Leseprobe zu "Der wunde Punkt" von Mark Haddon
Alles fing damit an, dass George eine Woche vor Bob Greens Beerdigung einen schwarzen Anzug bei Alders anprobierte.
Es war nicht die Aussicht auf die Beerdigung, die ihn aus der Bahn geworfen hatte. Auch nicht Bobs Tod. Wenn er ganz ehrlich sein wollte, hatte er Bobs schulterklopfende Jovialität immer etwas ermüdend gefunden und war insgeheim erleichtert, dass er nicht mehr mit ihm zusammen Squash spielen musste. Auch die Art, wie Bob gestorben war (ein Herzinfarkt, während er sich ein Bootsrennen im Fernsehen ansah), war merkwürdig beruhigend. Als Susan vom Besuch bei ihrer Schwester nach Hause gekommen war, hatte sie ihn in der Zimmermitte gefunden, wo er mit einer Hand über den Augen dalag und so friedlich aussah, dass sie zuerst dachte, er schliefe.
Wahrscheinlich tat es weh. Aber mit Schmerzen konnte man fertig werden. Dann wurden bestimmt auch ziemlich bald die Endorphine ausgeschüttet, und dann kam das Gefühl, das gesamte Leben zöge vor dem geistigen Auge vorbei, was George vor ein paar Jahren auch schon einmal erlebt hatte, als er von einer Trittleiter gefallen war, sich den Ellbogen auf der Steineinfassung gebrochen hatte und ohnmächtig geworden war, was er als gar nicht so unangenehm in Erinnerung hatte. Mit dem Tunnel aus weißem Licht, sobald die Augen sich für immer schlossen, war es vermutlich nicht sehr viel anders, wenn man an die vielen Leute dachte, die hörten, wie die Engel sie heimriefen, und dann aufwachten und einen Assistenzarzt mit dem Defibrillator über sich stehen sahen.
Dann... nichts mehr. Es wäre vorbei.
Natürlich war es zu früh. Bob war einundsechzig gewesen. Und es war ein schwerer Schlag für Susan und die Söhne, auch wenn Susan jetzt aufblühte, da sie ihre Sätze nun selbst zu Ende sprechen durfte. Aber insgesamt kam es ihm wie ein guter Abgang vor.
Nein, es war die Stelle gewesen, die ihn umgehauen hatte.
Er hatte seine Hose ausgezogen und war gerade in die untere Hälfte des Anzugs gestiegen, als er ein kleines Oval hochgewölbter Haut an seiner Hüfte sah, das dunkler als die Haut drumherum war und leicht schuppte. Der Magen drehte sich ihm um, und er hatte Mühe, die Säure wieder hinunterzuschlucken, die in seinem Hals hochgestiegen war.
Krebs.
Seit John Zinewskis Boot Fireball vor mehreren Jahren gekentert war und er sich unter Wasser wiederfand, wo sich sein Fußknöchel in einem Seilgewirr verknotet hatte, hatte er sich nicht mehr so gefühlt. Aber das hatte drei oder höchstens vier Sekunden gedauert. Und diesmal war keiner da, der ihm helfen würde, das Boot wieder aufzurichten.
Er würde sich umbringen müssen.
Es war kein sehr angenehmer Gedanke, aber er würde das hinbekommen, was ihm ein bisschen mehr das Gefühl gab, die Situation unter Kontrolle zu haben.
Die einzige Frage war nur, wie.
Von einem Hochhaus zu springen war eine schreckliche Vorstellung; seinen Schwerpunkt über die Brüstung hinauszuschieben, die Möglichkeit, dass man es sich auf halbem Weg nach unten anders überlegen könnte. Was er jetzt auf keinen Fall gebrauchen konnte, waren noch weitere Angstschübe.
Zum Sich-Aufhängen brauchte man eine Ausrüstung, eine Schusswaffe besaß er nicht. Wenn er genug Whisky trank, würde er vielleicht den Mut aufbringen, mit dem Auto gegen eine Wand zu fahren. Vor Stamford gab es auf der A16 eine große Durchfahrt aus Stein. Er könnte völlig problemlos mit hundertfünfzig dagegenrasen.
Aber was war, wenn er den Mut verlor? Was, wenn er zu betrunken war, um das Auto zu steuern? Was, wenn gerade jemand aus einer Einfahrt kam? Was war, wenn er denjenigen totfuhr, selbst gelähmt wurde und dann im Gefängnis im Rollstuhl an Krebs starb?
