Leseprobe zu "Caesar" von Gisbert Haefs
I. TUSCULANISCHE GESCHÄFTE
Morgens hatte Quintus Aurelius einen Blick ins Freie getan, aber mehr als einen Blick war die äußere Welt an diesem Tag nicht wert. Es war kalt, und kein Wind ging, der die dicke graue Wolkendecke schütteln oder zurückschlagen konnte. Nicht kalt genug für Schnee; wenn es den Göttern gefiel, würde sich der Himmel allenfalls eines kalten Rieselns entäußern. Die Höhen der Albaner Berge waren nicht zu sehen; die Straße nach Tusculum und weiter nach Rom, sonst ein schmales Band in der Ferne, war zu einer Mutmaßung geschwunden.
Ihm stand der Sinn jedoch nicht nach Mutmaßungen. Bei solchem Wetter schmerzten einige der alten Wunden, und im Contubernium gab es diesseits von Mutmaßungen viel zu tun.
Die anderen waren bei den Tieren, auf den Feldern, im Stall. Sasila hatte den Hühnern einige Hände voll Körner und Quintus ein Lächeln zugeworfen. Später hörte er sie mit einigen der anderen Frauen im Obergeschoß reden, dann singen.
Im Speiseraum stank es nach Essensresten und verschüttetem Wein. Aurelius nahm den lederbespannten Laden aus einer Fensteröffnung, um Licht und Luft einzulassen.
"Gib mir die Nacht und behalte den Tag. Dein sei die Rose, mir laß die Dornen."
Der ausgezehrte Dichter starrte ihn an, rote Augen in einem bleichen Gesicht; dann ließ er sich wieder auf die Bank sinken. Erstaunlich, daß dieses schwarze Schaf so früh und so betrunken schon metrisch blöken konnte.
Aurelius hob die Schultern. Lüften konnte er auch später. Nachdem er den Laden wieder eingesetzt hatte, ging er vorsichtig durch die Finsternis des Speiseraums zur Küche.
Im großen gemauerten Herd gab es noch einen Rest Glut. Asche entfernen, das Feuer wieder anfachen, Speisereste von den gestapelten Eßbrettern kratzen, den Bodensatz aus Bechern und Krügen schütten, spülen, räumen... Hin und wieder hörte er den Dichter nebenan husten.
Viel später, als Aurelius eben begonnen hatte, Fleisch in schmale Streifen zu schneiden, um es in den Topf mit siedendem Wasser zu werfen, erschien Sasila. Sie mußte von oben über die Außentreppe hinter dem Haus gekommen sein und bückte sich nach dem Korb mit Abfällen. Sie war schlank, aber dabei kräftig, und schien keine Mühe mit der Bürde zu haben.
"Laß mich tragen", sagte sie. "Deine Hinkung schaukelhaft."
"Halb so schaukelhaft wie deine kantabrische Zunge." Sie rümpfte die leicht gebogene Nase. "Sei so. Aber kantabrische Augen gut. Edel Besuch unterwegs." "Besuch? So früh?"
"Zwei Sänfte. Zweimal sechs Träger. Und Diener."
Sie verschwand mit den Abfällen und schob mit der Ferse die Tür zu. Aurelius überlegte, welche edlen Herren so früh den Wunsch haben mochten, das Contubernium aufzusuchen.
Eigentlich hatte er in den letzten Tagen mehr hochmögende Römer gesehen, als er in einem Jahr ertragen konnte. Man hatte ihn gemietet, um in einem weitläufigen Anwesen außerhalb von Tusculum zu kochen. Mehr Gäste als vorgesehen, edlere Gäste als erwartet, ein plötzlich erkrankter Koch, die üblichen Zufälligkeiten. Er war gut bezahlt worden und hatte sich Mühe gegeben, hatte mit den verfügbaren Wachteln, Buchen, Barben, Keilern, allerlei eingelegten Gemüsen, minderwertiger Fischtunke und den sonstigen Zutaten gezaubert. Der Herr des Hauses, ein Senator, hatte es dem Verwalter überlassen, zu danken und zu zahlen, und unter all den Gästen hatte nur eine einzige Frau ihm gesagt, es sei köstlich gewesen und sie habe es genossen. Eine edle Römerin Mitte vierzig, mit feinen Zügen, sprühenden Augen und wunderbarer Haut, die keine Schminke brauchte.
