Die Vegetarierin - Kang, Han

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Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist - bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. "Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten." Yeong-Hye und ihr…mehr

Produktbeschreibung
Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist - bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen.
"Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten."
Yeong-Hye und ihr Ehemann sind ganz gewöhnliche Leute. Er geht beflissen seinem Bürojob nach und hegt keinerlei Ambitionen. Sie ist eine zwar leidenschaftslose, aber pflichtbewusste Hausfrau. Die angenehme Eintönigkeit ihrer Ehe wird jäh gefährdet, als Yeong-Hye beschließt, sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren und alle tierischen Produkte aus dem Haushalt entfernt. "Ich hatte einen Traum", so ihre einzige Erklärung. Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler, denn in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, gilt der Vegetarismus als subversiv. Doch damit nicht genug. Bald nimmt Yeong-Hyes passive Rebellion immer groteskere Ausmaße an. Sie, die niemals gerne einen BH getragen hat, fängt an, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen und von einem Leben als Pflanze zu träumen. Bis sich ihre gesamte Familie gegen sie wendet.
Die Vegetarierin ist eine kafkaeske Geschichte in drei Akten über Scham und Begierde, Macht und Obsession sowie unsere zum Scheitern verurteilten Versuche, den Anderen zu verstehen, der ja doch, wie man selbst, Gefangener im eigenen Leib ist. Der Roman wurde mit dem Man Booker International Prize 2016 ausgezeichnet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • Best.Nr. des Verlages: 641/13653
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 190
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 190 S. 220 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 134mm x 22mm
  • Gewicht: 314g
  • ISBN-13: 9783351036539
  • ISBN-10: 3351036531
  • Best.Nr.: 44852361
Autorenporträt
Han Kang wurde in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Dichterin, ihr erster Roman erschien 1994. Für ihr literarisches Schreiben wurde sie mit dem Yi- Sang-Literaturpreis, den Today's Young Artist Award und dem Manhae Literaturpreis ausgezeichnet. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul. Mehr Informationen zur Autorin: www.writerhankang.com
Rezensionen
Besprechung von 20.08.2016
Uns blüht hier mehr, als wir verstehen

Der Roman "Die Vegetarierin" der südkoreanischen Autorin Han Kang erzählt von einer Frau, die auf Fleisch so konsequent verzichtet, dass selbst ihr eigenes sich verwandelt.

Yeong-hye ist Hausfrau, lebt in Südkorea und erscheint im Roman "Die Vegetarierin" von Han Kang zunächst als Gegenstand - wirklich: wie ein kaputter Staubsauger - eines Referats ihres Ehemanns, der uns schildert, was sie tut und bleibenlässt, aber zugibt, dass er nicht schlau aus dem wird, was sie ihm von ihren Seelenvorgängen erzählt. Sie habe einen Traum gehabt, sagt sie, von einem Wald, von Gesichtern und Blut. Sie will danach kein Fleisch mehr essen, wirft auch alle anderen tierischen Produkte aus der Wohnung. Der Mann kann die Schwere und Unnachgiebigkeit dieser Entschließung zunächst nicht einordnen, "ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, dass sie nicht mehr richtig im Kopf war. Wie gewöhnlich redete sie wenig, und die Wohnung war sauber wie eh und je". Mit ihrer Verfügbarkeit für stumpf mechanisch vollzogenen Sex ist es allerdings vorbei, was ihn grämt, war er doch Gefügigkeit gewohnt (er nennt's "ein erfülltes Eheleben").

Als ihre neue Ernährungsweise sie abmagern lässt, ruft der Gatte ihre Familie zusammen. Die ist ein kleiner Mob und versucht es wie jede Übermacht erst mit Gewalt (Mund auf!), dann mit Lügen (Fleischextrakt in Brühe wird als Medizin ausgewiesen). Die Frau lässt sich nicht brechen. Statt aber zu kämpfen, verwandelt sie sich und bedient sich dazu der Augen ihres Schwagers (dem das Buch, nachdem es in der ersten Person den Gatten hat sprechen lassen, ein Kapitel lang über die Schulter schaut; "Die Vegetarierin" ist konsequent multiperspektivisch, ohne privilegierte Blickrichtung, narrativ dezentriert). Der Schwager ist Künstler mit einem Skizzenbuch voll viridisch-vegetativer Versprechen, "ein Dutzend Entwürfe" darin "zeigten nackte Frauen und Männer, deren Körper verziert waren mit wundervollen Blüten, zart und schwungvoll ausgearbeitet. Die Vereinigung der Paare wirkte ungezwungen". Das Wort "ungezwungen" ist wichtig: Ein Grundton im Buch stellt die Frage, ob Fremdbestimmung sein muss, wo mehrere Personen etwas wollen (zum Beispiel Liebe) und Selbstbestimmung nur vereinzelt denkbar ist, nur einsam.

Der Künstler zumindest muss die Schwägerin weder nötigen noch überreden, sich mit Gartenpracht bemalen zu lassen. Die Pflanze, die sich nun an ihr zeigt, ist nämlich eine Wirklichkeit, die der Mann, der sie in sein Werk, seine erotischen Träume und schließlich in sein Bett holt, ihr nicht andreht, sondern aus ihr herausholt - sie war so, bevor er sie an einem Fleck auf der Haut als etwas erkannt hat, das blühen will.