"Sir...? Wenn Sie mir bitte zurück ins Geschäft folgen würden?"
Ein junger Mann von ungefähr achtzehn Jahren starrte auf George herunter. Er hatte rotblonde Koteletten und eine marineblaue Uniform, die ihm mehrere Nummern zu groß war.
George merkte, dass er im gefliesten Eingang vor dem Laden kauerte.
"Sir...?"
George rappelte sich auf. "Es tut mir schrecklich leid."
"Wenn Sie jetzt bitte mitkommen würden...?"
George blickte an sich hinunter und sah, dass der Hosenschlitz seines Anzugs offenstand. Er knöpfte ihn hastig zu. "Natürlich."
Er ging wieder in das Geschäft hinein, zwischen den Handtaschen und dem Parfüm hindurch zur Herrenoberbekleidung, der Wachschutzmann an seiner Seite. "Ich muss einen Schwindelanfall gehabt haben."
"Bedauere, Sir, das werden Sie mit dem Geschäftsführer besprechen müssen."
Die düsteren Gedanken, die ihm noch wenige Sekunden zuvor durch den Kopf geschwirrt waren, schienen plötzlich sehr weit weg zu sein. Natürlich war er ein wenig unsicher auf den Beinen, etwa so wie kurz nachdem man sich mit dem Meißel ein Stück vom Daumen abgesäbelt hat, aber sonst fühlte er sich erstaunlich gut.
Der Geschäftsführer der Herrenabteilung stand mit vor den Geschlechtsteilen gekreuzten Händen an einem Regal mit Hausschuhen. "Danke, John."
Der Wachmann nickte ihm ehrerbietig zu, machte auf dem Absatz kehrt und entfernte sich.
"So, Mr..."
"Hall. George Hall. Tut mir leid. Ich..."
"Wenn Sie so gut sein könnten und mir in mein Büro folgen würden", sagte der Geschäftsführer.
Eine Frau mit Georges Hose in der Hand erschien. "Die hat er in der Kabine liegen lassen. Seine Brieftasche steckt noch drin."
George redete weiter. "Ich glaube, ich hatte eine Art Blackout. Ich wollte wirklich keine Probleme machen."
Wie gut es war, mit anderen Menschen zu sprechen. Sie sagten etwas. Er erwiderte etwas. Das stetige Ticktack einer Unterhaltung. Er hätte den ganzen Nachmittag so weitermachen können.
"Geht es Ihnen nicht gut?"
Die Frau stützte ihn am Ellbogen, und er ließ sich seitlich nach unten in einen Stuhl gleiten, der sich solider und bequemer anfühlte als jemals ein Stuhl zuvor.
Ein paar Minuten lang wurde es ihm vor den Augen verschwommen.
Dann drückte ihm jemand eine Tasse Tee in die Hand.
"Danke." Er trank. Es war kein guter Tee, aber er war heiß und er war in einer richtigen Porzellantasse, an der man sich beruhigend festhalten konnte.
"Vielleicht sollten wir Ihnen ein Taxi rufen."
Es war vermutlich am besten, dachte er, wenn er ins Dorf zurückfuhr und den Anzug ein andermal kaufte.
Er beschloss, Jean nichts von dem Vorfall zu sagen. Sie würde nur darüber reden wollen, und das war keine angenehme Vorstellung.
Reden wurde Georges Meinung nach überbewertet. Man konnte heutzutage den Fernseher nicht anschalten, ohne dass sich da irgendeine Person über ihre Adoption ausließ oder erklärte, warum sie auf ihren Mann eingestochen hatte. Er hatte nichts dagegen, dass die Leute miteinander sprachen - das war eine der Freuden des Lebens. Und jeder musste hin und wieder bei einem Glas Bier mal ordentlich über die Kollegen herziehen, die nicht häufig genug duschten, oder über halbwüchsige Söhne, die weit nach Mitternacht betrunken nach Hause schwankten und den Hundekorb vollkotzten. Ändern tat sich dadurch allerdings nichts.
