Nette Aussichten - St. Aubyn, Edward

Edward St. Aubyn 

Nette Aussichten

Roman

Aus d. Engl. v. Dirk van Gunsteren
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Nette Aussichten

Adel vergiftet

Eine englische Gartenparty im Februar, bei der degenerierte Herzöge, adelsgeile Emporkömmlinge, abgehalfterte Popstars und heiratswütige Pfarrerstöchter aufeinanderprallen. Ausgerechnet vor der Kulisse dieses Jahrmarkts der Eitelkeiten vertraut Patrick Melrose erstmals einem Freund sein übermächtiges Kindheitstrauma an - den jahrelang andauernden Missbrauch durch seinen Vater. Das gesellschaftliche Großereignis wird zur aberwitzigen Folie, vor der die Abgründe des Menschlichen nur umso deutlicher werden.

Nominiert für den renommierten Booker Prize.

'Atemberaubend eisiger Stil.' NDR Kultur

'Ein wahres Lesevergnügen.' Deutschlandradio Kultur

'St Aubyns Roman ist durchgehend scharfsinnig, atemberaubend und - ja - auch grausam.' Rheinischer Merkur


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 187 S.
  • Seitenzahl: 192
  • btb Bd.73795
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 117mm x 20mm
  • Gewicht: 202g
  • ISBN-13: 9783442737956
  • ISBN-10: 3442737958
  • Best.Nr.: 25547570
"St Aubyns Roman ist durchgehend scharfsinnig, atemberaubend und - ja - auch grausam."

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Rezensentin Margret Fetzer hat sich äußerst gern in die Welt der britischen Upper-Class der 80er und 90er Jahre begeben, die Gegenstand dieser Roman-Trilogie ist, deren deutsche Fassung mit dem Erscheinen dieses dritten Bandes nun komplett vorliegt, wie die Rezensentin schreibt. Diese Welt werde in den Büchern zwar äußerst überzogen, aber auch höchst unterhaltsam dargestellt, Snobismus und Arroganz inklusive. Zwar findet sie persönlich, dass der erste Band der beste ist. Aber auch Band drei hat seine Reize für sie, was unter anderem opulenten Parties und der Drogenberauschtheit des Romanpersonals zu verdanken ist. Als Problem empfindet die Rezensentin jedoch, dass die Subtilitäten des Originals eigentlich unübersetzbar seien: angefangen mit den Feinheiten des britischen "Oberschichtensprechs" bis zu den literarischen Zitaten, denen hierzulande der signalreizhafte Wiedererkennungswert fehle. In diesem Zusammenhang bemängelt die Rezensentin auch, dass jeder der drei Bände einen anderen Übersetzer hat.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 12.03.2008

Totengerippe trägt Seidenpyjama
Edward St. Aubyn blickt zurück / Von Paul Ingendaay

Im Original heißen die drei kurzen, vor rund fünfzehn Jahren erschienenen Romane des Engländers Edward St. Aubyn um den drogenabhängigen Adelssprössling Patrick Melrose "Never Mind", "Bad News" und "Some Hope". Man muss das nicht übersetzen, es funkelt darin vor britischem Sarkasmus, und wenn es nicht ironisch ist, soll's wenigstens knapp sein. Der dritte Band allerdings, "Some Hope", der jetzt unter dem Titel "Nette Aussichten" (nach "Schöne Verhältnisse" und "Schlechte Neuigkeiten") in Dirk van Gunsterens zuverlässiger Übertragung auf Deutsch erschienen ist, will ziemlich genau das sagen, was der Titel verspricht: Es gibt noch Hoffnung, sie schimmert drüben am Horizont. Und wenn der Held bei Trost ist, wird er darauf zuwanken, immer sicherer Tritt fassen und am Ende vielleicht doch noch etwas aus seinem ramponierten Luxusleben machen. Das also wären "Nette Aussichten"? Bitte! Da hat das einmal gefundene Titelmuster den DuMont Verlag zu einer läppischen Floskel verführt, die in nichts dem todernsten Thema des Romans gerecht wird. Denn es geht, ohne …

