Leseprobe zu "So will ich schweigen" von Deborah Crombie
Ende November
Der Nebel stieg in Wirbeln von der unbewegten Oberfläche des Kanals auf. Er schien wie ein lebendiges Wesen, eine formlose Kreatur, geboren aus der Dämmerung. Für Ende November war es ein ungewöhnlich warmer und klarer Tag gewesen, doch nach Sonnenuntergang hatte es rasch abgekühlt. Fröstelnd zog Annie Lebow die alte Strickjacke ein wenig fester um ihre schmalen Schultern.
Sie stand im Heck ihres Bootes, der Lost Horizon, den Blick auf die kahlen Bäume entlang der Biegung des Kanals gerichtet, und sog den eigenartig modrigen und kühlen Geruch ein, den das Wasser am Abend ausströmte. Wie immer erfüllte der Geruch sie mit einem quälenden Verlangen, einer Sehnsucht nach etwas, was sie nicht in Worte fassen konnte, und einer Melancholie, die von Mal zu Mal tiefer wurde. Der Schein der Kabinenbeleuchtung in ihrem Rücken war warm und einladend, doch für sie signalisierte er nur das Herannahen der Nacht und der Schrecken, die sie brachte. Und obwohl ihre Isolation selbst gewählt war, war sie dadurch nicht leichter zu ertragen.
Es war jetzt fünf Jahre her, dass Annie den Mann verlassen hatte, mit dem sie zwanzig Jahre lang verheiratet gewesen war, und ihren Job bei der Sozialbehörde von South Cheshire aufgegeben hatte. Mit dem angesparten Geld aus ihrem Anteil am Seehandelsunternehmen ihrer Familie hatte sie sich die Horizon gekauft. Sie hatte sich eingebildet, dass das schlichte Leben auf einem Boot - achtzehn Meter lang und gerade einmal zwei Meter zehn breit - zusammen mit der physischen Herausforderung, es ohne Hilfe zu führen, die bösen Geister im Zaum halten könnte. Eine Zeit lang hatte es auch funktioniert. Sie hatte den Cut - wie die alten Schiffer den Kanal nannten - ins Herz geschlossen und war überrascht von ihrer eigenen Kraft, stolz auf ihre Geschicklichkeit. Ihre Erkundungsfahrten auf dem Netz von Wasserwegen im mittelenglischen Binnenland hatten sie von Cheshire nach London geführt, dann zurück über die nördliche Industrieroute nach Birmingham, Manchester und Leeds - so lange, bis sie irgendwann das Gefühl gehabt hatte, ohne Anker auf dem Meer der Zeit zu treiben, auf den Spuren all der zähen, hart arbeitenden Menschen, die vor ihr diese Strecken gefahren waren.
Aber in letzter Zeit war dieser geisterhafte Trost mehr und mehr verblasst, und sie war unbewusst immer öfter zu den Stätten ihrer Vergangenheit zurückgekehrt, nach Cheshire, an den Shropshire Union Canal bei Nantwich. Wieder bestürmten sie die Erinnerungen, und im Vergleich mit den Gräueln, die sie in ihrer Zeit beim Jugendamt erlebt hatte, schien das, was ihr in ihrem Privatleben widerfahren war, geradezu lächerlich. Sie hatte immer zu viel Angst gehabt, etwas zu verlieren, als dass sie es gewagt hätte, in dieser finsteren Welt ihre eigenen Zeichen zu setzen. Sie hätte bei ihrem Mann bleiben sollen, ein Kind bekommen - aber jetzt war es für beides zu spät.
Sie wandte sich zu der hell erleuchteten Kabine um, angelockt vom Gedanken an die Flasche Weißwein im Kühlschrank. Ein Glas nur, sagte sie sich, um den Übergang zum Abend abzufedern ... doch sie wusste, dass ihre Disziplin nicht lange vorhalten würde, wenn die langen Nachtstunden dahinkrochen. Seit wann, fragte sich Annie, fürchtete sie sich eigentlich vor der Dunkelheit?