Das Geheimnis der Zufriedenheit lag darin, viele Dinge komplett zu ignorieren, fand George. Wie ein Mensch zehn Jahre lang im selben Büro arbeiten oder Kinder haben konnte, ohne gewisse Gedanken dauerhaft ganz nach hinten in den Kopf zu verbannen, war ihm ein Rätsel. Und für die letzte grässliche Runde, wenn man einen Katheter und keine Zähne mehr hatte, schien ihm Gedächtnisverlust wie das reinste Geschenk des Himmels.
Er sagte Jean, dass er bei Alders nichts gefunden habe und am Montag wieder in die Stadt fahren würde, wenn nicht vierzigtausend andere Leute in Peterborough unterwegs waren. Dann ging er nach oben ins Bad und klebte ein großes Pflaster über das Wundmal an der Hüfte, damit er es nicht mehr zu sehen brauchte.
Den Großteil der Nacht über schlief er wie ein Stein und wachte erst auf, als Ronald Burrows, sein längst verstorbener Erdkundelehrer, ihm einen Streifen Plastikband über den Mund klebte und mit einem langen Metallnagel ein Loch in den Brustkorb hämmerte. Merkwürdigerweise beunruhigte ihn der Geruch am meisten; es roch wie eine mangelhaft geputzte öffentliche Bedürfnisanstalt, in der es vor kurzem jemandem sehr schlecht geworden war, nach Alkohol und nach Curry, ein Geruch, der, und das war das Schlimmste, der Wunde in seinem eigenen Körper zu entströmen schien.
Er fixierte die Troddeln an dem Lampenschirm über seinem Kopf und wartete, dass sich sein Puls verlangsamte, wie ein Mann, der aus einem brennenden Haus herausgeholt wird und noch nicht ganz glauben kann, dass er in Sicherheit ist.
Sechs Uhr.
Leise stand er auf und ging nach unten. Er steckte zwei Scheiben Brot in den Toaster und holte den Espressokocher heraus, den Jamie ihnen zu Weihnachten geschenkt hatte. Eine lächerlich kleine Maschine, die sie aus diplomatischen Gründen gut sichtbar aufgestellt hatten. Aber jetzt war es ein gutes Gefühl, den unteren Behälter mit Wasser zu füllen, Kaffee in den Trichteraufsatz zu schütten, die Gummidichtung an die richtige Stelle zu drücken und die Aluminiumteile zusammenzuschrauben. Es erinnerte ihn sehr an Gareths Dampflok, mit der er bei dem berühmt-berüchtigten Besuch in Poole 1953 hatte spielen dürfen. Und es war sehr viel besser als nur dazusitzen und den Bäumen hinten im Garten zuzusehen, die wie Seeungeheuer hin und her schwankten, während der Wasserkocher allmählich heiß wurde.
Die blaue Flamme seufzte unter dem Metallboden des Espressokochers. Wie Zelten im Haus. Ein kleines Abenteuer.
Der Toast sprang mit einem Knall heraus.
Das war natürlich auch das Wochenende gewesen, an dem Gareth den Frosch verbrannt hatte. Wenn man zurückblickte, war es komisch, dass eine ganze Lebensgeschichte in fünf Minuten eines Augustnachmittags so deutlich zum Ausdruck kommen sollte.
Er bestrich den Toast mit Butter und Marmelade, während der Kaffee herausgurgelte. Er schenkte sich den Espresso ein und nahm einen Schluck. Er war derartig stark, dass ihm die Haare zu Berge standen. George schüttete Milch hinein, bis der Kaffee die Farbe von Edelbitterschokolade annahm, setzte sich hin und nahm die Architektur-Zeitschrift in die Hand, die Jamie bei seinem letzten Besuch liegen gelassen hatte.
Das Azman-Owen-Haus.
Holzklappläden, Schiebetüren aus Glas, Bauhaus-Freischwinger, eine einzelne Vase mit weißen Lilien auf dem Tisch. Gütiger Himmel. Manchmal sehnte er sich danach, eine schmutzige Unterhose auf einem Architekturfoto zu entdecken.
"Interne Hochfrequenz-Rüttelflaschen mit konstanter Amplitude wurden verwendet, um Luftblasen zu minimieren und eine einheitliche Komprimierung zu erzielen..."
Das Haus sah aus wie ein Bunker. Was fanden die Menschen nur an Beton? Würden die Leute in fünfhundert Jahren unter den Brücken der M6 stehen und die Wasserflecken bewundern?
Er legte die Zeitschrift weg und fing mit dem Kreuzworträtsel des Telegraph an.
