Das Eigentliche - Hanika, Iris

Iris Hanika 

Das Eigentliche

Roman

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Das Eigentliche

Hans Frambach ist Archivar im Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung. Für seine Freundin Graziela ist Fassungslosigkeit über die Verbrechen der Nationalsozialisten ebenfalls wesentlicher Lebensbestandteil. Das klingt nach einer ziemlich trockenen und sehr deutschen Angelegenheit, doch wenn Iris Hanika in ihrer bestechend lakonischen, sehr genauen Sprache das Leben einiger ziemlich seltsamer Figuren entfaltet, entwickelt das schnell eine ganz eigene, bestürzende Komik: Gerade weil wir beim Lesen immer dunkel spüren, dass wir alle gemeint sind, wenn Iris Hanika über die Verirrungen ihrer Protagonisten spricht und dabei treffsicher auf uns Leser zielt.



Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 175 S. 187 mm
  • Seitenzahl: 175
  • btb Bd.74198
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 118mm x 19mm
  • Gewicht: 188g
  • ISBN-13: 9783442741984
  • ISBN-10: 344274198X
  • Best.Nr.: 32548729
"Das Aufregendste, was man in dieser Saison lesen kann." Denis Scheck, ARD druckfrisch

"Ein klug provozierender Roman. Von diesem Buch geht eine große Unruhe aus, nicht zuletzt, weil Iris Hanika die knapp 180 Seiten grandios nutzt, um mit ästhetischen Kunstgriffen ihr Thema in immer wieder verändertem Licht zu zeigen. Literatur ist eben auch dazu da, Gewissheiten in Frage zu stellen, mit künstlerisch reflektierten Mitteln. Das genau hat Iris Hanika getan, und darin liegt eine wohltuende Kühnheit."

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Martin Zingg gibt Entwarnung. Eine Shoah-Satire hat die Autorin nicht geschrieben, meint er. Kühl und distanziert verhalte sich Iris Hanika zu ihrem Stoff. Dass es sich um heikles Terrain handelt, das Hanika mit ihrer teils ins "Shoah-Business" verstrickten, teils davon abgestoßenen, selbstquälerischen Figur betritt, weiß Zingg genau. Die Erkenntnis, dass Erinnern stets eine widersprüchliche Angelegenheit ist, wird ihm von der Autorin allerdings "meisterhaft" vermittelt. Am Ende ist für Zingg klar, was "das Eigentliche" hier meint: Es sind die Verbrechen der Nationalsozialisten.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 30.01.2010

In Richtung Ausgang

Vom Leben, Lieben und Schreiben nach Auschwitz erzählt Iris Hanika in ihrem neuen Roman "Das Eigentliche". Die Autorin wagt viel - bis hin zu drei Seiten mit "Raum für Notizen".

Von Andreas Platthaus

Die Bewertung dieses Buchs hängt entscheidend an sechs Seiten. Sechs Seiten, auf denen insgesamt nur neun Worte stehen. Drei Seiten sind sogar ganz leer, auf den übrigen steht jeweils oben am Rand "Raum für Notizen", sonst nichts. Das könnte man in einem Roman für einen billigen Gag erklären, doch das ist es nicht. Zumal nicht, wenn die Autorin Iris Hanika heißt, die in allen ihren Texten und vor allem mit dem Debütroman "Treffen sich zwei", der es 2008 bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, bewiesen hat, dass ihr typographische und satztechnische Gestaltung von Erzähltem kaum weniger wichtig ist als der Inhalt selbst - konkrete Prosa, wenn man so will.

Die drei Vakatseiten folgen der scheinbar provozierendsten Stelle von "Das Eigentliche", dem zweiten Roman der siebenundvierzigjährigen Autorin. Er erzählt von Hans Frambach, der in Berlin als Archivar in einem "Institut für …

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kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
"So war die Dunkelheit, aus der dieser Staat vor langer Zeit hervorgekrochen war, in das hellste Licht gestellt und zu seinem eigentlichen erklärt worden, was nur logisch war, schließlich war es der Grund seiner Gründung." Iris Hanika hat einen Roman über die Professionalisierung des Gedenkens an die Verbrechen der Nazizeit geschrieben. In "Das Eigentliche" erzählt sie von dem 1962 geborenen Hans Frambach, der als Archivar am Berliner Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung arbeitet. Das Leiden an der Vergangenheit definiert für ihn das Unglück, unter dem er seine gesamte Existenz zusammenfasst. Seine Besessenheit gipfelt in einer Schlüsselszene des Romans, in der Frambach die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besucht. Er verspürt er den Zwang, den Weg der Häftlinge in die Gaskammern nachzugehen. Doch kurz vor dem Ziel widersetzen sich die Beine seinem Willen, statt links abzubiegen geht er nach rechts in Richtung Ausgang. In dem Buch folgen auf diese Szene drei unbedruckte Seiten. Kurz darauf folgen noch einmal drei leere Seiten, die dieses Mal jedoch mit "Raum für Notizen" überschrieben sind. Voraus geht eine Szene, in der Frambach ein zweites mal flieht, diesmal …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 25.06.2010

