Wird der Homo sapiens sapiens als Gattungswesen von universeller
Repräsentanz wissenschaftlich untersucht, gelten eine quantitative
Vorgehensweise und die Suche nach Theorien von zeitloser Gültigkeit
als adäquat. Da jedoch für den immer stärker nach Individualität
strebenden Menschen eine große Variationsvielfalt der
Erscheinungsformen charakteristisch ist, gewinnen die qualitative
Untersuchungsstrategie der Komparativen Kasuistik und die
Entwicklung von Enstehungstheorien begrenzter Reichweite sowie
starker Veränderungsoffenheit zunehmend an Bedeutung. Die
Gegenstände komparativ-kasuistischer Betrachtung, zu denen z.B.
Lebensformen und Karriereverläufe ebenso gehören wie
Störungssyndrome oder die Ergebnisse von Interventionsprozessen,
setzen immer eine qualitativ oder auch quantitativ
zustandekommende, hinreichend typisierende Beschreibung eines
Phänomens voraus, das als Tertium comparationis die (relative)
Einschlägigkeit der Fälle garantiert und zugleich jene
theoriebildend verwertbare individualgeschichtlich-biographische
Hinterfragung seines "Werdegangs" ermöglicht, die
idealerweise sogar die Identifikation eines häufig beteiligten
gesellschaftlichen Faktors erlaubt. Die um 1980 an der TU Berlin
entwickelte Komparative Kasuistik hat sich vor und insbesondere
nach dem Erscheinen der Erstausgabe des vorliegenden Bandes im
Jahre 1990 bereits vielfältig bewährt. Im Rahmen des gerade
entstehenden umfassenden Programms einer "konkreten
Psychologie" eröffnen sich für diesen Ansatz weitere
Anwendungsperspektiven und damit verbundene zusätzliche
Ausbaumöglichkeiten.
Professor Dr. Gerd Jüttemann ist seit 1974 Hochschullehrer im Fachgebiet Persönlichkeitspsychologie der Technischen Universität Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Qualitative Methoden, Biografieforschung, Persönlichkeitspsychologie und Historische Psychologie.
Inhaltsangabe
1;Inhaltsverzeichnis;6 2;Vorbemerkungen des Herausgebers zur Neuausgabe;10 3;Vorbemerkungen des Herausgebers zur Erstausgabe von 1990;20 4;Das Konzept und seine wissenschaftliche Begründung;38 4.1;Das Grundmodell der Forschungsstrategie1;40 4.2;Analogie und Ähnlichkeit Probleme einer theoretischen Begründung vergleichenden Denkens;62 4.3;Zur Bedeutung der Klassenbildung ( und psychologischen Taxonomie) für die Anwendung der Komparativen Kasuistik;73 4.4;Idealtypen in der fallvergleichenden Forschung;83 4.5;Der Phänomenbegriff in der Philosophie und seine Bedeutung für die Komparative Kasuistik;96 4.6;Qualitative Forschungsprogramme in der Psychologie: Zu den Potenzialen der Komparativen Kasuistik und der Grounded- Theory- Methodologie;105 5;Besondere Anwendungsperspektiven;114 5.1;Komparative Kasuistik als adäquate Strategie einer klinisch- psychologischen Erforschung störungsspezifischer Phänomene;116 5.2;Verstehende Typenbildung und komparative Kasuistik: Fallvergleichende qualitative Methoden in der Psychotherapieforschung;122 5.3;Ein jedes Leben ist anders Plädoyer für eine stärkere Feinauflösung in der Psychotherapieforschung;132 5.4;Komparative Kasuistik und ihr Nutzen für die Klinische Kinderpsychologie;141 5.5;Qualitative Analyse von Längsschnittdaten Interviewauswertung und Typenbildung zu Entwicklungsverläufen der Lebensgestaltung;150 5.6;Karriereerfolg als individuelles Projekt: Grundformen beruflicher Autogenese;160 5.7;Zur Genese von Delinquenz und Kriminalität Komparative Kasuistik als methodischer Zugang;171 5.8;Der Vergleich von Einzelfällen in qualitativen Untersuchungen mit heuristischer Zielsetzung am Beispiel einer Analyse von Gefühlen;179 5.9;Ansätze der Geschichtswissenschaft für die Komparative Kasuistik;190 6;Konkrete inhaltliche Beispiele aus unterschiedlichen Forschungsbereichen;198 6.1;Vorgänger-Nachfolger-Übergänge in institutionellen und persönlichen Bezügen: Die Ausarbeitung einer Kategorie sozialwissenschaftlicher Psychologie;200 6.2;Komplexe psychosoziale Phänomene verstehen: Ein Beispiel zur Anwendung der Komparativen Kasuistik in der Kindheits-und Familienforschung;210 6.3;Demokratisches Engagement von Oberschülern Wie profitiert ihr Selbsterleben?;221 6.4;Entstehung und Realisierung des Kinderwunsches Bericht über eine qualitative Studie zu Motiven und Bedingungen für oder gegen die generative Entscheidung;229 6.5;Berufsbiografieforschung: Erfolgsfaktoren in Sänger- und Sängerinnenkarrieren;239 6.6;Vergleichende biographische Analysen der Berufslaufbahn von Schauspielern;249 6.7;Berufsbild Schulleiter Eine Analyse zum subjektiven Führungsverständnis;259 6.8;Das mnestische Blockade-Syndrom: Herleitung eines diagnostischen Begriffs aus Einzelfallbeschreibungen;268 6.9;Entwicklungspfade, Tatmotive und Delinquenzverläufe jugendlicher Sexualmörder Eine retrospektive Gutachtenanalyse mittels Komparativer Kasuistik;275 7;Autorenverzeichnis;284
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