Nano. Byzanz. Quaste.
Um halb acht tauchte Jean in ihrem lila Bademantel auf. "Nicht gut geschlafen?"
"Bin um sechs aufgewacht. Ich konnte nicht wieder einschlafen."
"Wie ich sehe, hast du das Dingsda von Jamie benutzt."
"Es ist wirklich gar nicht so schlecht", antwortete George, auch wenn seine Hand von dem Koffein zitterte und sich in ihm das ungute Gefühl breitgemacht hatte, das man hat, wenn man auf schlechte Nachrichten wartet.
"Möchtest du noch irgendwas? Oder bist du schon abgefrühstückt?"
"Ein Apfelsaft wäre schön, danke."
Manchmal sah er sie morgens an und war ein wenig abgestoßen von der rundlichen, älteren Frau mit dem Hexenhaar und dem Doppelkinn. An einem Morgen wie diesem aber... "Liebe" war vielleicht das falsche Wort, auch wenn sie einander vor ein paar Monaten überrascht hatten, als sie gleichzeitig in dem Hotel in Blakeney aufgewacht waren und Geschlechtsverkehr hatten, ohne sich vorher die Zähne zu putzen.
Er legte ihr den Arm um die Hüften, und sie streichelte ihm geistesabwesend den Kopf, so wie man einen Hund streichelt.
Es gab Tage, an denen er Hunde beneidete.
"Ach, was ich dir noch sagen wollte." Sie machte sich los. "Katie hat gestern Abend angerufen. Sie kommen heute zum Mittagessen."
"Sie?"
"Sie und Jacob und Ray. Katie wollte gern mal einen Tag aus London rauskommen."
Verdammter Mist. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.
Jean beugte sich in den Kühlschrank. "Versuch bitte, dich einigermaßen zu benehmen."
Jean spülte die gestreiften Henkeltassen aus und stellte sie aufs Abtropfregal.
Ein paar Minuten später tauchte George in seiner Arbeitskleidung wieder auf und ging hinaus in den Garten, um im Nieselregen zu mauern. Insgeheim war sie ziemlich stolz auf ihn. Mit Paulines Mann war es bergab gegangen, nachdem sie ihm die gravierte Karaffe überreicht hatten. Acht Wochen später fanden sie ihn mit einer Flasche Scotch um drei Uhr früh mitten auf dem Rasen, wo er bellte wie ein Hund.
Als George ihr die Pläne für das Atelier zeigte, musste sie an Jamies Pläne für die Maschine denken, mit der er als Kind den Weihnachtsmann hatte fangen wollen. Aber da war es nun, am Ende des Rasens, das Fundament stand schon, fünf Lagen Ziegelsteine, Fensterrahmen, die unter blauen Plastikplanen aneinander lehnten.
Ob sie nun sieben oder siebenundfünfzig waren - Männer brauchten ihre Projekte. Mussten etwas Totes zurück zur Höhle schleppen. Die Wellingborough-Filiale aufbauen. Ein warmes Mittagessen, zwanzig Minuten Zeit zum Spielen und goldene Sternchen, damit sie sahen, dass jemand hinguckte.
Sie schraubte die Espressokanne auseinander; ein Klumpen nasser Kaffeesatz plumpste auf das Ablaufbrett und fiel auseinander. "Na so was."
Sie holte ein Wischprofituch aus dem Küchenschrank.
Man sollte meinen, sie würden aus dem Vietnamkrieg zurückkommen, so wie einige über die Pensionierung redeten. Keine Rücksicht auf die Frauen. Es spielte keine Rolle, wie sehr man jemanden liebte. Fünfunddreißig Jahre lang hatte man das Haus fast für sich allein, dann musste man es plötzlich teilen... nicht direkt mit einem Fremden, aber...
Sie konnte sich immer noch mit David treffen. Morgens musste sie in die Grundschule und nachmittags zu ihrem Teilzeitjob in der Ottakar's-Buchhandelsfiliale im Ort, da war es relativ einfach, ein paar Stunden länger von zu Hause wegzubleiben, ohne dass George es merkte. Aber solange er noch gearbeitet hatte, hatte sie nicht so sehr das Gefühl gehabt, ihn zu betrügen. Jetzt war er sieben Tage pro Woche zum Mittagessen zu Hause, und manche Dinge lagen einfach zu nah beieinander.
