mit pathologischen Zügen aus. Mit der Mutter pflegt Lynn bedrückend inhaltslose Telefonpflichtgespräche; ihren Therapeuten unterhält sie mit erfundenen Träumen. Lynn philosophiert gern über "Dinge". Kein Wunder, denn täglich berührt sie während ihrer durch den Beruf legitimierten, aber doch nahtlos ins Zwanghafte übergleitenden Putzanfälle sehr viele davon: "Die Dinge, sagt sie, haben ihren eigenen Charakter. Immer ist uns die Hälfte verborgen. Die Flasche Sprudel, der Bleistift, die Lampe, alles sehen wir nur halb, nur von vorn, von schräg vorn, von oben, aber nie …

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Das ist ja mal eine originelle Hauptfigur, eine Putzfrau mit Putzzwang, den sie aber einfach fröhlich akzeptiert und durch das Naheliegendste bewältigt: putzend. Andreas Wirthensohn ist von dieser Erfindung Orths' zunächst geradezu bezaubert und folgt dem jungen Autor, der beim Bachmann-Wettbewerb auffiel auch bei weiteren Eigentümlichkeiten seiner Hauptperson: Sie legt sich unter die Hotelbetten der Gäste, belauscht sie, aber ohne Voyeurismus, mehr um sich ein Bbild von der Welt zu machen. Bis dahin hätte es Wirthensohn gereicht - aber die Geschichte geht weiter, wird zum kleinen Roman gedehnt und hier scheint sich der Autor dann doch etwas zu verheddern. Weniger wäre mehr gewesen. Aber man merkt, dass Wirthensohn dem Autor mehr zutraut und hofft, dass weitere Versuche folgen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 26.08.2008

Alle Wege führen ins Hotel
Markus Orths erzählt vom Zimmermädchen Linda
Was für ein seltsamer Ort ist doch ein Hotelzimmer! Ein intimer Raum, den Blicken der Außenwelt entzogen wie das eigene Zuhause, doch zugleich auch ein Ort für jedermann. Hotelzimmer bieten Intimität auf Zeit, eine serielle und wahllose Intimität, die jedem zur Verfügung steht, der dafür bezahlt. Sie sind, um es drastisch zu sagen, die Huren unter den Räumen. Ihre Sauberkeit ist nicht nur eine Frage der Hygiene. Es geht um die Spuren der Anderen. Sie müssen gelöscht werden, damit ein Hotelzimmer funktioniert, wie es soll: als eine Sphäre, die man für die eigene hält, trotz all der Fremdheit, die sich dort abgelagert hat.
Ein Hotel ist der ideale Ort für die Heldin des neuen Romans von Markus Orths. Linda Maria Zapatek, 1975 geboren, 165 Zentimeter groß, Augenfarbe grün, Haarfarbe braun, ist Zimmermädchen des Hotels Eden, und zwar ein ziemlich ungewöhnliches. Denn Linda, die sich Lynn nennt, macht die Arbeit Spaß. Sie putzt mit Leidenschaft und vollem Körpereinsatz, robbt auf Knien, kriecht unter Betten, lässt sich extra den Daumennagel wachsen, um jederzeit …

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»Man wird an 'Das Zimmermädchen' denken, bei der nächsten Buchung eines Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels.« Hajo Steinert, Die Welt

»Lynn bleibt ein Schatten, der die Ängste des Lesers spiegelt. Orths lässt sie wunderbar in dieser Ungewissheit. Sein Roman ist eine emotional (und stellenweise erotisch) hoch aufgeladene Geschichte zwischen Realität und (Alb-)Traum.«
Markus Orths, 1969 in Viersen geboren, lebt in Karlsruhe. Seine Romane wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Limburgpreis (2003), dem Förderpreis des Landes NRW (2003), dem Marburger Literaturpreis (2002) und mit dem Goldenen Lorbeer für den besten historischen Roman (2006).