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Witz, Biss und Tempo. [ ]. Diese Party ist das starke Finale der packenden Trilogie. KÖLNER STADT-ANZEIGER Der von der Kritik stürmisch gefeierte Autor entlarvt wieder die snobistische englische Gesellschaft bei einer Party böse, ironisch, stellenweise zynisch. NEUE PRESSE Eleganter, stellenweise atemberaubend eisiger Stil. NDR KULTUR Ein wahres Lesevergnügen. [ ] So elegant wie scharfkantig [ ] St. Aubyn hat sich in diesem Buch einer besonderen Herausforderung gestellt. Nicht über Dämonen zu schreiben, sondern über Zuversicht, Zukunft. Keine einfache Aufgabe für einen, der so lustvoll wie eisig seziert. DEUTSCHLANDRADIO Weltgewandt und tiefenscharf ist dieser Roman die Antithese zum Kitsch konventioneller Fürstenromane. WIENERIN Wirklich verführerisch flimmert sie, diese literarische Mischung aus Snobismus, Schmerz, stilistischer Eleganz und Klasse Oberklasse versteht sich. WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE Der Autor kehrt zu seiner Höchstform zurück. [ ] Als Gesellschaftssatire in der Tradition des frühen Aldous Huxley ist 'Nette Aussichten brillant und streckenweise urkomisch. NZZ St Aubyns Prosa ist ebenso scharf, wie seine Figurenzeichnungen scharfsinnig sind. [ ] Ohne Larmoyanz und mit viel britischen Sinn für Pointen. [ ] Ein großartiger Roman. HANNOVERSCHE ALLGEMEINE
Edward St Aubyn wurde 1960 als Sprössling einer Familie des englischen Hochadels geboren und wuchs in England und Südfrankreich auf. Er studierte in Oxford. Seit 1992 hat er sechs Romane veröffentlicht. Edward St Aubyn ist Vater zweier Kinder und lebt in Notting Hill, London. 2006 war er unter den Finalisten des renommierten Booker Prize. 2007 gewann er den Southbank Award in der Kategorie Literatur und den Prix Femina Étranger.

Leseprobe zu "Nette Aussichten" von Edward St. Aubyn

Patrick erwachte und wusste, dass er geträumt hatte, konnte sich aber an den Inhalt des Traums nicht erinnern. Ihn quälte der vertraute Wunsch, etwas zu fassen zu bekommen, das soeben aus dem Bewusstsein entschwunden war, auf dessen Existenz jedoch gerade durch sein Fehlen geschlossen werden konnte - wie man aus herumwirbelnden Papierfetzen schließen kann, dass ein schneller Wagen vorbeigefahren ist.

Die verschwommenen Fragmente seines Traums, in dem er anscheinend an einem Seeufer gewesen war, vermischten sich mit der Aufführung von Maß für Maß, die er am Abend zuvor zusammen mit Johnny Hall gesehen hatte. Obwohl der Regisseur als Bühnenbild einen Busbahnhof gewählt hatte, konnte nichts den Schock mildern, das Wort "Gnade" derart oft an einem einzigen Abend zu hören.

Vielleicht entstanden all seine Probleme daraus, dass er das falsche Vokabular verwendete, dachte er mit einer kurzen Aufwallung von Erregung, die es ihm gestattete, die Bettdecke zurückzuschlagen und zu erwägen aufzustehen. Er bewegte sich in einer Welt, in der das Wort "Wohltätigkeit", gleich einer schönen, von ihrem eifersüchtigen Ehemann unablässig bewachten Frau, ausschließlich in Begleitung der Wörter "Essen", "Komitee" oder "Ball" auftrat. Für "Mitgefühl" hatte niemand Verwendung, wogegen "Milde" häufig vorkam, und zwar in Form von Klagen über die Kürze von Gefängnisstrafen. Dennoch wusste er, dass seine Schwierigkeiten grundsätzlicherer Natur waren.

Er war erschöpft von seinem lebenslangen Bedürfnis, Widerstreitendes miteinander zu vereinbaren: Er wollte in seinem Körper und außerhalb seines Körpers sein, im Bett und auf der Vorhangstange, in der Vene und in der Spritze, ein Auge hinter einer Augenklappe verbergen und mit dem anderen die Augenklappe mustern; er mühte sich, dem ständigen Beobachten ein Ende zu setzen, indem er sich in die Bewusstlosigkeit trieb, und fühlte sich dann gezwungen, die Ränder der Bewusstlosigkeit zu beobachten und die Finsternis sichtbar zu machen; er entzog sich jeder Anstrengung, verdarb das Nichtstun jedoch durch Rastlosigkeit, er fand Wortspiele verlockend, hatte aber einen Widerwillen gegen das Virus der Zweideutigkeit; er neigte dazu, Sätze in der Mitte mit dem Scharnier eines einschränkenden "aber" zu versehen, sehnte sich jedoch danach, seine Zunge wie eine Eidechse entrollen und eine vorbeisausende Fliege mit unfehlbarer Präzision fangen zu können; er versuchte verzweifelt, der selbstzerrüttenden Ironie zu entkommen und zu sagen, was er wirklich meinte, doch das, was er wirklich meinte, vermochte nur Ironie auszudrücken.