Erst später hatte er erfahren, daß es sich um Servilia handelte: Halbschwester des großen Marcus Porcius Cato, zweifache Witwe eines Volkstribunen und eines Konsuls, Mutter dreier Töchter und des derzeitigen Quästors von Kilikien, Marcus Iunius Brutus. Und Geliebte Caesars. Vermutlich die Edelste unter den Anwesenden. Edel genug jedenfalls, um freundlich mit einem bloßen Koch und ehemaligen Soldaten zu reden. Als wäre er ein Mensch.
Wer auch immer sich jetzt dem Contubernium näherte, würde vermutlich weniger edel sein und wahrscheinlich nicht so freundlich. Aber es war müßig, sich den Kopf über die frühen Besucher zu zerbrechen; er würde sie bald genug sehen.
Nach einiger Zeit hörte er Stimmen und Gepolter vom Atrium her. Dann sagte jemand etwas über barbarische Finsternis, und ein anderer rief halblaut:
"Quintus Aurelius?"
Da er vorgewarnt war, erschrak er nicht, als er diese Stimme aus dem Dunkel hörte: ölig, aber nicht reinigend; fettig, aber nicht nahrhaft; bedeutend, aber nicht wichtig - so hatte man sie und ihren Besitzer genannt.
"Marco Tullio", sagte er. "Tritt näher; ich bin in der Küche."
Er hörte Poltern und eine Art Grunzen. "Es ist dunkel hier", sagte Cicero dann. "Soll ich mir die Beine brechen?" Es klang wie alle Unbill des Kosmos, Stimme geworden.
"Eile langsam durchs Reich der Schatten", sagte der andere. "Man könnte aber auch leuchten und lüften. Hat sich hier der Minotaurus erbrochen?"
"Schlimmer. Einige Priester und Senatoren." Aurelius bemühte sich um einen lockeren Tonfall; dabei war ihm keineswegs heiter zumute. Zwei edle Männer, früh am Morgen ... Wenn es darum gegangen wäre, das Contubernium für eine Feier zu mieten oder Beschwerden über allzu weitreichende Gerüche vorzubringen, hätten sie einen Sklaven oder Burschen geschickt. Sich zu zweit beraten konnten sie anderswo besser. Essen? Nein; sie würden zweifellos gefrühstückt haben, und für alles andere war es zu früh.
"Was ist das?" Wieder die ölige Stimme des großen Mannes, diesmal ein wenig näher. "Schnarcht da jemand?"
"Der ist von gestern übriggeblieben."
"Wir haben etwas mit dir zu besprechen. ohne Zeugen."
"Der da ist kein Zeuge. Er ist betrunken und schläft. Aber zu deiner Beruhigung will ich nachsehen."
Aurelius zündete am Herdfeuer einen Span an und ging in den Speisesaal. Im kargen Licht sah er Cicero und den anderen zwischen zwei Tischen stehen und zu ihm herüberschauen.
In der Ecke, abgeschirmt durch einen gekippten Tisch, lag der Dichter auf einer Bank und schnarchte. Als Aurelius sich über ihn beugte und ihn stupste, öffnete er das linke Auge, zwinkerte zweimal und schloß es wieder, ohne dabei das Sägen einzustellen.
"Abgefüllt und ohnmächtig." Er wandte sich den Besuchern zu. "Wo möchten die Herren sitzen?"
"In der Küche ist Licht", sagte der zweite Mann. "Licht, Luft und ein Hauch von Wärme, wenn ich mich nicht irre." Er stieß gegen etwas, vielleicht einen Schemel, knurrte eine Verwünschung und folgte Aurelius in die Küche.
"Gäbe es vielleicht einen Sitz?" Cicero blieb im Durchgang zur Küche stehen, musterte den Herd, den Bottich mit Spülwasser, den Rahmen mit straffer, durchscheinender Schweinsblase, der die Fensteröffnung verschloß, und seufzte leise.
"Ich bringe Schemel", sagte Aurelius. "Wenn die Herren damit vorliebnehmen mögen." "Sie mögen."
Er stellte ihnen zwei Schemel hin und ging zum Herd. Dort lehnte er sich mit dem Gesäß an die warmen Steine und schob die Hände unter die Lederschürze.
Die Wärme von hinten erschien ihm tröstlich. Von den beiden Besuchern ging eine Kälte aus, die er nicht begründen, aber auch nicht mißachten konnte. Marcus Tullius Cicero betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen; dann ließ er den Blick auf den Schemel sinken und bewegte den Fuß, wie zu einem Tritt.
