Bei uns in Auschwitz - Borowski, Tadeusz

Tadeusz Borowski 

Bei uns in Auschwitz

Übersetzer: Griese, Friedrich
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Bei uns in Auschwitz

Die Erzählungen des polnischen Auschwitzüberlebenden Tadeusz Borowski gehören zu den beklemmendsten Zeugnissen des 20. Jahrhunderts. Scheinbar moralisch indifferent beschreibt Borowski die Greuel der nationalsozialistischen Vernichtungslager aus der Perspektive des Kapos, der als Aufsichtsperson eine Rolle zwischen seinen Mithäftlingen und deren Mördern einnimmt, und verzichtet dabei auf eine klare Trennung zwischen Opfer und Täter.

"Tadeusz Borowski ist wahrscheinlich - neben Imre Kertész - der einzige Schriftsteller auf dieser Welt, der es dank seiner Ehrlichkeit, seiner Melancholie, seines Talents schaffte, ein paar hundert Seiten zu schreiben, nach deren Lektüre man endlich begreift, was Auschwitz, was der Holocaust wirklich gewesen ist." Der Spiegel

"Wenn von der europäischen Zivilisation nur dieses Buch erhalten geblieben wäre, was würde dann ein Nachmensch über uns denken? Das Erschreckende an diesem Buch: Auschwitz erscheint als natürliche Fortsetzung unserer Lebensweise, als eine bis ins Absurde verstiegene Normalität." Die Zeit

"Wie sehr Tadeusz Borowski darin geübt war, Stimmungen und Zustände anhand weniger Gegenstände oder Metaphern darzustellen, zeigt sich auch in seinen Erzählungen. Sie sind zweifellos nicht leicht zu übersetzen. Friedrich Griese hat sich seiner Aufgabe gut entschlagen." Süddeutsche Zeitung


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 427 S.
  • Seitenzahl: 432
  • btb Bd.73733
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 118mm x 32mm
  • Gewicht: 355g
  • ISBN-13: 9783442737338
  • ISBN-10: 3442737338
  • Best.Nr.: 23808355
»Ich wollte aufschreiben, was ich erlebt habe, aber wer auf der Welt wird einem Schreiber glauben, der eine unbekannte Sprache spricht? Das ist, als wollte ich Bäume und Steine überzeugen.« (Borowski nach seiner Befreiung und Rückkehr nach Warschau)

»Wie sehr Tadeusz Borowski darin geübt war, Stimmungen und Zustände anhand weniger Gegenstände oder Metaphern darzustellen, zeigt sich auch in seinen Erzählungen. Sie sind zweifellos nicht leicht zu übersetzen. Friedrich Griese hat sich seiner Aufgabe gut entschlagen.«
Tadeusz Borowski, geboren 1922 in Schitomir (Ukraine), studierte Polonistik an der Untergrund-Universität in Warschau. 1943 wurde er verhaftet und nach Auschwitz deportiert, danach in andere Lager, zuletzt nach Dachau. Nach der Befreiung der Konzentrationslager hielt er sich in München auf, wo 1945 ein Gedichtband erschien. 1946 arbeitete er als Redakteur in Warschau, 1949/50 als Korrespondent in Berlin. 1951 nahm sich Tadeusz Borowski in Warschau das Leben.

Leseprobe zu "Bei uns in Auschwitz" von Tadeusz Borowski

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Leseprobe zu "Bei uns in Auschwitz" von Tadeusz Borowski

... ich bin jetzt also in der Schulung für Sanitäter. Ein gutes Dutzend aus ganz Birkenau hat man ausgewählt und wird uns beinahe zu Doktoren ausbilden. Wir sollen wissen, wie viele Knochen der Mensch hat, wie das Blut kreist, was ein Bauchfell ist, wie man Staphylokokken und Streptokokken bekämpft, wie man steril eine Blinddarmoperation durchführt und wozu eine Blähung gut ist.

Wir haben eine sehr hehre Mission: Wir werden die Kollegen heilen, die das "böse Schicksal" mit Krankheit, Apathie oder Lebensunlust plagt. Wir, ausgerechnet wir, ein gutes Dutzend Leute von den zwanzigtausend Männern in Birkenau, sollen die Sterblichkeit im Lager senken und den Lebensmut der Häftlinge stärken. Das sagte, als er schon im Wegfahren war, der Lagerarzt, und dann fragte er noch jeden nach Alter und Beruf, und als ich ihm antwortete:

"Student", hob er erstaunt die Brauen: "Was haben Sie studiert?"