Ganz zu schweigen, dachte Patrick, als er die Füße aus dem Bett schwang, von den zwei Orten, wo er heute Abend sein wollte: auf Bridgets Party und nicht auf Bridgets Party. Und er war nicht in Stimmung, mit Leuten zu Abend zu essen, die Bossington-Lane hießen. Er würde Johnny anrufen und sich mit ihm allein zum Essen verabreden. Er wählte die Nummer, legte aber sofort wieder auf und beschloss, erst einmal Tee zu kochen. Kaum lag der Hörer auf der Gabel, als das

Telefon läutete. Es war Nicholas Pratt, der ihn dafür tadelte, dass er auf die Einladung nach Cheatley nicht reagiert hatte.

"Dank mir bloß nicht dafür", sagte Nicholas Pratt, "dass ich dir eine Einladung zu diesem glanzvollen Ereignis heute Abend verschafft habe. Ich bin es deinem lieben Papa schuldig, dich ins richtige Fahrwasser zu lotsen."

"Ich ertrinke bereits darin", sagte Patrick. "Außerdem hast du den Boden für diese Einladung nach Cheatley schon bereitet, indem du Bridget nach Lacoste mitgebracht hast, als ich fünf war. Schon damals war klar, dass sie eines Tages zu den Spitzen der Gesellschaft gehören würde."

"Und du warst zu ungezogen, um derart Wichtiges zu bemerken", erwiderte Nicholas. "Ich weiß noch, dass du mir in der Victoria Road mal sehr fest ans Schienbein getreten hast. Ich bin durch die Eingangshalle gehumpelt und hab versucht, mir nichts anmerken zu lassen, um deiner lieben Mutter die Aufregung zu ersparen. Wie geht es ihr übrigens? Man bekommt sie gar nicht mehr zu sehen."

"Erstaunlich, nicht? Sie glaubt anscheinend, dass es Besseres zu tun gibt, als auf Parties zu gehen."

"Ich fand sie schon immer etwas wunderlich", sagte Nicholas abgeklärt.

"Soviel ich weiß, fährt sie gerade eine Ladung aus zehntausend Spritzen nach Polen. Auch wenn alle Welt das fabelhaft findet, bin ich der Meinung, dass die Familie an erster Stelle stehen sollte. Sie hätte sich die Reise sparen und das Zeug bei mir abliefern können", erklärte Patrick.

"Ich dachte, du hättest das hinter dir", sagte Nicholas.

"Hinter mir, vor mir - hier in der Grauzone ist das schwer zu sagen."

"Das ist eine ziemlich melodramatische Ausdrucksweise für einen Dreißigjährigen."

"Tja, weißt du", seufzte Patrick, "ich habe mit allem aufgehört, aber nichts Neues angefangen."

"Fürs Erste könntest du ja meine Tochter nach Cheatley mitnehmen."

"Ich fürchte, das geht nicht", log Patrick, der Amanda Pratt nicht ausstehen konnte. "Ich fahre selbst bei jemand anderem mit."

"Na gut, du wirst sie sowieso bei den Bossington-Lanes treffen", sagte Nicholas. "Und wir sehen uns auf der Party."

Patrick hatte aus mehreren Gründen gezögert, die Einladung nach Cheatley anzunehmen. Unter anderem, weil Debbie dort sein würde. Nachdem er sich jahrelang bemüht hatte, sie von sich zu stoßen, war er nun verstört über seinen plötzlichen Erfolg. Sie dagegen schien die Tatsache, dass sie ihn nicht mehr liebte, mehr zu genießen als irgendetwas während ihrer langen Affäre. Konnte er ihr das übel nehmen? Nie ausgesprochene Bitten um Verzeihung lagen ihm bleischwer auf der Seele.

In den acht Jahren seit dem Tod seines Vaters war Patricks Jugend zu Ende gegangen, ohne dass er irgendwie gereift wäre, es sei denn, man betrachtete die Neigung zu Traurigkeit und Erschöpfung, die sich vor den Hass und den Wahnsinn geschoben hatten, als Zeichen von Reife. Das Gefühl, vor einer Unzahl von Alternativen und Abzweigungen zu stehen, war der Trostlosigkeit eines Menschen gewichen, der am Kai die lange Liste der verpassten Schiffe studiert. Er war in mehreren Kliniken von seiner Drogenabhängigkeit befreit worden - geblieben war ihm ein Hang zu Partys und wahllosen Beziehungen, zwei Angewohnheiten, welche sich so mühsam hielten wie Soldaten, die ihren Offizier verloren hatten. Sein von Extravaganzen und Arztrechnungen erodiertes Vermögen bewahrte ihn vor Armut, ermöglichte es ihm aber nicht, sich von der Langeweile freizukaufen.

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