Etwas an dem zweiten Mann kam Aurelius bekannt vor. Jemand, den er gesehen hatte, wahrscheinlich einer, den man kennen sollte. Er streifte eben den dicken Umhang ab, den er offenbar auch in der Sänfte getragen hatte. Darunter kam eine lange wollene Tunika zum Vorschein, ein schlichtes Gewand ohne Streifen oder Spangen. Am kleinen Finger der linken Hand glitzerte ein goldener Ring.
"Was ist euer Begehr?" sagte Aurelius, als ihm das Schweigen lange genug gedauert hatte.
Der Zweite lachte und sah Cicero an. "Er will wissen, was wir von ihm wollen. Dabei müßte er es sich doch denken können. Sag es ihm - du bist vertrauenswürdiger, Cicero; dich kennt er."
>Schmeicheln kann nicht schaden<, dachte Aurelius, >und Cicero ist eitel.< Laut sagte er, mit einer kleinen Verbeugung:
"Wer kennt ihn denn nicht, den Retter der Republik und Vater des Vaterlandes?"
"Es tut wohl, so etwas zu hören." Der beleibte Politiker spitzte den Mund. "Aber was wird es sein? Natürlich geht es um das, worum es immer geht. Geld."
"Geld?" Aurelius preßte unwillkürlich die Lippen zusammen. "Ich habe keines."
Was nicht stimmte. Natürlich hatte er Geld - sie alle, die das Contubernium gemeinsam betrieben, hatten Geld. Acht alte Soldaten, mit den üblichen Abfindungen ausgeschieden, mit ein paar Sklaven - Kriegsbeute - und Erinnerungen und Wunden ... Sie hatten das alte Gehöft und das halbe Tal billig kaufen können, die andere Hälfte etwas teurer; sie bestellten den Boden und hielten ein wenig Nutz- und Schlachtvieh, und es gab gutes Essen für die Hungrigen und Betten für die Ermatteten. Falls sie zahlen konnten. Geld, ja; aber nicht in der Menge, wie es die edlen Herren verlangten und vergeudeten, wenn sie Gesetze bewirken oder vermeiden wollten, ein hohes Amt anstrebten oder die Wahl eines Gegners zu verhindern wünschten.
Sein Gesicht hatte wohl eine gewisse Bestürzung verraten. Der Zweite lachte und sagte: "Ich glaube, das hat er mißverstanden."
Cicero starrte den anderen an, der sich nun auf den Schemel sinken ließ, dann Aurelius. Der Blick war kalt, aber die Stimme troff gewissermaßen von Wärme, Zuneigung und Wohlwollen, als er sagte: "Ach, Aurelius! Welch ein Mißverständnis. Wir wollen dir kein Geld abnehmen. O nein; wir wollen dir Geld geben. Viel Geld."
Aurelius zog die Hände unter der Schürze hervor und verschränkte die Arme vor der Brust: ohnmächtige Verschanzung. "Ich weiß nicht, ob mich das nicht mehr beunruhigen sollte."
"Warum denn das?" Cicero wölbte die Lippen vor.
"Geld", sagte der Wirt langsam, "bedingt eine Gegenleistung. Und viel Geld? Ah, ich glaube, ich sollte mich zu fürchten beginnen."
"Fürchten sich kampferprobte alte Centurionen? Echte Römer? Wovor?"
"Nicht vor Schwertern. Aber vor den Ränken der Reichen, der Politiker."
"Ränke?" Cicero wackelte mit dem Kopf. Endlich ließ auch er sich auf dem Schemel nieder. "Die Väter des Vaterlandes geben sich nicht mit Ränken ab."
"Wann habt ihr damit aufgehört?" Aurelius bemühte sich nicht, den Spott zu unterdrücken. "Gab es gestern einen Senatsbeschluß hierzu? Ist er endgültig?"
"Bist du dir sicher, daß uns keiner hören kann?" sagte der andere.
Der Wirt hob die Schultern. "Der da drin schnarcht. Die anderen sind bei der Arbeit. Ein paar Frauen und Sklavinnen oben, der Rest ist auf den Feldern und in den Ställen."
Cicero bewegte sich, als wäre ihm unbehaglich zumute. Der Schemel knirschte unter seinem Gewicht.
"Ich habe Durst", sagte der zweite Mann plötzlich.
Auf dem Herd stand noch ein Topf mit Morgensud - Honig, Minze, Verbene, Melisse und einige weitere Kräuter. Aurelius schob ihn in die Mitte der Eisenplatte.