"Literaturgeschichte", erwiderte ich schlicht.

Mit einem abfälligen Kopfschütteln stieg er in den Wagen und fuhr davon.

Wir gingen dann auf einem sehr schönen Weg nach Auschwitz, sahen eine Menge Landschaft, dann teilte uns jemand irgendwo ein, als Gastpfleger in einem Krankenblock, mich hat das nicht sonderlich interessiert, weil ich mit Staszek (Du weißt, der, der mir die braune Hose gab) ins Lager ging, um jemanden zu finden, der Dir diesen Brief bringen würde, während Staszek zur Küche und zum Magazin ging, um fürs Abendessen ein Stück Weißbrot, einen Würfel Margarine und wenigstens eine Wurst zu organisieren, denn wir sind fünf.

Natürlich fand ich niemanden, weil ich Millionär bin, und hier sind lauter alte Nummern und schauen mich sehr von oben herab an. Aber Staszek versprach mir, den Brief über seine Beziehungen zu befördern, nur solle er nicht lang sein, "denn es muß ja langweilig sein, jeden Tag seinem Mädchen zu schreiben".

Während ich also lerne, wie viele Knochen ein Mensch hat und was ein Bauchfell ist, werde ich vielleicht herauskriegen, was Du gegen Deine Pyodermie tun kannst und gegen das Fieber Deiner Bettnachbarin. Ich fürchte nur, daß ich es selbst dann, wenn ich weiß, wie man einen Ulcus duodeni behandelt, nicht schaffen werde, die blöde Krätzesalbe von Wilkinson für Dich abzustauben, denn zur Zeit ist sie in ganz Birkenau nicht aufzutreiben. Bei uns pflegte man die Kranken mit Pfefferminztee zu begießen und dabei überaus wirksame Zauberformeln herzusagen, die ich hier leider nicht wiedergeben kann.

Was die Begrenzung der Todeszahlen angeht: In meinem Block erkrankte ein Prominenter, es ging ihm schlecht, er fieberte und sprach immer häufiger vom Sterben. Irgendwann rief er mich zu sich. Ich setzte mich zu ihm auf die Bettkante.

"Man kennt mich doch im Lager, nicht wahr?" fragte er und schaute mir besorgt in die Augen.

"Wer würde dich nicht kennen - und wer könnte dich vergessen?" erwiderte ich arglos.

"Schau", sagte er, zum Fenster deutend, wo roter Feuerschein zu sehen war.

Es brannte dort, hinter dem Wald.

"Weißt du, ich möchte gern allein liegen. Nicht mit anderen zusammen. Nicht im Massengrab. Verstehst du?"

"Keine Angst", sagte ich freundlich. "Ich werde dir sogar ein Bettlaken spenden. Und ich rede auch mit den Leichenträgern."

Stumm drückte er mir die Hand. Aber es half nichts. Er wurde wieder gesund und schickte mir aus dem Lager einen Würfel Margarine. Ich benutze sie als Schuhwichse, denn das ist so eine aus Fischen gemachte Sorte. Das war mein Beitrag zur Senkung der Sterblichkeit im Lager. Aber lassen wir's dabei, weil es allzusehr nach Lager klingt.

Seit fast einem Monat habe ich keinen Brief mehr von zu Hause bekommen . . .

Herrliche Tage - keine Appelle, keine Pflichten. Das ganze Lager ist zum Appell angetreten, und wir stehen am Fenster, halb hinausgelehnt, Zuschauer aus einer anderen Welt. Die Leute lächeln uns zu, wir lächeln zurück, sie nennen uns "Kollegen aus Birkenau", ein wenig mitfühlend, weil wir ein so elendes Schicksal haben, und ein wenig beschämt, weil das Schicksal es gut mit ihnen meint. Vom Fenster aus wirkt die Landschaft harmlos, das Kremo ist nicht zu sehen. Die Leute sind in Auschwitz verliebt, stolz sagen sie: "Bei uns in Auschwitz . . ."

