Leseprobe zu "Die Tudors / König und Dame Bd.2" von Elizabeth Massie
Ein einsamer Falke kreiste am grauen Himmel über der Themse. Zunächst flog er ziemlich hoch, dann glitt er tiefer hinab, um die Wasservögel und die vor Anker liegenden Schaluppen und Schiffe auf dem trüben Wasser zu inspizieren. Weiße Schwäne bogen stolz die Hälse und warfen sich für die anderen, niederen Vogelarten in Positur. Enten und Gänse flatterten mit den Flügeln, hoben aber nicht ab. Vielleicht hatten sie keine Lust dazu oder wussten nicht einmal, dass sie fliegen konnten. Wie auch immer, jedenfalls schienen sie ganz zufrieden damit zu sein, den schmutzigen Fluss nach Fischen und Insekten abzusuchen, um sich auch an diesem Tag den Bauch vollzuschlagen. Nur der Falke wusste, was es mit diesen Wasservögeln auf sich hatte. Hochmütig neigte er den Kopf und erhob sich in die Lüfte.
Der majestätische Vogel flog über den am Fluss gelegenen Whitehall Palace und steuerte auf eines der bogenförmigen Fenster der Palastkapelle zu, wo König Henry VIII. und seine Geliebte Anne Boleyn auf Kissen vor einem elegant geschnitzten, mit goldenen Kelchen und Kreuzen verzierten Marmoraltar knieten, und ihnen der Kaplan des Königs soeben die heilige Kommunion erteilte. Erneut erhob sich der Falke in die Lüfte, flog über den Palast, über Häuser, Stallungen und Tavernen in eine Gegend, die viel ärmer und viel weniger gepflegt war als der königliche Palast.
Auf einem Hügel stand eine einfache Kapelle, die von einer Steinmauer und einem Friedhof voller rissiger, windschiefer Grabsteine umgeben war. Der Falke ließ sich auf der Fensterbank der Kirche nieder. Im Innern der Kirche nahmen ungepflegte Menschen in einfacher Kleidung an einer Messe teil. Vor dem Holzaltar, der durch eine Chorschranke von den Gläubigen getrennt war, zelebrierten Priester und Messdiener die heilige Messe. In den Nischen standen Statuen und Bilder von Heiligen, die durch den Lichtschein spitz zulaufender Wachskerzen erhellt wurden.
Die Gläubigen knieten auf dem Boden, denn in der Kirche gab es keine Bänke, und krochen nacheinander nach vorne, um die Sakramente aus den Händen der betenden Priester zu empfangen.
"Suscipe, sancte Pater, omnipotens aeterne Deus ..."
Während der Falke das Geschehen beobachtete, wurde plötzlich die Tür aufgerissen und eine Gruppe junger Männer, die sich gegenseitig auf die Schulter schlugen, drang unter lautem Gejohle in die Kapelle.
"... Deo meo vivo et vero ...", fuhr der Priester mit monotoner Stimme fort und schenkte den jungen Männern keinerlei Aufmerksamkeit.
Die Gemeinde warf den Eindringlingen wütende Blicke zu, bevor sie sich wieder dem Gottesdienst zuwandte.
"In spiritu humilitatis, et in animo contrito ..."
Der Anführer legte die Hände auf die Hüften und rief: "Verdammt sei der Papst!"
In der Kapelle machte sich Entsetzen breit, das die Männer nur noch zu ermutigen schien. Sie schoben die knienden Gläubigen aus dem Weg, bliesen die Kerzen aus und warfen die Statuen aus den Nischen.
Ein Priester, der aschfahl geworden war, hob einen Finger und schalt die Rüpel. "Um der Liebe Gottes willen! Ich bitte euch, aufzuhören. Dies ist eine heilige Feier."
Das Gelächter der Männer wurde noch lauter. Der Anführer schritt durch die offen stehende Tür der Chorschranke, während die Messdiener erschrocken auseinanderliefen.
"Verpiss dich, du fetter vollgefressener Priester!", rief der Anführer. Seine Begleiter klatschten Beifall. Einer von ihnen bemächtigte sich einer kleinen Statue, die er mit einem scharfen Dorn durchbohrte.
"Sieh mal einer an. Sie blutet nicht einmal. Ist nur aus verdammtem Holz geschnitzt!"
Der Anführer entwendete dem Priester die Schale mit den Hostien und rief: "Was ist das?" Er kippte die Schale um und das ungesäuerte Brot fiel zu Boden.
Frauen und Kinder hatten einander eng umschlungen und entfernten sich von den Eindringlingen. Die Männer hielten ihre Frauen fest und starrten die Störenfriede wütend an.
"Bitte", sagte der Priester, "geht jetzt und lasst uns in Ruhe."
Einige wütende Männer standen auf und traten geschlossen auf die Rüpel zu. Als sie sahen, dass die Männer zahlenmäßig überlegen waren, bewegten sich die Eindringlinge rückwärts in Richtung Tür. Der Anführer beugte sich brüllend über das Geländer. Dann ging er zu seinen Freunden.
"Das ist Gotteslästerung!", erklärte der Priester. "Ihr solltet euch schämen!"
"Nein", rief der Anführer, "das ist die Zukunft!"
Mit einem letzten Gebrüll, das durch die ganze Kirche hallte, rannten die Eindringlinge hinaus.
Der Falke blinzelte ein paar Mal, breitete die Flügel aus und erhob sich über dem Lärm in den Himmel.
"Sagen Sie, Mr. Cromwell", fragte der König, "wie gehen die Restaurationsarbeiten in Hampton Court voran?"
Thomas Cromwell, der Sekretär von Henry VIII., trat zur Seite, während Henry sich in dem großen Spiegel betrachtete. Zwei schwarz-weiß gekleidete Diener, auf deren Westen die rote Rose der Tudors aufgestickt war, sprühten den
König von oben bis unten mit Lavendelwasser ein. Die Vorhänge im königlichen Schlafgemach waren zurückgezogen, und grelles Sonnenlicht strömte ins Zimmer. Die Lichtkreise tanzten auf dem Boden, der Spiegeloberfläche und auf dem dunklen Haar des Königs und schwebten in einer Lichtkrone über seinem Kopf.
"Nun, Euer Majestät", sagte Cromwell. "Die Arbeiten an der großen Halle haben bereits begonnen."
"Und wie sieht es mit dem neuen Palast in St. James aus?"
"Dort stehen bereits einige schöne Zimmer für Euer Majestät bereit. Außerdem wurden zweitausendvierhundert Ar Sumpfland für einen Wildpark trockengelegt, in dem sich Euer Majestät vergnügen können."
Henry hob die Hand, um die Diener daran zu hindern, noch mehr Lavendelwasser zu versprühen. Wortlos starrte er sein Spiegelbild an. Er war ein attraktiver Mann, das konnte niemand bestreiten, ein attraktiver Mann mit einer ungeheuren Macht. Ein Mann, mit dem sich alle Männer Englands insgeheim verglichen und mit dem alle Frauen, ungeachtet welchen Standes oder Alters, gerne ins Bett gehen würden.
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