Unter mysteriösen Umständen verschwindet in der ländlichen Idylle
von Cambridgeshire die 15-jährige Nell Ryder. Zwei Jahre später
fehlt von ihr und ihrem wertvollen Rennpferd noch immer jede Spur,
doch ihr Vater Roger ist davon überzeugt, dass seine Tochter noch
am Leben ist. Gemeinsam mit seinem Freund Melrose Plant nimmt
Inspektor Jury die hoch angesehene Familie Ryder unter die Lupe und
stößt schon bald auf Ungereimtheiten. Doch welche Abgründe dort
wirklich lauern, wird ihm erst klar, als man auf dem Ryderschen
Anwesen die Leiche einer unbekannten Frau entdeckt ...
"Zweifellos einer der besten Romane von Martha Grimes!" Chicago Tribune
"Zweifellos einer der besten Romane von Martha Grimes!"
Martha Grimes wurde in Pittsburgh geboren und studierte an der University of Maryland. Lange Zeit unterrichtete sie Kreatives Schreiben an der Johns-Hopkins-University. Mit ihren Inspektor-Jury-Romanen, die nach Meinung von Patricia Cornwell "reinste Poesie" sind, erlangte sie internationalen Ruhm. Martha Grimes lebt heute abwechselnd in Washington, D.C., und in Santa Fe, New Mexico.
Leseprobe zu "Auferstanden von den Toten / Inspektor Jury Bd.18"
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Leseprobe zu "Auferstanden von den Toten / Inspektor Jury Bd.18"
Von weitem sah das Pferd weiß aus, aus größerer Nähe konnte man aber sehen, dass es ein fahles Weiß war, eher von der Farbe einer Morgendämmerung im Winter, ein schattiges Weiß wie eisiger Schnee.
So früh am Morgen war der Junge am liebsten hier draußen.
Er mochte alle Pferde im Stall, dieses aber ganz besonders.
Das helle Pferd sah dem Jungen zu, wie er sich näherte, mit Zaumzeug und Sattel über dem Arm durch den Dunst auf ihn zukam. Nicht er! Was war aus dem Jockey geworden, der ihn reiten konnte wie kein anderer? Wo waren die Siege, die Preise, die Rufe und Jubelschreie geblieben? Oder das Mädchen, das besser mit ihm umgehen konnte als der Junge, deren Finger sich sanft wie Chrysanthemenblättchen um die Zügel schlangen. Wenn es etwas gab, was das Pferd kannte, dann waren es Hände - die des Jungen, des Trainers, des Jockeys, des Mädchens. Sie war bestimmt ein verkleidetes Stutenfohlen, sie konnte kein Menschenkind sein. Irgendwie ging das nicht.
Der Junge trat auf ihn zu, streichelte ihm den Hals und gab ihm ein paar Stückchen Zucker. Dann warf er ihm die buntkarierte Decke über und führte ihn zwischen den Bäumen hindurch quer über die Weide zur Trainingsbahn. Der Junge trug immer noch den Sattel, wollte erst aufsteigen, wenn sie die Bahn am Fuß eines sanft ansteigenden Hügels erreicht hatten. Dieser frühmorgendliche Galopp auf der Trainingsbahn des Gestüts war für beide der Höhepunkt des Tages.
Deines Tages.
Der Junge und das Pferd lagen altersmäßig bloß ein paar Jahre auseinander - vierzehn und sechzehn -, aber das Pferd (wusste der Junge) war unendlich begabter als er, auch wenn es seine Renntage längst hinter sich hatte. Insgeheim hoffte er, das Pferd möge ihn überleben. So wie es seinen Vater überlebt hatte, der bei einem Rennen ums Leben gekommen war. Wenn er an seinen Vater dachte, konnte der Junge ihn sich nur schwer anders vorstellen als in seinem blaugoldenen Jockeydress. Sein Vater war berühmt gewesen. Samarkand, sein Pferd, war jedoch sagenumwoben.
Der Junge, Maurice hieß er, fragte sich oft, ob Samarkand die Rennbahn wohl vermisste, das hektische Hufeschlagen, die Schreie und Jubelrufe an den Sommernachmittagen, die Aufregung im Führring.
Er konnte sich noch gut an jenen Tag erinnern, als sein Vater auf Samarkand in Ascot den Goldpokal gewonnen hatte. Maurice und seine kleine Cousine Nell waren damals vor Freude auf und ab gehüpft wie zwei Korken, die von Champagnerflaschen knallten. Im Jahr zuvor hatte Samarkand sie in Newmarket zum ersten Mal allesamt das Staunen gelehrt. Auf der Gegengeraden hatte das Pferd plötzlich losgelegt. Pfeilschnell war es davongeschossen und hatte sämtliche anderen Teilnehmer in einer Staubwolke siebzehn Achtelmeilen hinter sich gelassen.