Anlaß zum Stolzsein haben sie. Um Dir eine Vorstellung von Auschwitz zu machen, nimm den Pawiak, diese schreckliche Bude, dazu Serbien, nimm das Ganze mal achtundzwanzig und stelle es so eng zusammen, daß zwischen den Pawiaks nur wenig Platz bleibt, ziehe um das Ganze einen doppelten Stacheldrahtzaun und umgebe es von drei Seiten mit einer Betonmauer, pflastere den Schlamm, setze hier und da anämische Bäumchen und pferche einige zigtausend Leute hinein, die seit mehreren Jahren im Lager sitzen, phantastisch gelitten und die schlimmste Zeit überlebt haben - und jetzt tragen sie Hosen mit messerscharfen Bügelfalten und gehen mit wiegenden Schritten. Dann wirst Du verstehen, warum sie uns mit Verachtung und Mitleid begegnen, uns aus Birkenau, wo es nur hölzerne Pferdebaracken gibt, keine gepflasterten Wege und statt Bädern mit heißem Wasser vier Krematorien.

Der Sanitätsraum hat sehr weiße, ein wenig deutsch wirkende Wände, einen Betonboden wie im Gefängnis und viele, viele dreistöckige Pritschen, und man hat von dort aus einen ausgezeichneten Blick auf die Straße draußen, in der Freiheit. Hin und wieder geht ein Mensch vorbei, manchmal fährt ein Auto vorüber, gelegentlich ein Leiterwagen und manchmal ein Radfahrer, sicher ein Arbeiter, der von der Arbeit heimfährt. Weiter weg, sehr weit weg (Du hast keine Ahnung, wieviel Raum in ein so kleines Fenster paßt, nach dem Krieg, wenn ich ihn überlebe, möchte ich in einem hohen Haus mit Fenstern aufs Feld wohnen) sieht man ein paar Häuser und dahinter den dunklen Wald. Die Erde ist schwarz und muß feucht sein. Wie in Staffs Sonett "Wiosenny spacer", erinnerst Du Dich?

Es gibt in unserem Sanitätsraum aber auch zivilere Dinge: einen Kachelofen mit bunten Majolika-Kacheln, wie es sie bei uns im Depot gab. Die Bratroste sind in diesem Ofen so sinnreich angeordnet, daß man ohne weiteres ein Ferkel darin braten kann. Auf den Pritschen liegen "kanadische" Decken, weich wie ein Katzenfell. Weiße, geplättete Bettlaken. Auf dem Tisch liegt manchmal eine Tischdecke, aber nur an Feiertagen und zum Essen.

Das Fenster geht auf einen Weg hinaus, den Birkenweg. Leider ist jetzt Winter, die kahlen Zweige der "Trauerbirken" hängen herab wie ausgefranste Besen, und statt Rasen breitet sich zäher Schlamm unter ihnen aus, genau wie in der "anderen" Welt jenseits des Weges, nur muß man hier darin herumwaten.

Nach dem Appell gehen wir abends auf dem Birkenweg spazieren, gemessen, würdevoll, und grüßen Bekannte mit einem Kopfnicken. An einer Kreuzung steht ein Wegweiser mit einer Schnitzerei; sie zeigt zwei Männer auf einer Bank, die sich etwas zuflüstern, und ein dritter beugt sich zu ihnen herab und lauscht. Das soll zur Warnung dienen: Jedes deiner Gespräche wird belauscht, kommentiert und bei der entsprechenden Stelle gemeldet. Hier weiß jeder alles über jeden: wann er ein Muselmann war, was er organisiert hat und von wem, wen er erwürgt und wen er verpfiffen hat, und jeder lächelt spöttisch, sobald du ein gutes Wort über jemanden verlierst.

Stell Dir also den Pawiak vor, multipliziert mit soundso viel, umgeben mit einem doppelten Stacheldrahtzaun. Nicht wie in Birkenau, wo auch die Wachttürme auf langen, hohen Stelzen stehen, wie die Störche, wo nur an jedem dritten Pfahl eine Lampe brennt und der Stacheldraht nur einfach ist, dafür aber so viele Abschnitte hat, daß du sie nicht abzählen kannst.

So ist es hier nicht: an jedem zweiten Pfahl hängt eine Lampe, die Wachttürme haben einen soliden Unterbau, es gibt zwei Zäune und dann noch die Mauer.

Wir gehen also auf dem Birkenweg entlang, in unseren Zivilsachen, direkt aus der Sauna, die einzigen fünf Leute, die hier keine gestreifte Häftlingskleidung tragen.Wir gehen den Birkenweg entlang, glattrasiert, frisch und unbekümmert.

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