"Kräutersud", sagte er. "Ein wenig Wein dazu?"
Hinter ihm erklangen ein Knurren und ein "Hm", die er als Bestätigung deutete. Während er den Krug nahm, in dem sein zweitbester Wein der Vertilgung harrte, sagte er halblaut: "Wieviel Geld und wofür?"
"Mitten in die Dinge." Cicero klang nicht beifällig, aber doch zustimmend. "Wieviel ist all das hier wert?"
"Schlechte Frage, Freund." Der andere Mann schnaubte. "Rechne aus - falls du diese Kunst nicht verlernt hast. Wir trauen doch eigenen Zahlen mehr als fremden, oder?"
Schlechte Aufführung eines schlechten Stücks, sagte Aurelius sich. Als ob sie das nicht vorher längst erörtert und abgewogen hätten.
"Sechs Krieger - Einfache oder Gefreite? Gleichviel; sagen wir hundertzwanzig Denare im Jahr." "Hundertfünfzig", sagte Aurelius.
"Ah nein", sagte Cicero. "Ihr seid ausgeschieden, ehe Caesar den Sold erhöht hat. Hundertzwanzig mal sechs, siebenhundertzwanzig. Entlassungsgeld ist bei milites was -dreizehn Jahressummen? Neuntausenddreihundertsechzig. Ein paar Sonderzuwendungen, ein Rest Beute, sagen wir insgesamt zehntausend. Ein alter Centurio, zwanzig mal eintausendfünfhundert? Also dreißig. Und unser Gastgeber, der beflissen im Topf rührt. Dreizehn Jahre bis zur Verletzung und zur missio causaria; sagen wir, weil er einer der höheren Centurionen war, insgesamt fünfundzwanzigtausend. Zusammen, uh, fünfundsechzig. Teils noch vorhanden, teils in Boden und Gebäude und Tiere und Saatgut gesteckt."
"Könnte hinkommen", sagte der Zweite. "Und wir bieten ihm ... dir, Aurelius, hunderttausend. Denare, nicht Sesterze. Anderthalbmal das, was ihr alle zusammen wert seid."
"Wen soll ich dafür umbringen?" Der Wirt drehte sich zu ihnen und sah sie an.
Cicero setzte eine Miene der Abscheu auf. "Mörder sind billiger zu haben."
"Ich vergaß, daß du so etwas wissen wirst."
Der andere wischte sich ein Grinsen vom Gesicht. Er warf Aurelius einen Blick zu, den dieser nicht recht zu deuten wußte. >Die richtige Art, mit einem anmaßenden Emporkömmling umzuspringen<, oder vielleicht das Gegenteil: >Nimm das Maul nicht so voll, Plebejer.<
"Ich weiß dies und jenes, das stimmt." Die erhabene Selbstzufriedenheit des Politikers war nicht zu beflecken. Jedenfalls nicht durch dummes Gerede eines bloßen emeritus, der einmal Centurio gewesen war und nun sein Geld als Gastwirt verdiente.
"Du hast mir da gewiß einiges voraus, Herr", sagte Aurelius. "Erleuchte die Finsternis meines Unwissens. Welche Leistung, die einer wie ich vielleicht erbringen könnte, wäre einem wie dir so viel wert?"
"Du sollst niemanden umbringen", sagte Cicero. Er reckte das Kinn, bis die Kringel darunter straffes Fleisch zu sein schienen. Befehlsgewohnte Entschlossenheit machte sich auf dem breiten Gesicht schmal, um die zusammengepreßten Lippen. "Im Gegenteil. Du sollst jemanden nähren und schützen."
Der Wirt schwieg, rührte noch einmal im Topf und füllte zwei Tonbecher mit der dampfenden Mischung aus Sud und Wein. Ein paar Tropfen ließ er auf den Boden schwappen, für die mutmaßlichen Götter. Er bezweifelte jedoch, daß einer von ihnen dort weilen mochte, wo Cicero sich befand.
"Bitte sehr, edle Herren. Ich weiß, daß Reisende unsere Betten und Speisen rühmen, und selbst nobilissimi aus Rom, die Häuser in Tusculum besitzen, suchen uns zuweilen auf. Aber ... hunderttausend Denare? Vierhunderttausend Sesterze? Wer eine Garküche betreibt, könnte nach Abzug aller Ausgaben vielleicht acht Sesterze am Tag gewinnen. Für eine solche Summe könnt ihr viele Köche mieten. Viele küchentüchtige Sklaven kaufen. Und, was den Schutz angeht, sehr viele Wächter einstellen."