Die Überraschung über diesen völlig unerwarteten Sieg stand seinem Vater selbst dann noch ins Gesicht geschrieben, als sie sich anschließend alle wieder im Führring versammelt hatten. Der Besitzer des Gestüts - Maurice' Großvater - wusste überhaupt nicht, was er sagen sollte. Der Trainer war der Einzige, der es relativ ungerührt aufnahm, als hätte er von Samarkand gar nichts anderes erwartet. Doch auch er wehrte ab, als die Leute ihm anerkennend auf den Rücken klopften und ihn ausgiebig lobten, so als sei es nicht sein Verdienst. Andere ergriffen die Hand des Jockeys, während Blumenkränze auf Pferd und Jockey herunterregneten.
Wer im Führring am wenigsten stolzgeschwellt war und am meisten Würde zeigte, war Samarkand selbst.
Samarkand war nicht einfach bloß ein Pferd, er war eines der großartigsten Pferde in der Geschichte des Reitsports, wurde in einem Atemzug genannt mit Red Rum oder mit diesem amerikanischen Hengst Forego, einem Gewichtträger, der, egal wie viel man ihm auflud, immer gewann.
Vergiss es.
Samarkand war jedes hoch dotierte Rennen gelaufen, das es überhaupt gab, hatte fast jede bedeutende Siegprämie gewonnen. Nicht bloß in seinem Heimatland, auch in Amerika - in Churchill Downs, New York, im großen Kentucky-Derby, in Belmont und im wunderschönen Hialeah Park.
Maurice fragte sich oft, was es mit Thoroughbreds auf sich hatte. Prägte sich ihnen das Geschehen ins Gedächtnis ein? Die Starts, die Rennen, der Führring? Es ging nicht nur darum, ob Samarkand sich die alltäglichen Runden merkte, sondern ob er wichtige Dinge im Gedächtnis behielt, ob sich ihm gewisse Bilder unauslöschlich einbrannten? Momente voller Glückseligkeit, der Anblick von Heu? Erinnerungen an Newcastle oder New York, Doncaster, Cheltenham, Hialeah, die Farben, der Dress des Jockeys, die Rosen? ... die rosafarbenen, staksenden Vögel, die schillernden Sonnenstrahlen und Farben, die auf ihn zuströmten, seinem Blick hinter Scheuklappen teilweise verborgen, ein ganzer Reigen von Farben und Gesichtern, Jubelrufen und Schreien. An die Bande gedrängt (wie er das hasste) wartete er ab, bis sich eine Lücke bot, und fegte dann direkt hindurch.
Freiheit. Nichts vor sich haben, nichts neben sich haben. Selbst die Jubelrufe verebbten, bevor sie an seine Ohren drangen.
Jetzt ritten sie im Galopp. Maurice wusste, dass Samarkand die Runde in knapp über einer Minute schaffen konnte, er hatte es bereits bewiesen.
Als sie aus der Gegengeraden kamen, sah Maurice eine Gestalt mit Fernglas auf dem Hügel stehen. Der Gestütstrainer war es nicht, der kam so früh nicht heraus. Es musste Roger sein. Sein Onkel Roger kam manchmal her und sah ihm zu, bevor er nach London ins Krankenhaus fuhr.
Nicht Roger. Die falschen Hände.
Samarkand schien den Verlust seiner alten Beweglichkeit, seines früheren Tempos nicht zu spüren, auch nicht das fehlende geschmeidige Zusammenwirken von Händen und Beinen seines Jockeys. Wenn ihm die Zügel gelassen wurden, schien das Pferd genauso gewillt, für diesen sechzehnjährigen, viel zu großen Burschen alles zu geben wie für dessen Vater. Sie galoppierten in nicht gerade rekordverdächtiger Geschwindigkeit um die Bahn. Es kam nicht darauf an.
In der Erinnerung flogen sie dahin.
DAY TRADER
Zwanzig Monate später
Melrose Plant blickte sich in der recht düsteren Umgebung des Grave Maurice um und überlegte, ob das Pub wohl vom Personal des Royal London Hospital frequentiert wurde, das direkt gegenüberlag. Offenbar war dem tatsächlich so, denn Melrose erkannte einen der Ärzte, der am anderen Ende des langen Tresens stand.
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