Vor ihr verlor sich der Kanal zwischen den überhängenden Bäumen, lockte mit dem vagen Versprechen neuer, unbekannter Landschaften, und eine kühle Brise wehte über das Wasser. Rasch dahinjagende Wolken schoben sich vor den aufgehenden Mond, und Annie fröstelte erneut. Jäh entschlossen sprang sie auf den Leinpfad. Sie würde das Boot den Kanal hinauf bis Barbridge bringen, ehe es völlig dunkel war. Das lebhafte, lärmende Treiben im alten Gasthaus am Kanal wäre eine willkommene Ablenkung. Vielleicht würde sie sogar hineingehen, um etwas zu trinken, und den Weißwein fest verkorkt lassen, als Trostspender für eine andere Nacht. Und gleich am nächsten Morgen würde sie weiterfahren und diesen Ort hinter sich lassen, an dem die Vergangenheit so viel gegenwärtiger schien.
Als sie sich auf den weichen Rasen kniete, die Vertäuleine in der Hand, spürte sie die Erschütterung, noch ehe sie die hastenden Schritte hörte, den keuchenden Atem des Läufers. Und ehe sie eine Bewegung machen konnte, hatte die dahinjagende Gestalt sie schon fast über den Haufen gerannt. Sie sah das bleiche, wilde Gesicht des Jungen, und seine klatschnasse Kleidung streifte sie, als er an ihr vorbeistolperte. Er murmelte etwas, was sie nicht ganz verstand, doch sie wusste, es war ein Fluch und keine Entschuldigung.
Dann lief er schon weiter, und noch lange, nachdem die Dunkelheit seine schlanke Gestalt verschluckt hatte, glaubte sie das Stampfen seiner Schritte zu hören.
1 Dezember
Gemma James hätte nie gedacht, dass zwei Erwachsene, zwei Kinder und zwei Hunde, allesamt mit dem Gepäck für eine Woche und diversen Weihnachtsgeschenken in ein kleines Auto gequetscht, eine so ominöse Stille verbreiten könnten.
Es war Heiligabend, und sie waren gleich nach dem Mittagessen von London aufgebrochen - oder vielmehr, sobald sie und ihr Lebensgefährte Duncan Kincaid sich von ihren Schreibtischen hatten losreißen können - er im New Scotland Yard, sie im Revier Notting Hill der Metropolitan Police. Sie hatten es endlich geschafft, beide eine Woche längst überfälligen Urlaub zu bekommen, und waren auf dem Weg nach Cheshire, um die Feiertage bei Duncans Eltern zu verbringen - eine Aussicht, die Gemma mit einiger Unruhe erfüllte.
Auf dem Rücksitz war Gemmas fünfjähriger Sohn Toby endlich eingeschlafen. Sein Köpfchen mit dem blonden Schopf war zur Seite gesunken, und sein kleiner Körper hing schlaff im Sicherheitsgurt, so vollkommen entspannt und selbstvergessen, wie es nur die Jüngsten sein können. Geordie, Gemmas Cockerspaniel, fläzte halb auf dem Schoß des Jungen und schnarchte leise. Neben Toby saß Kit, Duncans dreizehnjähriger Sohn, und zusammengerollt an seiner Seite lag Kits kleiner Terrier Tess. Im Gegensatz zu Toby war Kit hellwach, aber bedenklich still. Die Ferien, denen die Kinder schon so lange entgegenfieberten, hatten mit einem Streit begonnen, und Kit hatte wenig Neigung gezeigt, seine Gekränktheit zu vergessen.
Gemma seufzte unwillkürlich, und Duncan beäugte sie vom Beifahrersitz aus.
"Reif für eine Pause?", fragte er. "Ich kann gerne übernehmen."