Zum Glück genoss er es, das Haus für sich zu haben, und er machte sich nicht sonderlich viele Gedanken darum, was sie tat, wenn sie nicht da war. Was die Angelegenheit einfacher machte. Die Schuldgefühle. Oder deren Fehlen.
Sie wusch den Kaffeesatz aus dem Tuch, wrang es aus und hängte es über den Wasserhahn.
Das war nicht nett von ihr gewesen. Wahrscheinlich hatte die Aussicht auf das Mittagessen mit Katie sie verstimmt. George und Ray, die sich bemühten, höflich zueinander zu sein, wenn sie eigentlich aufeinander losgehen wollten.
George war ein guter Mann. Trank nie zu viel. Schlug weder sie noch die Kinder. Brüllte nur ganz selten einmal herum. Letzte Woche hatte sie gerade erst gesehen, wie er sich einen schweren Schraubenschlüssel auf den Fuß hatte fallen lassen. Er kniff nur die Augen zusammen, richtete sich gerade auf und konzentrierte sich, als versuche er jemanden zu verstehen, der ihm von sehr weit weg etwas zurief. Und in seinem ganzen Leben hatte er nur einen Strafzettel bekommen.
Vielleicht lag da das Problem.
Sie wusste noch, wie eifersüchtig sie auf Katie gewesen war, als diese Graham kennen gelernt und damit geprahlt hatte, dass sie Freunde wären. Dass sie gleichberechtigt wären. Georges Gesicht das eine Mal beim Abendessen, als sie über die Geburt sprachen. Graham benutzte das Wort "Klitoris", und George saß da mit der Gabel voller Schinken vor seinem offen stehenden Mund.
Aber das war natürlich auch das Problem mit der Gleichberechtigung. Graham lässt sie eines Tages einfach sitzen, und sie kann sich allein um Jacob kümmern. Was ein Mann wie George niemals tun würde.
Was Ray anging, hatte er allerdings Recht. Sie freute sich auch nicht mehr auf das Essen als George. Gott sei Dank kam nicht auch noch Jamie. Eines Tages würde er Ray in Katies Hörweite Mr Kartoffelkopp nennen. Oder in Rays. Und sie würde dann jemanden ins Krankenhaus fahren dürfen.
Er hatte zwar nur halb so viel Grips wie Katie, nannte sie aber trotzdem "mein süßes kleines Frauchen". Den Rasenmäher hatte er damals allerdings repariert gekriegt. Was ihn bei George nicht unbedingt beliebter machte. Wenigstens war er solide. So was brauchte Katie momentan. Jemanden, der wusste, dass sie etwas Besonderes war. Jemanden mit einem guten Einkommen und einer dicken Haut.
Hauptsache, Katie heiratete ihn nicht.
George häufte den Mörtel auf eine Hartfaserplatte und untersuchte ihn mit der Kelle auf Klumpen.
Es war wie Flugangst.
Er nahm einen Mauerstein in die Hand, mörtelte die Unterseite, setzte ihn an Ort und Stelle und verschob ihn vorsichtig zur Seite, bis er bündig an der vertikal gehaltenen Wasserwaage anlag.
Anfangs hatten ihm die holprigen Flüge mit Propellermaschinen nach Palma und Lissabon nichts ausgemacht. Er erinnerte sich hauptsächlich an schwitzenden eingeschweißten Käse und das Gurgeln, wenn sich die Toilettenschüssel in der Stratosphäre entleerte. Dann musste das Flugzeug auf dem Rückflug von Lyon drei Mal enteist werden. Anfangs hatte er nur bemerkt, dass ihn in der Abflughalle alle zum Wahnsinn zu treiben versuchten (Katie machte Handstände, Jean ging zum Duty Free Shop, nachdem ihre Flugsteignummer ausgerufen worden war, der junge Mann gegenüber strich sich über die viel zu langen Haare, als wären sie eine Art zahmes Tier.). Und als sie an Bord gingen, war ihm von der dünnen, chemisch verfremdeten Luft in der Kabine eng um die Brust geworden. Aber erst, als sie zur Startbahn rollten, wurde ihm klar, dass das Flugzeug mitten in der Luft ein katastrophales mechanisches Versagen erleiden und er mehrere Minuten lang in einer großen Stahlröhre mit 200 Fremden erdwärts geschleudert werden würde, die alle weinen und sich in die Hose machen und dann in einem mandaringelben Feuerball aus verknäultem Metall sterben müssten.
