Leseprobe zu "Nette Aussichten" von Edward St. Aubyn
Patrick erwachte und wusste, dass er geträumt hatte, konnte sich aber an den Inhalt des Traums nicht erinnern. Ihn quälte der vertraute Wunsch, etwas zu fassen zu bekommen, das soeben aus dem Bewusstsein entschwunden war, auf dessen Existenz jedoch gerade durch sein Fehlen geschlossen werden konnte - wie man aus herumwirbelnden Papierfetzen schließen kann, dass ein schneller Wagen vorbeigefahren ist.
Die verschwommenen Fragmente seines Traums, in dem er anscheinend an einem Seeufer gewesen war, vermischten sich mit der Aufführung von Maß für Maß, die er am Abend zuvor zusammen mit Johnny Hall gesehen hatte. Obwohl der Regisseur als Bühnenbild einen Busbahnhof gewählt hatte, konnte nichts den Schock mildern, das Wort "Gnade" derart oft an einem einzigen Abend zu hören.
Vielleicht entstanden all seine Probleme daraus, dass er das falsche Vokabular verwendete, dachte er mit einer kurzen Aufwallung von Erregung, die es ihm gestattete, die Bettdecke zurückzuschlagen und zu erwägen aufzustehen. Er bewegte sich in einer Welt, in der das Wort "Wohltätigkeit", gleich einer schönen, von ihrem eifersüchtigen Ehemann unablässig bewachten Frau, ausschließlich in Begleitung der Wörter "Essen", "Komitee" oder "Ball" auftrat. Für "Mitgefühl" hatte niemand Verwendung, wogegen "Milde" häufig vorkam, und zwar in Form von Klagen über die Kürze von Gefängnisstrafen. Dennoch wusste er, dass seine Schwierigkeiten grundsätzlicherer Natur waren.
Er war erschöpft von seinem lebenslangen Bedürfnis, Widerstreitendes miteinander zu vereinbaren: Er wollte in seinem Körper und außerhalb seines Körpers sein, im Bett und auf der Vorhangstange, in der Vene und in der Spritze, ein Auge hinter einer Augenklappe verbergen und mit dem anderen die Augenklappe mustern; er mühte sich, dem ständigen Beobachten ein Ende zu setzen, indem er sich in die Bewusstlosigkeit trieb, und fühlte sich dann gezwungen, die Ränder der Bewusstlosigkeit zu beobachten und die Finsternis sichtbar zu machen; er entzog sich jeder Anstrengung, verdarb das Nichtstun jedoch durch Rastlosigkeit, er fand Wortspiele verlockend, hatte aber einen Widerwillen gegen das Virus der Zweideutigkeit; er neigte dazu, Sätze in der Mitte mit dem Scharnier eines einschränkenden "aber" zu versehen, sehnte sich jedoch danach, seine Zunge wie eine Eidechse entrollen und eine vorbeisausende Fliege mit unfehlbarer Präzision fangen zu können; er versuchte verzweifelt, der selbstzerrüttenden Ironie zu entkommen und zu sagen, was er wirklich meinte, doch das, was er wirklich meinte, vermochte nur Ironie auszudrücken.
Ganz zu schweigen, dachte Patrick, als er die Füße aus dem Bett schwang, von den zwei Orten, wo er heute Abend sein wollte: auf Bridgets Party und nicht auf Bridgets Party. Und er war nicht in Stimmung, mit Leuten zu Abend zu essen, die Bossington-Lane hießen. Er würde Johnny anrufen und sich mit ihm allein zum Essen verabreden. Er wählte die Nummer, legte aber sofort wieder auf und beschloss, erst einmal Tee zu kochen. Kaum lag der Hörer auf der Gabel, als das
Telefon läutete. Es war Nicholas Pratt, der ihn dafür tadelte, dass er auf die Einladung nach Cheatley nicht reagiert hatte.