Ein einzelner dicker Regentropfen platschte auf die Windschutzscheibe und kroch am Glas hinauf. Gemma sah, dass die schweren Wolken im Norden schon den Horizont streiften und rapide die letzten Reste von Tageslicht auslöschten. Bis hinter Birmingham waren sie im Stop-and-Go-Verkehr des Ferienbeginns über die M 6 geschlichen und kamen jetzt erstmals einigermaßen zügig voran. "Ich glaube, es kommt noch eine Raststätte, bevor wir von der Autobahn abfahren. Da können wir dann tauschen." Gemma wäre zwar lieber ohne Pause weitergefahren, aber sie legte auch keinen großen Wert darauf, im Dunkeln durch das wilde Hinterland von Cheshire zu kutschieren.
"Nantwich ist keine zehn Meilen von der Autobahn entfernt", kommentierte Duncan grinsend ihre unausgesprochenen Befürchtungen.
"Trotzdem, dazwischen ist nur plattes Land." Gemma verzog das Gesicht. "Kühe. Schlamm. Mist. Mücken."
"Mücken? Nicht um diese Jahreszeit", korrigierte er sie.
"Außerdem", fuhr Gemma unbeirrt fort, "wohnen deine Eltern gar nicht in der Stadt. Sie wohnen auf einem Bauernhof." Sie brachte es fertig, das harmlose Wort mit unheilvoller Bedeutung aufzuladen.
"Auf einem ehemaligen Bauernhof", sagte Kincaid, als sei das etwas völlig anderes. "Zugegeben, nebenan ist eine Molkerei, und ab und zu weht's die Gerüche ein bisschen zu uns rüber."
Seine Eltern hatten in dem Marktstädtchen Nantwich einen Buchladen, doch sie wohnten in einem alten Bauernhaus ein paar Meilen weiter nördlich. Dort war Kincaid aufgewachsen, zusammen mit seiner jüngeren Schwester Juliet, und seit Gemma ihn kannte, hatte er immer von diesem Ort geschwärmt, als sei es der Himmel auf Erden.
Im Gegensatz zu ihm fühlte sich Gemma, die in Nordlondon aufgewachsen war, nie so richtig wohl, wenn sie nicht die Lichter und Menschenscharen der Großstadt um sich hatte und sie nahm ihm seine glühenden Lobeshymnen auf das Landleben nicht ab. Auch war sie nicht gerade begeistert gewesen von der Idee, über die Feiertage wegzufahren. Sie hatte sich so auf ein Weihnachtsfest ohne die Katastrophen gefreut, die ihnen im Jahr zuvor - ihrem ersten in dem Haus in Notting Hill - die Feiertagsfreude getrübt hatten. Und sie hatte das Gefühl, dass die Kinder die Sicherheit und Geborgenheit eines Weihnachtsfests im eigenen Zuhause brauchten - ganz besonders Kit.
Ganz besonders Kit. Sie warf einen verstohlenen Blick in den Rückspiegel. Er hatte sich an ihrem Geplänkel nicht beteiligt und blickte immer noch mit versteinerter, unversöhnlicher Miene aus dem Fenster hinaus auf die sanften Hügel von Cheshire.
Als Gemma an diesem Morgen noch rasch die liegen gebliebene Post der letzten Woche durchgegangen war, hatte sie einen Brief gefunden, der an Kincaid adressiert war und den Stempel von Kits Schule trug. In der Annahme, eine Bitte um Spenden oder die Ankündigung irgendeiner Schulveranstaltung darin vorzufinden, hatte sie ihn achtlos aufgerissen. Doch als sie den Inhalt überflogen hatte, war ihr der Schock in alle Glieder gefahren, und sie war wie angewurzelt in der Küche stehen geblieben. Das Schreiben kam von Kits Schulleiterin. Sie ließ Kincaid wissen, dass Kits schulische Leistungen sich in jüngster Zeit in besorgniserregender Weise verschlechtert hätten, und forderte ihn auf, sich nach den Ferien zu einem Beratungsgespräch bei ihr einzufinden. Die Unterschriften auf früheren Briefen, die seine Lehrer Kit nach Hause mitgegeben hatten, fügte die Leiterin noch hinzu, seien nach Ansicht des Kollegiums vermutlich gefälscht.