Er wusste noch, dass Katie sagte: "Mum, ich glaube, mit Dad stimmt was nicht", aber ihre Stimme schien von einer winzigen Scheibe aus Sonnenlicht ganz oben über einem tiefen Brunnen, in den er gefallen war, zu kommen.
Verbissen starrte er auf die Rückenlehne vor sich und versuchte sich einzureden, dass er zu Hause im Wohnzimmer säße. Aber er hörte alle paar Minuten ein ominöses Ping und sah an dem Spant rechts von sich ein kleines rotes Lämpchen blinken, das die Besatzung insgeheim darüber aufklärte, dass der Pilot im Cockpit gerade mit einer todbringenden Funktionsstörung rang.
Es war nicht so, dass er nicht mehr sprechen konnte, sondern dass Sprechen einer anderen Welt entstammte, an die er nur noch ganz vage Erinnerungen hatte.
Irgendwann hatte Jamie aus dem Fenster geguckt und gesagt: "Ich glaube, der Flügel fällt gerade ab." Jean zischte: "Herrgott, hör auf mit diesem Kinderkram", und George fühlte schon, wie die Nieten herauszischten und der Flugzeugrumpf zu Boden stürzte wie eine Tonne Rollsplitt.
Noch Wochen später wurde er bei jedem Flugzeug wütend, das er am Himmel sah.
Das war nur natürlich. Menschen waren nicht dafür gemacht, in Dosen verpackt und mittels ventilatorgetriebener Raketen durch den Himmel geschossen zu werden.
Er setzte einen Stein an die gegenüberliegende Ecke und spannte dann eine Schnur zwischen den beiden Ziegeln, damit das Ganze gerade wurde.
Natürlich fühlte er sich im Flugzeug furchtbar. In der Angst redete er sich ein, dass man sich so schnell wie möglich aus der Gefahr retten musste. Leoparden, Vogelspinnen, merkwürdige Männer, die mit Speeren über den Fluss kamen. Wenn überhaupt, dann waren es die anderen, die ein Problem hatten, nicht er - sie saßen da, lasen den Daily Express und lutschten Bonbons, als säßen sie in einem großen Bus.
Aber Jean war eine Sonnenanbeterin. Und mit dem Auto nach Südfrankreich zu fahren, würde jeden Urlaub ruinieren, noch bevor er angefangen hatte. George brauchte also eine gute Taktik, damit das Grauen sich nicht ab Mai langsam in ihm aufbaute und dann in einer Art Anfall in Heathrow im Juli kulminierte. Squash, lange Spaziergänge, Kino, Tony Bennett auf voller Lautstärke, das erste Glas Rotwein um sechs, ein neuer Flashman-Roman.
Er hörte Stimmen und blickte auf. Jean, Katie und Ray standen auf der Terrasse wie ein Empfangskomitee, das darauf wartete, dass er in einem fremden Hafen andockte.
"George...?"
"Ich komme." Er kratzte den überschüssigen Mörtel rund um den gerade gemauerten Stein ab, warf ihn zurück in den Eimer und machte den Deckel zu. Er stand auf und stapfte über den Rasen, wobei er sich die Hände an einem Lappen abwischte.
"Katie will uns etwas mitteilen", verkündete Jean in jenem Tonfall, den sie immer anschlug, wenn sie über die Arthritis in ihrem Knie hinwegzutäuschen versuchte. "Aber sie will es erst sagen, wenn du auch da bist."
"Ray und ich wollen heiraten", sagte Katie.
Und schon machte George eine kurze übersinnliche Erfahrung. Er blickte aus fünf Metern Höhe auf die Terrasse hinunter, sah sich selbst, wie er Katie küsste und Ray die Hand schüttelte. Es war so wie damals bei seinem Sturz von der Trittleiter. Die Zeit verlangsamte sich auf einmal. Und der Körper wusste instinktiv, wie man den Kopf mit den Armen schützen musste."Ich lege eine Flasche Champagner ins Eisfach", sagte Jean und trottete zurück ins Haus.