"Dank mir bloß nicht dafür", sagte Nicholas Pratt, "dass ich dir eine Einladung zu diesem glanzvollen Ereignis heute Abend verschafft habe. Ich bin es deinem lieben Papa schuldig, dich ins richtige Fahrwasser zu lotsen."
"Ich ertrinke bereits darin", sagte Patrick. "Außerdem hast du den Boden für diese Einladung nach Cheatley schon bereitet, indem du Bridget nach Lacoste mitgebracht hast, als ich fünf war. Schon damals war klar, dass sie eines Tages zu den Spitzen der Gesellschaft gehören würde."
"Und du warst zu ungezogen, um derart Wichtiges zu bemerken", erwiderte Nicholas. "Ich weiß noch, dass du mir in der Victoria Road mal sehr fest ans Schienbein getreten hast. Ich bin durch die Eingangshalle gehumpelt und hab versucht, mir nichts anmerken zu lassen, um deiner lieben Mutter die Aufregung zu ersparen. Wie geht es ihr übrigens? Man bekommt sie gar nicht mehr zu sehen."
"Erstaunlich, nicht? Sie glaubt anscheinend, dass es Besseres zu tun gibt, als auf Parties zu gehen."
"Ich fand sie schon immer etwas wunderlich", sagte Nicholas abgeklärt.
"Soviel ich weiß, fährt sie gerade eine Ladung aus zehntausend Spritzen nach Polen. Auch wenn alle Welt das fabelhaft findet, bin ich der Meinung, dass die Familie an erster Stelle stehen sollte. Sie hätte sich die Reise sparen und das Zeug bei mir abliefern können", erklärte Patrick.
"Ich dachte, du hättest das hinter dir", sagte Nicholas.
"Hinter mir, vor mir - hier in der Grauzone ist das schwer zu sagen."
"Das ist eine ziemlich melodramatische Ausdrucksweise für einen Dreißigjährigen."
"Tja, weißt du", seufzte Patrick, "ich habe mit allem aufgehört, aber nichts Neues angefangen."
"Fürs Erste könntest du ja meine Tochter nach Cheatley mitnehmen."
"Ich fürchte, das geht nicht", log Patrick, der Amanda Pratt nicht ausstehen konnte. "Ich fahre selbst bei jemand anderem mit."
"Na gut, du wirst sie sowieso bei den Bossington-Lanes treffen", sagte Nicholas. "Und wir sehen uns auf der Party."
Patrick hatte aus mehreren Gründen gezögert, die Einladung nach Cheatley anzunehmen. Unter anderem, weil Debbie dort sein würde. Nachdem er sich jahrelang bemüht hatte, sie von sich zu stoßen, war er nun verstört über seinen plötzlichen Erfolg. Sie dagegen schien die Tatsache, dass sie ihn nicht mehr liebte, mehr zu genießen als irgendetwas während ihrer langen Affäre. Konnte er ihr das übel nehmen? Nie ausgesprochene Bitten um Verzeihung lagen ihm bleischwer auf der Seele.
In den acht Jahren seit dem Tod seines Vaters war Patricks Jugend zu Ende gegangen, ohne dass er irgendwie gereift wäre, es sei denn, man betrachtete die Neigung zu Traurigkeit und Erschöpfung, die sich vor den Hass und den Wahnsinn geschoben hatten, als Zeichen von Reife. Das Gefühl, vor einer Unzahl von Alternativen und Abzweigungen zu stehen, war der Trostlosigkeit eines Menschen gewichen, der am Kai die lange Liste der verpassten Schiffe studiert. Er war in mehreren Kliniken von seiner Drogenabhängigkeit befreit worden - geblieben war ihm ein Hang zu Partys und wahllosen Beziehungen, zwei Angewohnheiten, welche sich so mühsam hielten wie Soldaten, die ihren Offizier verloren hatten. Sein von Extravaganzen und Arztrechnungen erodiertes Vermögen bewahrte ihn vor Armut, ermöglichte es ihm aber nicht, sich von der Langeweile freizukaufen.