Shoahspaziergänger
Kalauer und Katharsis: Iris Hanikas Roman „Das Eigentliche“
„Treffen sich zwei“ hieß der lakonische Titel des mit kunstvoll ironisiertem Pathos erzählten Liebesromans, der Iris Hanika vor zwei Jahren auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises katapultierte. Es war ein Sprung beinahe aus dem Stand. Denn Iris Hanika hatte zwar schon einige Bücher u.a. in der edition suhrkamp veröffentlicht, galt aber noch als Journalistin, die sich vor allem durch ihre Mitarbeit bei den Berliner Seiten der FAZ einen Namen gemacht hat. Seit dem Erfolg ihres ersten Romans, der vom unverhofften Liebesglück zweier Fortysomethings erzählt, kann sie sich mit Fug und Recht als Schriftstellerin bezeichnen (wenn es ihr überhaupt darauf ankommt).
Nun hat sie einen zweiten Roman geschrieben. Wieder begleitet sie einen Mann und eine Frau durch eine kurze Phase ihres Berliner Alltags, allerdings wird aus den beiden kein Liebespaar. Sie sind Freunde von Anfang an und bleiben es bis zum Schluss. Von der flirrenden Leichtigkeit ihrer Sommernachts-Sexkomödie aus dem Kreuzberger Kiez ist in ihrem neuen Roman nichts zu spüren. Vielleicht hat sie …

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Iris Hanika, geboren 1962 in Würzburg, lebt seit 1979 in Berlin. Sie war feste Mitarbeiterin der Berliner Seiten der "FAZ" und führte eine Chronik im "Merkur". 2006 erhielt Iris Hanika den Hans Fallada Preis und 2011 den Preis der LiteraTour Nord.

Leseprobe zu "Das Eigentliche" von Iris Hanika

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Leseprobe zu "Das Eigentliche" von Iris Hanika

Die meisten Bewohner des Landes waren zur Zeit des Verbrechens noch gar nicht auf der Welt oder höchstens Kinder gewesen. Doch lastete die Ungeheuerlichkeit des Verbrechens ihrer Vorfahren schwer auf ihnen, und wenn sie sich dieser Ungeheuerlichkeit näherten, so erwarteten sie nie etwas anderes, als ihre Vorfahren als Verbrecher zu entlarven. Das gelang ihnen problemlos und am laufenden Band. So groß war dieses Verbrechen gewesen. So groß, daß es wirken wird bis ins siebte Glied.
Dieser Zustand der permanenten Aufdeckung des Verbrechens der Altvorderen war nicht schön, doch nötig, und als er nicht mehr nötig schien, war es gar nicht mehr schön. Da besann der Staat sich auf seine Pflicht seinen Bürgern gegenüber und beschloß, ihnen diese Bürde abzunehmen, indem er das Gedenken an das Verbrechen der Vergangenheit zu seiner immerwährenden Aufgabe erklärte. Die Verpflichtung, sie zu erfüllen, wurde in Denkmäler hineingegossen, deren Zahl um so schneller wuchs, je länger das Verbrechen zurücklag. Jeder Ort, und derer waren viele, an dem das Verbrechen sich ereignet hatte, wurde in eine Gedenkstätte umgewandelt. Es wurde dieses Gedenken nicht mehr als eine bloß notwendige, sondern als die edelste Aufgabe des Staates angesehen, und nirgends war es ehrenvoller zu arbeiten als im Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung, das in der Mitte der Hauptstadt des Landes angesiedelt war, weil hier, und das war eben offiziell, das Herz des Landes schlug. (Natürlich befand sich in diesem Gebäude nur die Zentrale des Instituts; seine vielen Nebenstellen waren übers ganze Land verteilt.)
So war die Dunkelheit, aus der dieser Staat vor langer Zeit hervorgekrochen war, in das hellste Licht gestellt und zu seinem Eigentlichen erklärt worden, was nur logisch war, schließlich war es der Grund seiner Gründung.
Es wußten alle darum.
Es war kein Geheimnis und mußte nicht diskutiert werden.
Es war wirklich das Eigentliche.

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