Leseprobe zu "Der wunde Punkt" von Mark Haddon
"18 (S. 77-76)
George setzte die Fensterrahmen ein. Auf beiden Seiten waren sechs Lagen Ziegel über dem Fensterbrett. Genug Steine, damit die Fenster festsaßen. Er verteilte den Mörtel und schob das erste in die Öffnung. In Wahrheit ging es nicht nur ums Fliegen. Urlaub an sich stand nicht wesentlich weiter oben auf der Liste von Georges Lieblingsbeschäftigungen. Amphitheater besichtigen, den Pembrokeshire-Küstenpfad ablaufen, Skilaufen lernen.
Solche Dinge konnte er vernunftmäßig verstehen. Die fürchterlichen vierzehn Tage in Sizilien wurden durch die Mosaiken auf der Piazza Armerina fast wieder wettgemacht. Was er einfach nicht begreifen konnte, war, warum man sich in ein fremdes Land verfrachtete, nur um da am Pool herumzuhängen und langweiliges Essen und billigen Wein vorgesetzt zu bekommen, die angeblich durch die Aussicht auf einen Brunnen und einen Kellner mit schlechtem Englisch etwas ganz Tolles wurden. Im Mittelalter hatten sie gewusst, wie man das anpackt. Heilige Feiertage. Pilgerfahrten. Canterbury und Santiago de Compostela.
Dreißig mühsame Kilometer am Tag, einfache Herbergen und ein Ziel. Norwegen wäre vielleicht noch in Ordnung gewesen. Berge, baumlose Weite, zerklüftete Küsten. Aber es musste ja Rhodos oder Korsika sein. Und das auch noch im Sommer, so dass die sommersprossigen Engländer unter dem Vordach sitzen und die Sunday Times von letzter Woche lesen mussten, während ihnen der Schweiß den Rücken herunterlief. Wenn er jetzt so darüber nachdachte, fiel ihm ein, dass er beim Besuch der Piazza Armerina unter Überhitzung gelitten hatte und er sich eigentlich nur deshalb an die Mosaiken erinnern konnte, weil er einen Stapel Postkarten gekauft hatte, bevor er sich mit einer Flasche Wasser und einer Packung Nurofen ins Auto zurückgezogen hatte.
Das menschliche Gehirn war nicht für Sonnenbäder und Unterhaltungsromane gemacht. Jedenfalls nicht mehrere Tage lang. Das menschliche Gehirn war für die Herstellung von Dingen geschaffen. Speere machen, Antilopen jagen … Die Dordogne 1984 war der absolute Tiefpunkt gewesen. Durchfall, Motten wie fliegende Hamster, die sengende Hitze. Morgens um drei Uhr auf einer durchgeschwitzten, klumpigen Matratze aufwachen. Dann das Gewitter. Als ob jemand auf Riesenbleche einhämmern würde.
Blitze, die so hell waren, dass man sie sogar durch das Kissen hindurch sah. Am Morgen dann sechzig, siebzig tote Frösche, die sich langsam im Pool drehten. Am hinteren Ende trieb etwas Größeres, mit Haaren, eine Katze vielleicht, oder der Hund der Franzettis, in das Katie mit ihrem Schnorchel piekte. Er brauchte etwas Alkoholisches. Er überquerte den Rasen und war gerade dabei, seine Arbeitsstiefel auszuziehen, als er Jamie in der Küche erblickte, der seine Tasche fallen ließ und den Teekocher aufsetzte. Er blieb stehen und beobachtete ihn, so wie er es tat, wenn ein Reh im Garten war, was manchmal vorkam. Jamie war auch irgendwie ein scheues Wesen. Nicht, weil er Sachen verstecken würde. Aber er war reserviert.
Diskret. Irgendwie altmodisch, wenn George so darüber nachdachte. Wenn er andere Kleider und einen anderen Haarschnitt gehabt hätte, dann könnte man ihn sich vorstellen, wie er sich in einer Berliner Gasse eine Zigarette anzündete oder auf einem Bahnsteig vom Dampf eingehüllt wurde. Ganz anders als Katie, die nicht mal die Bedeutung des Wortes diskret kannte. Sie war der einzige Mensch, den er kannte, der beim Mittagessen über Menstruation sprach. Und man wusste trotzdem, dass sie gewisse Dinge geheim hielt, Dinge, die dann völlig unvorhersehbar auf einen niederprasselten. Wie diese Hochzeit. Garantiert würde sie nächste Woche verkünden, dass sie schwanger sei. Ach du lieber Gott. Die Hochzeit. Jamie musste wegen der Hochzeit gekommen sein."
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