Leseprobe zu "Psychologie der Gefühle und Bedürfnisse"
2 Emotionstheorien peripherer Vorgänge (S. 44-45)
Eine alltägliche Erfahrung ist, dass starke Gefühle mit Körperempfindungen einhergehen. Diese Empfindungen sind vom Zentrum oder auch vom erlebten Gefühl aus betrachtet Vorgänge, die am Rande bzw. an der Peripherie des Organismus ablaufen. Die Peripheristen sehen nicht wie die Zentralisten in internen neuronalen Vorgängen, sondern in externen Vorgängen und den damit verbundenen autonomen Prozessen die Ursache für das Aufkommen von Emotionen. Die meisten Wissenschaftler sind sich inzwischen zwar einig, dass sich Emotionen an der Nahtstelle zwischen psychischen und somatischen Funktionen bilden, doch stellt sich nach wie vor die Frage, ob die psychischen oder die somatischen Vorgänge primär sind. Warum kann man nicht einfach beim heute noch vorherrschenden Alltagsverständnis bleiben und Gefühle primär als zentral gesteuerte »interne Vorgänge« betrachten?
Das periphere Nervensystem (PNS) setzt sich aus dem willkürlichen und dem unwillkürlichen Nervensystem (NS) zusammen. Das unwillkürliche NS wird autonomes Nervensystem (ANS) oder vegetatives Nervensystem (VNS) genannt. Das VNS steuert die Funktionen der Organe im Inneren des Leibes (deshalb auch Eingeweidenervensystem genannt) im Unterschied zu dem v. a. die Extremitätenmuskulatur innervierenden willkürlichen Nervensystem (z. B. wenn eine Person bei einer Turnübung das Bein heben will). Die »Autonomie« des ANS bezieht sich auf den Umstand, dass über dieses System biologisch festliegende, automatisch ablaufende innerkörperliche Anpassungen und Regulationen erfolgen, die vom Menschen willentlich nicht direkt beeinflusst werden können. Über das ANS werden zur Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts (Homöostase) lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Herzschlag, Stoffwechsel und Verdauung kontrolliert. Auch andere Organe oder Organsysteme werden vom ANS innerviert (z. B. Organe der Schweißdrüsen, Blutgefäßsystem).
Das ANS besteht aus den beiden Teilsystemen Sympathikus und Parasympathikus, die quasi als Gegenspieler tätig sind. Der Sympathikus wirkt anregend auf Organe, welche die körperliche Leistungsfähigkeit steigern, während der Parasympathikus aktivierend auf Organe wirkt, welche der Energieeinsparung, der Erholung und dem Körperaufbau dienen. Der Sympathikus ist im Zusammenhang mit Anspannung wirksam. Er steuert Kampf- und Fluchtreaktionen. Beschleunigter Puls, Blutdruckanstieg, Schweißausbrüche, Zittern, ein trockener Mund und – in psychischer Hinsicht – Angst werden auf eine übermäßige Aktivität des Sympathikus zurückgeführt. Der Parasympathikus ist im Zusammenhang mit Entspannungszuständen wirksam und verlangsamt den Herzschlag. Er vermag die Symptome der Angst zu reduzieren oder zu blockieren.
Das VNS ermöglicht eine schnelle Anpassung an Veränderungen der Umwelt. Bei Säugetieren befindet es sich in einem dynamischen Gleichgewicht. Bei Menschen, die permanent unter Stress sind, gerät es aber aus dem Gleichgewicht und sollte dann so schnell wie möglich wieder ausbalanciert werden. Wie andere, uns wohlbekannte Teile des ANS beinhaltet das VNS eine komplexe Organisation. So gehören zu diesem Netzwerk Rezeptoren (auch »Fühler« genannt), die Messgeräten vergleichbar bestimmte Werte kontinuierlich bestimmen und die entsprechenden Informationen über die Nervenbahnen zum Rückenmark und Gehirn leiten.
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