Gemma hatte sich mühsam zusammengenommen, bis Kincaid nach Hause gekommen war, und dann hatten sie Kit gemeinsam zur Rede gestellt.
Das Gespräch war nicht gut verlaufen. Kincaid war ausgerastet. Nicht nur die Tatsache, dass Kit ihn hintergangen hatte, brachte ihn auf die Palme, sondern mindestens ebenso sehr seine Sorge um das schulische Abschneiden des Jungen. Er brüllte seinen Sohn an, während Toby und die Hunde sich verschreckt in die Zimmerecke verkrochen. Kit wurde kreidebleich und zog sich sofort in sein Schneckenhaus zurück - und Gemma musste die Friedensstifterin spielen.
"Es ist schon zu spät, um die Schulleiterin anzurufen", hatte sie gesagt. "Wir müssen bis nach den Ferien warten. Also schlage ich vor, dass wir uns jetzt alle beruhigen und uns von dieser Sache nicht die Feiertage verderben lassen." Mit einem Blick auf ihre Uhr hatte sie hinzugefügt: "Und wenn wir nicht bald losfahren, werden wir nie rechtzeitig zum Abendessen bei deinen Eltern sein."
Kincaid hatte sich mit einem angewiderten Achselzucken abgewandt, um den Rest des Gepäcks zu verstauen, und Kit war in das eisige Schweigen verfallen, in dem er seither verharrte. Es war irgendwie absurd, dachte Gemma, aber obwohl Kit derjenige war, der einen Rüffel bekommen hatte, wurde sie das Gefühl nicht los, dass sie und Duncan es waren, die versagt hatten. Sie hätten sich darüber verständigen müssen, wie sie mit der Sache umgehen wollten, ehe sie Kit zur Rede stellten; vielleicht hätten sie sogar zuerst mit der Schulleiterin sprechen sollen, ehe sie sich den Jungen vorknöpften.
Erst vor kurzem hatten sie den erbitterten Streit mit den Eltern von Kits Mutter um das Sorgerecht, der sie fast das ganze letzte Jahr über in Atem gehalten hatte, zumindest bis auf Weiteres beilegen können. Und das hatte sie wohl dazu verleitet, sich in einer trügerischen Sicherheit zu wiegen. Kit hatte endlich in den DNA-Test eingewilligt, und nachdem der Beweis erbracht war, dass Duncan Kits leiblicher Vater war, hatte das Gericht ihm das Sorgerecht zugesprochen - allerdings mit der Einschränkung, dass das Wohl des Jungen und die Stabilität seines häuslichen Umfelds weiterhin regelmäßig zu überprüfen seien.
Sie hätten sich denken können, dass es unklug war, sich auf dem Erreichten auszuruhen, dachte Gemma. Es war zu einfach - und mit Kit würde es niemals wirklich einfach sein. Ein simpler Vaterschaftstest konnte nicht wie durch Zauberhand die Wunden heilen, die der Tod seiner Mutter und das Verlassenwerden durch seinen Stiefvater geschlagen hatten.
Als sie zu Kincaid hinübersah, wurde ihr plötzlich klar, dass sein untypischer Zornesausbruch von der Angst herrührte, all das wieder zu verlieren, was sie so mühsam errungen hatten.
Auf dem Rücksitz regte sich etwas, und ein Gähnen war zu hören. "Sind wir schon da?", ließ Toby sich vernehmen. "Ich hab Hunger."
"Du hast immer Hunger, junger Mann", erwiderte Kincaid. "Und es ist gar nicht mehr weit. Nur noch ein kleines Stückchen."
"Kriegen wir von Oma Rosemary auch Mince Pies?" Wie immer hatte Toby von Tiefschlaf auf Wachzustand umgeschaltet und sprühte vor Tatendrang und Energie.