Beide tranken. Ein paar Atemzüge lang war nichts zu hören außer dem Knistern des Herdfeuers, dem Schnarchen des Dichters nebenan und dem Wind, der sich draußen bekräftigte, indem er eine Dachkante jaulen und rattern ließ.
"Gaius", sagte Cicero. Aurelius dachte, er rede den anderen an, aber dann setzte er mit einem kaum hörbaren Seufzer hinzu: "Iulius Caesar."
"Caesar? Der hat genügend Wächter. Acht Legionen, oder sind es inzwischen zehn? Und Köche hat er auch." Etwas Kaltes, spitze Finger eines Winterdämons, griff nach seiner Leber.
"Er hat viel Geld für einen guten Koch ausgegeben, das ist wahr." Der zweite Mann trank, starrte in den Becher, nickte und musterte dann den Wirt. "Ein sehr guter Koch, der im Sommer für Caesars über jeglichen Zweifel erhabene Gemahlin Calpurnia kocht und im Winter für Caesar. Im Winterlager. Aber er taugt nicht fürs Feld. Für Märsche und Kämpfe und karge Vorräte."
"Ich auch nicht." Unwillkürlich schaute Aurelius zu Boden, auf seinen rechten Fuß. "Ich kann nicht marschieren, und Kämpfe? Davon habe ich mehr gehabt, als für zwei Leben nötig sind."
"Ich weiß." Cicero legte den Kopf in den Nacken und blickte zur Decke hinauf. "Hunderttausend. In deiner Abwesenheit werden wir darauf achten, daß nicht etwa Räuber oder Gesetze sich über dieses Anwesen hermachen."
"Wer sagt, daß ich eine Abwesenheit erwäge?"
"Solltest du aber." Der andere deutete ein Lächeln an, ließ dabei jedoch zu viele Zähne blicken. "Bei fortgesetzter Anwesenheit hier könntest du unter Plünderern leiden. Oder unter Gesetzen."
Aurelius hatte keinen Zweifel daran, daß die Drohung ernst gemeint war. Und daß die beiden mühelos imstande waren, eine solche Drohung auszuführen. Ein Wort, ein Fingerschnippen würde genügen.
Ohnmächtige Wut, mehr empfand er nicht. Sie füllte ihn aus, wie Milch, wenn sie kocht, einen Topf ausfüllt, dessen Boden sie zuvor kaum bedeckt hat.
"Warum?" Mehr brachte er nicht heraus. Jedes weitere Wort hätte Brechreiz ausgelöst. Er wäre durchaus bereit gewesen, den beiden Herren sein Innenleben vor die Füße und über die Gewänder zu speien. Aber nicht in der eigenen Küche.
"Warum?" Cicero schloß die Augen. Er verschränkte die Arme so, daß die Hand mit dem Becher in der linken Ellenbeuge ruhte. "Er soll lange leben und irgendwann wohlgenährt sterben. Vielleicht plaudert er, wenn sein Bauch gefüllt ist. Du sollst ihn nähren und schützen und achtgeben, wenn er etwas sagt. Etwas über seine Pläne."
"Achtgeben", sagte der andere, "daß nicht böse Menschen ihn zu vergiften versuchen."
"Warum ich?"
"Weil er dich kennt." Cicero öffnete die Augen und sah den Wirt an, eher gleichgültig. "Weil du ihn kennst. Weil wir dich und deine Leute hier kennen. Und deine Familie. Weil er dir vertrauen wird."
"Vertrauen?" In der Stimme des anderen lag so etwas wie Verachtung. "Caesar? Wem?"
Cicero winkte ab. "Ich weiß, er vertraut keinem, natürlich, aber wenn, dann am ehesten seinen Kriegern. Du bist ein alter Krieger. Ein alter Centurio."
"Und noch etwas." Der zweite Mann grinste. "Etwas, was wir wissen, aber Caesar nicht."
Aurelius schwieg."Du wirst im Gedenken an deine Familie, deine Freunde und deinen Besitz besonders umsichtig sein, nicht wahr? Weil es das Gegenteil dessen ist, was du am liebsten tätest." Er beugte sich vor und sagte in einem sanften, beinahe liebevollen Ton: "Weil du für Caesar etwas Besonderes empfindest. Etwas, das man hegen sollte. Nämlich Haß."
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