Leseprobe zu "Das Zimmermädchen" von Markus Orths

Sie hat die Tür geöffnet und den letzten Schritt getan. Bleibt noch mal stehen, dreht sich um, eine Bö bläst Haare ins Gesicht. Das Gebäude liegt erdrückend dort, obwohl seine Front aus Glas ist. So viel Glas, hat Lynn gedacht, vor sechs Monaten, als sie das Gebäude zum ersten Mal sah, so viel Glas und diese aufgeklebten Vogelsilhouetten: Warum nicht Mauer, Stein, Beton? Oder Gitter? Die Bushaltestelle liegt nicht weit entfernt. Ein Taxi wäre um einiges zu teuer. Und jetzt? Sie kennt das Ziel und kennt es nicht. Weiß, was zu tun ist, und weiß es nicht. Folgt dem Weg, der vorgegeben ist. Den Rucksack lässt sie auf den Schultern, muss sich an der Haltestelle auf die Kante der Bank setzen, weil sonst der Platz im Rücken nicht reicht. Sie schaut auf ihre Turnschuhe, verfranst, sie hebt den Blick, an der Haltestelle warten Menschen, die sie nicht kennt. Einer nuckelt ab und zu an einer Zigarette. Ein anderer geht im Wiegetritt auf und ab. Alte Frau studiert Fahrplan im Glaskasten und nutzt Finger als Lesehilfe. An Bushaltestellen hat Lynn gern ihr Spiel gespielt: Was wäre, wenn? Hat sich vorgestellt: Was wäre, wenn keiner mich wahrnähme? Die Menschen sähen nicht an mir vorbei, sie sähen durch mich hindurch. Als existierte ich nicht. Das wäre ebenso schön wie schauerlich. Wenn niemand mich sieht, bin ich zu nichts mehr verpflichtet, wenn niemand mich sieht, gehe ich auf in einer Lösung aus Ruhe und lebe wie unter Wasser. Doch wenn niemand mich sieht, bin ich auch nichts mehr, niemand mehr, nur noch Geist, nein, kein Geist, nur noch Stück Luft, das nicht mal mehr wehen kann, auf immer zum Stillstand verdonnert.

Als der Bus kommt, steht sie auf, ihr Rucksack schrammt an der Wand des Häuschens entlang, kaum hörbares Geräusch. In Bussen immer dieser Gestank von Erbrochenem. Das steckt in den Sitzen drin. Das lässt sich nicht rauskriegen. Der Bus beschleunigt, eine Landstraße, die Kurve legt sich auf Lynns Magen. Rechts vor ihr liest jemand Zeitung. Jede Minute blättert er um, indem er die Hände vor der Nase zusammenführt. Ohne Zeitung sähe das aus wie eine gymnastische Übung. So schnell, denkt Lynn, kann er gar nicht lesen. Lynn hat seit Jahren keine Zeitung mehr angefasst, ihr Ekel vor Druckerschwärze ist zu groß. Sie wird allmählich unruhig, als der Bus sich der Stadt nähert. Ein Mann, vier Reihen vor ihr, trinkt aus einer Büchse Bier und macht plötzlich ohne Grund ein Victory-Zeichen. Aber Lynn schafft es nicht, sich abzulenken. Es nähert sich der Punkt in der Zeit, da sie aufstehen und den Bus verlassen und vom Busbahnhof über die Straße gehen und noch einmal abbiegen und die Haustür aufschließen und die Treppe hochsteigen, die Wohnungstür öffnen und ihre Wohnung betreten muss, in der sie sechs Monate lang nicht gewesen ist. Es wird dunkel sein in der Wohnung. Dunkel und kalt. Die Rollläden werden geschlossen sein. Das war Lynns Schlusstat gewesen vorm Verlassen: Rollläden schließen. Es wird müffeln in der Wohnung. Es wird nach Staub riechen. Nach vertrockneten Pflanzen. Lynn wird niesen müssen. Vielleicht wird ein totes Insekt auf der Fensterbank liegen.