Gemma fand es amüsant und zugleich rührend, dass Toby, der Duncans Eltern noch gar nicht kannte, sie ohne Weiteres als Teil der Familie angenommen hatte, während sie selbst, obwohl sie immerhin Duncans Mutter schon kennengelernt hatte, sich fühlte wie vor einer Zahnbehandlung. Was, wenn Duncans Eltern sie nicht mochten? Was, wenn sie den Erwartungen, die sie für ihren Sohn hegten, nicht entsprach? Kits Mutter war schließlich Akademikerin gewesen, eine angesehene Dozentin an der Universität von Cambridge, während Gemma von der Schule direkt auf die Polizeiakademie gegangen war und niemand in ihrer Familie je ein Universitätsstudium abgeschlossen hatte. Ihre Eltern waren Bäcker, keine Intellektuellen, und die literarischen Ambitionen ihrer Mutter beschränkten sich auf eine Vorliebe für Soaps.
"Ja, Mince Pies in Hülle und Fülle", versicherte Kincaid. "Und morgen zum Weihnachtsessen gibt's Truthahn."
"Und was ist mit heute Abend? Ich hab doch heute Abend Hunger." Toby beugte sich so weit vor, wie es sein Gurt nur zuließ, die Augen vor Eifer weit aufgerissen.
"Heute Abend kocht deine Tante Jules, wenn ich mich nicht irre, also wirst du dich einfach in Geduld üben müssen. Und in Höflichkeit", setzte Kincaid hinzu, klang dabei aber ein wenig unsicher. Er sprach nicht oft über seine Schwester, und Gemma wusste, dass er Juliet, seinen Neffen und seine Nichte zuletzt Weihnachten vor zwei Jahren gesehen hatte.
Toby trommelte mit den Schuhspitzen gegen die Rückenlehne von Gemmas Sitz. "Wieso? Kann sie nicht kochen?"
"Hmm - na ja, sie war schon als kleines Mädchen eher handwerklich begabt", antwortete Kincaid diplomatisch. "Aber ich denke mal, wenn sogar Gemma kochen lernen kann, ist alles möglich."
Ohne die Augen von der Straße zu nehmen, knuffte Gemma ihn in den Arm. "Vorsicht, Freundchen, oder ich misch dir in Zukunft Regenwürmer ins Essen." Toby gluckste vergnügt, und Gemma war erleichtert, als sie ein leises Kichern von Kit zu vernehmen glaubte.
"Wie soll der Weihnachtsmann mich denn finden, wenn ich gar nicht daheim bin?", wollte Toby wissen.
"Red doch nicht so kindisch daher", mischte Kit sich ein. "Du weißt doch, dass es keinen ..."
"Kit, das reicht!", fuhr Kincaid scharf dazwischen, und schon war der fragile Moment der Harmonie wieder dahin.
Gemma fluchte in sich hinein und packte das Lenkrad ein wenig fester, doch bevor sie sich überlegen konnte, wie sie die Stimmung retten könnte, rief Toby: "Sieh mal, Mami, es schneit! Wir kriegen weiße Weihnachten!"
Eine nach der anderen sanken die dicken Flocken auf die Windschutzscheibe, leicht wie Federn, und dann begannen sie immer dichter zu fallen, bis der wirbelnde weiße Nebel Gemmas Gesichtsfeld ganz ausfüllte.
"Weiße Weihnachten", echote Kit sarkastisch. "Halleluja!"
"Zum Teufel mit Caspar." Juliet Newcombe schlug die Spitzhacke mit aller Kraft in den knapp einen Meter breiten Streifen Mörtel in der Mauer des alten Viehstalls. "Zum Teufel mit Piers." Sie holte aus und vergrößerte mit einem weiteren kräftigen Schlag das Loch, das sie mit dem ersten gerissen hatte.
Es würde bald dunkel sein, und der bitterkalte Wind, der vom Kanal herwehte, hatte jenen metallischen Geruch, der Schnee verhieß. Sie hatte ihre Leute schon vor Stunden nach Hause geschickt, damit sie den Heiligabend mit ihren Familien verbringen konnten, und es war nur ihre Hartnäckigkeit, die sie so lange nach Feierabend noch auf der Baustelle ausharren ließ. Und ihre Wut.
Nicht, dass es keinen Grund gegeben hätte, Überstunden zu machen. Der Umbau des alten Viehstalls am Shropshire Union Canal zwischen Nantwich und Barbridge war der größte Auftrag, den sie an Land gezogen hatte, seit sie sich mit ihrer Baufirma selbstständig gemacht hatte, und das ungewöhnlich schlechte Wetter zu Beginn des Monats hatte das Projekt um Wochen zurückgeworfen. Sie lehnte sich einen Moment lang auf den Stiel der Spitzhacke, um zu begutachten, was sie bis jetzt geschafft hatten.
Gelegen zwischen sanft abfallendem Weideland und dem Ufer des Kanals, würde das Haus ein richtiges kleines Juwel sein, wenn es einmal fertig wäre. Der Kuhstall selbst war ein einstöckiges Gebäude, mit Mauern aus dem traditionellen roten Cheshire-Backstein und einem Schieferdach. Irgendwann in seiner Geschichte war das ursprüngliche hallenartige Stallgebäude durch Anbauten erweitert worden, sodass ein U-förmiges Ensemble entstanden war, mit der offenen Seite zur Wiese. Das Hauptgebäude grenzte direkt ans Ufer des Cut, und von den Fenstern, die sie in die Frontseite gesetzt hatten, bot sich ein ungehinderter Blick auf das Wasser und den Bogen der alten Steinbrücke, die den Kanal überspannte.
Nur in einem der sechs Kanalboote, die unterhalb der Brücke festgemacht hatten, schien ein einladendes Licht, und Rauch kringelte sich aus dem Schornstein. Vielleicht wohnten die Besitzer das ganze Jahr über auf dem Boot und trafen gerade Vorbereitungen für einen gemütlichen Heiligabend auf dem Wasser.
"Einen gemütlichen Heiligabend", wiederholte sie laut und lachte bitter. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie an ihre Kinder dachte - Sam, noch mit der unverfälschten, unschuldigen Begeisterung eines Zehnjährigen, und Lally, die sich Mühe gab, den coolen, unbeteiligten Teenager zu spielen und sich die Vorfreude auf das Fest nicht anmerken zu lassen. Sie waren bei Juliets Eltern, wo sie darauf warteten, ihren Cousin kennenzulernen, den verlorenen und jüngst wiedergefundenen Sohn von Juliets Bruder Duncan.
Ihre Cousins, sollte sie wohl sagen, denn ihr fiel ein, dass die Frau, mit der ihr Bruder zusammenlebte, ja auch einen kleinen Sohn hatte. Wieso hatten die beiden eigentlich nicht geheiratet?, fragte sie sich. Hatten sie entdeckt, dass das Geheimnis einer guten Beziehung darin bestand, die Zuneigung des anderen nicht als selbstverständlich hinzunehmen? Oder waren sie einfach nur vorsichtig, weil sie auf keinen Fall einen Fehler machen wollten, der ihnen vielleicht für viele Jahre das Leben zur Hölle machen würde? Da könnte sie ihnen den einen oder anderen Tipp geben, wenn sie denn auf ihren Rat hören wollten.
Und dann fiel ihr mit einem Anflug von Schuldbewusstsein ein, dass sie schließlich das Unglück nicht für sich allein gepachtet hatte. Die beiden hatten ihr Kind verloren, ziemlich genau vor einem Jahr; ein Baby, das nur ein paar Wochen zu früh zur Welt gekommen war, um lebensfähig zu sein. Die Schamröte schoss ihr ins Gesicht, als sie daran dachte, dass sie es nicht fertiggebracht hatte, anzurufen oder wenigstens ein paar Zeilen zu schreiben. Sie hatte es vorgehabt, aber irgendwie hatte sie nie die richtigen Worte finden können - die richtigen Worte, um die Kluft zu überbrücken, die sich zwischen ihr und ihrem einst so geliebten und bewunderten älteren Bruder aufgetan hatte.