Der Bus biegt in die Remigiusstraße, fährt an der Kirche vorbei. Jeden Sonntag der Sturm der Glockenschläge. Jetzt bremst der Bus, ächzt, Lynn ist aufgestanden und zur Tür gegangen, der Bus knickt seitlich in die Knie, während die Türen aufschmatzen, Lynn ist draußen, die Sonne leuchtet wie ein Spot genau dorthin, wo Lynn steht, der Rest liegt im Schatten der Bäume. Lynn geht gleich los, beobachtet aus den Augenwinkeln ein kleines Mädchen, das in kreuzförmig angelegte Kästchen einen Stein wirft, einbeinig hinhopst und den Stein vom Boden klaubt. Dem Mädchen fallen lange, schwarze Haare ins Gesicht. Dann Hausnummer 7, Treppenstufen, Schlüssel, erste Etage, zweite, dritte, vierte, unterm Dach ihre Tür, Lynn öffnet, und alles ist so, wie sie es sich vorgestellt hat. Aber Lynn zögert nicht. Es wird eine Seite in ihr wach, die sie gut kennt und die sie mag. Lynn ratscht Rollläden hoch, öffnet Fenster, lässt Luft herein und putzt, arbeitet ohne Pause, saugt, wischt, moppt, geht in die Knie, liegt auf dem Boden, steckt Wedel in Ecken, steigt auf Stühle, wischt hohe Oberflächen, quietscht Fensterleder übers Glas, bringt schaumiges Wasser aus dem Bad ins Wohnzimmer und dreckiges zurück, schleppt Müllsäcke mit toten Pflanzen runter, stopft sie in Tonnen, geht zur Telefonzelle, ruft Pizzadienst an, vertilgt hungrig die Pizza, lässt sich in den Sessel fallen, zündet Zigarette an, pafft, betrachtet vom Sessel aus ihr Werk.Lynn hält die neue Ruhe nicht lange aus, sie muss weiter tun, es gibt noch unendlich viel, sie weiß genau, dass sich nichts geändert hat seit ihrem Klinikaufenthalt, sie weiß genau, wie wichtig es ist, eine Aufgabe zu haben und dass sie Gefahr läuft, einen Rückfall zu erleiden, wenn sie nichts tut, wenn sie nur rumhängt, wenn die Fülle Freizeit sie zum Nachdenken und das Nachdenken sie zum Gefühl der Sinnlosigkeit und das Gefühl der Sinnlosigkeit sie zur Suche nach dem Reiz und die Suche nach dem Reiz sie zum Verbotenen treibt, so lange, bis sie nicht mehr anders kann, als loszuziehen und das Verbotene zu tun. Sie muss weiter ins Handeln flüchten, verlässt die Wohnung, die Treppe runter, ihre Turnschuhe hat sie nicht ausgezogen während des Putzens, die Hitze der Füße wird unangenehm, Lynn geht schnell. Die Welt draußen, hat Lynn gedacht, als sie gestern noch in der Klinik saß und aus dem Fenster blickte, die Welt draußen, wenn sie mich wiederhat, ob sie mich einsaugt und verschluckt, so, wie sie es immer getan hat? Ob sich was ändert? Oder ob alles so weitergeht wie vor dem halben Jahr? Ein halbes Jahr? Als ob das Jahr in der Mitte durchtrennt wird, denkt Lynn. Mit einem Hackbeil. Halbes Schwein, halbes Jahr. Blutet beides, wenn man's trennt.

Kundenbewertungen zu "Das Zimmermädchen" von "Markus Orths"

2 Kundenbewertungen (Durchschnitt 5 von 5 Sterne bei 2 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
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Bewertung von MaWiOr aus Halle am 27.06.2010 ***** ausgezeichnet
„Das Zimmermädchen“ ist die groteske Geschichte einer sonderbaren, obsessiven Putzfrau, die einen fast unstillbaren Putzzwang hat.

Lynn Zapatek ist nach einem halben Jahr aus der Psychiatrie entlassen worden und sucht nun eine neue Arbeit. Ein Freund vermittelt ihr einen Job als Zimmermädchen im Hotel Eden. Und Lynn nimmt ihren Job ernst, denn sie putzt gründlich. Sie putzt die Spiegel von hinten und die Stehlampen von unten. Irgendwie ist sie eine Getriebene, sie sieht Staub, wo eigentlich keiner ist.

Die übereifrige Lynn kann sich von den Hotelzimmern kaum trennen, sie bleibt dort länger als die Vorschrift. Sie ist gebannt von all den Sachen der Hotelgäste, schnüffelt überall herum, egal ob Kulturbeutel, Notizbuch oder Medikamente - alles weckt ihre Neugierde. Die fremden Kleider beschnuppert sie nicht nur, sondern schlüpft auch in sie hinein.

Bei einem dieser waghalsigen Versuche - sie hat gerade die Pyjamajacke eines Gastes übergezogen - wird sie fast auf frischer Tat ertappt. Geistesgegenwärtig kann sie sich noch unter dem Bett verstecken. Mit dem Ergebnis, dass sie die ganze Nacht dort verbringen muss. Über der Matratze der fremde Hotelgast, darunter, zwischen Lattenrost und Teppich, das neugierige Zimmermädchen.

Nach diesem nächtlichen und eigentlich peinlichen Abenteuer weiß Lynn aber, dass sie es wieder tun wird, ja tun muss. Von nun an liegt sie jeden Dienstag unter den Betten der Gäste und lauscht begierig auf das, was über ihr geschieht.

Der Autor Markus Orths (Jg. 1969) wurde für seine Romane schon mehrfach aus-gezeichnet, mit „Das Zimmermädchen“ ist ihm eine temporeiche Geschichte gelungen, die jetzt im Buchfunk Hörbuchverlag Leipzig als vollständige Lesung auf einer Doppel-Audio-CD vorliegt.

Torben Kessler, der als Sprecher schon bei zahlreichen Hörspielproduktionen mitwirkte, versteht es prächtig, den skurrilen Charakter des Zimmermädchens zum Leben zu erwecken. Mit Leichtigkeit gelingt es ihm, die intime Geschichte vorzutragen und den Leser über zwei Stunden in ihren Bann zu ziehen.

Manfred Orlick

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD

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Bewertung von Bücherliesel aus Wittingen am 03.05.2010 ***** ausgezeichnet
Endlich als Taschenbuch erhältlich Gute Story für einen unterhaltsamen Lesenachmittag auf dem Sofa.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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