Und bald würden sie hier sein, noch heute Abend. Die ganze Familie würde zum festlichen Heiligabend-Dinner zu ihr kommen, bevor man geschlossen zur Mitternachtsmesse in St. Mary's ging. Und sie würde die Komödie mit dem Titel "Glückliche Familien" mitspielen müssen.
Caspar würde sich zu benehmen wissen, da war sie sich sicher. Er würde der perfekte Gastgeber sein, und niemand würde erraten, dass ihr Mann sie erst an diesem Nachmittag beschuldigt hatte, ihn mit seinem Partner Piers Dutton zu betrügen.
Wieder wallte Wut in ihr auf, und sie trieb die Spitzhacke mit aller Macht in den bröckelnden Mörtel. Sie musste nach Hause, musste sich der ganzen Bande stellen, aber zuerst würde sie diese Arbeit zu Ende bringen; eine Leistung, die ganz und gar ihre eigene war, weitab von allen Lügen und Intrigen. Sie würde im Rhythmus der Schläge atmen und an einfache Dinge denken: einen Durchbruch von dem ehemaligen Viehstall zu einem Anbau, der früher als Futterspeicher gedient hatte. Die Geschichte des alten Stalls erstreckte sich vor ihrem inneren Auge wie ein Band: die Generationen von Landarbeitern, die an kalten Wintermorgen hier Unterschlupf gesucht hatten, die an Abenden wie diesem hier zusammengehockt hatten.
Einer von ihnen hatte hier irgendwann, so vermutete sie, eine Futterkrippe zugemörtelt, von der jetzt nur noch ein glatter grauer Streifen zeugte, der die Einförmigkeit der roten Ziegelmauern durchbrach. Der Mann hatte gut und sauber gearbeitet, und irgendwie widerstrebte es ihr, sein Werk zu zerstören. Aber die neuen Eigentümer wollten nun mal eine Tür von dem Raum, der ihr Wohnzimmer mit Küchenecke werden sollte, zum hinteren Teil des Hauses, und sie würden ihre Tür bekommen.
Als das Loch groß genug war, um es mit dem Pickel aufhebeln zu können, setzte sie die Spitze in den Mörtel und zog. Ein Brocken löste sich, blieb aber hängen - an einem Stück Stoff, wie es schien. Seltsam, dachte Juliet und sah sich die Sache genauer an. Mit der hereinbrechenden Dämmerung war es im Stall schon ziemlich düster geworden. Sie zog die Spitze des Pickels heraus, knipste ihre Arbeitslampe an und richtete sie auf die Wand. Dann befühlte sie das Material mit den Fingern. Tatsächlich, es war Stoff - rosa, wie sie zu erkennen glaubte.
Sie setzte die Spitzhacke erneut an und zog vorsichtig, bis sie einen weiteren Brocken Mörtel aus der Wand gelöst hatte. Jetzt konnte sie schon mehr von dem Stoff sehen, konnte das kleine Muster erkennen - springende Schafe, schmutzig weiß auf dem fleckigen rosa Untergrund. Es sah aus wie die Decken, die ihre Kinder als Babys gehabt hatten. Ausgesprochen merkwürdig. Der Stofffetzen schien in einem Hohlraum zu stecken, der nur mit einer dünnen Mörtelschicht verschlossen gewesen war. Sie trat ein Stück zur Seite, um nicht im Licht zu stehen, und zupfte an dem Fetzen, zog ihn noch ein Stück weiter heraus. Er schien um irgendetwas gewickelt zu sein, eine weitere Stoffschicht ... rosafarbener Stoff, mit einer Reihe rostiger Druckknöpfe.
Es ist eine Puppe, dachte sie, immer noch verwirrt - eine schwarze Babypuppe in einem rosa Strampelanzug. Warum sollte jemand eine Puppe in eine Stallwand einmauern?
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