Die Blüte kommt, und sie hebt auf, was Han Kang in einem anderen Text einmal "die magnetische Kraft, die uns an unseren Leib bindet" genannt hat. Die Verfolgung aber wird dadurch keineswegs nichtig; sie wächst sogar noch, denn die Gesellschaft empfindet Yeong-hyes Verhalten als Auflehnung und Bedrohung der Norm (es stimmt ja: Wo käme die vaterrechtliche Gesellschaft hin, wenn sie die Vegetationsgottheiten der mutterrechtlichen Vorzeit zurückkehren ließe oder anerkennen würde, dass die nie weg waren?). Die Blüte wird gebrochen; die Frau in die Psychiatrie abgeschoben, die Erzählung wechselt abermals den Filter, jetzt lernen wir die Schwester kennen - Komplizin der Unterdrückung wie deren Opfer, und mehr als beides.

Die Komplexität, die hier auf weniger als zweihundert Seiten körperliche in seelische Not und beide in soziales Unrecht faltet, hat Übersetzungen ins Englische wie ins Deutsche offenbar unbeschadet überstanden; in England wurde "Die Vegetarierin" dieses Jahr mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet, hierzulande wirbt der Verlag unter anderem damit, dass die Kritik sich anderswo an Haruki Murakami erinnert fühlte. Die Fremdheit des Dargestellten und der Darstellungsweise legt solche leicht hilflosen Parallelisierungen ja nahe; wer weiter zurückdenkt als bis in die letzten fünfzehn Jahre Gegenwartsliteratur, mag auch Franz Kafka, Unica Zürn, Angela Carter als Verwandte der südkoreanischen Schriftstellerin auflisten, darf dabei aber nicht vergessen, dass Han Kang gerade nicht menscheitsmythopoetisch, sondern sehr orts- und zeitspezifisch erzählt: Nicht allgemein von Männern, Frauen und deren Schicksalen ist da die Rede, sondern eher davon, dass Yeong-hyes Vater noch heute stolz darauf ist, wie viele vietnamesische Kommunisten er einst getötet hat, oder davon, dass ihr Mann bei ihrer sexuellen Verweigerung an "die Trostfrauen, die man gewaltsam in die Kriegsbordelle geholt hatte", denkt, oder dass ein Künstler den Spitznamen "Priester des Mai-Massakers" ertragen muss.

Das Mai-Massaker, das da gemeint ist, war ein grausam niedergeschlagener Aufstand in der südkoreanischen Provinz Gwangju im Jahr 1980, zur Zeit, da der teils projapanische, teils prowestliche autoritäre Herrscher Park Chung-hee vom ebenfalls prowestlichen Schlächter Chun Doo-hwan abgelöst wurde. Die Dichterin Han Kang kommt aus Gwangju; ein von ihr verfasster, vor zwei Jahren auf Englisch als "Human Acts" erschienener Roman handelt von den damaligen Grausamkeiten, deren Voraussetzungen und Folgen aber nicht einfach Hintergrundfolie für ihr Erzählen sind, weil sie dieses Werk wie Schlingpflanzen umklammern und durchdringen. Die Gewaltgeschichte ist nicht Vergangenheit, sondern begleitet die Literaturgeschichte auch in diesem Fall: Als die 1970 geborene Han Kang bereits rund zehn Jahre lang schrieb und in ihrem Land beachtet wurde, überfuhr ein amerikanisches Militärfahrzeug kurz nach der Jahrtausendwende zwei vierzehnjährige Mädchen in Yangju - ein Zwischenfall, der die neokoloniale Brutalität der westlichen bewaffneten Präsenz im Land zum wiederholten Mal zum Anlass breiter Proteste werden ließ, die mit unnachgiebiger Härte beantwortet wurden.

Eine Supermacht schaltet und waltet, wie sie es braucht, in einem Frontstaat; ein Mann unterdrückt eine Frau; eine Gesellschaft bedrückt ein Individuum: das sind sehr verschiedene Sachen, aber selten geschieht etwas Schlechtes unter Menschen, in dem nicht verschiedene Spielarten der Schlechtigkeit einander bedingen oder erleichtern, und man sollte sich bei westlichen Lektüren nichtwestlicher Texte davor hüten, in eine der beiden Fallen zu tappen, die dies vergessen lassen - nämlich einerseits die Exotisierung (wie seltsam sind doch diese fremden Leute, bei denen Ehebruch noch strafbar ist) und andererseits ihr undialektisches Gegenteil, die vorschnelle Universalisierung, die Weltliteratur immer nur durch die Brille des weißen Lehrers oder die Tränen seiner weißen Frau betrachten kann, wie Benjanun Sriduangkaew aus Thailand, eine der interessantesten Stimmen der phantastischen Weltliteratur unserer Zeit, einmal sarkastisch bemerkt hat.

"Phantastische Weltliteratur" ist dabei selbst auch wieder so ein Etikett des weißen Lehrers: In Europa und Nordamerika sind wir politische Literatur, sei's über Privates (wie zum Beispiel Sexualität als Köder und Schmiermittel von Zwang und Entfremdung), sei's über Öffentliches (Krieg und Frieden), eher in realistisch-naturalistischen Modi gewohnt; auf anderen Kontinenten dagegen kann man Politik auch träumen, spinnen, spekulieren, als Schrecken wie als Hoffnung.

Wo die westliche Phantastik von Menschen handelt, die sich mit Pflanzen verwechseln, vermuten wir eher das sozial Abwegige und Abjekte, das Fieber und den Halbschlaf, keine wache Aufmerksamkeit für soziale Wirklichkeiten - auch wenn es vielleicht gar nicht so schwierig wäre, zum Beispiel den Mann, der sich selbst in Philip K. Dicks Erzählung "Piper in the Woods" (1953) in warme außerirdische Erde umtopft, als parapolitisches Gleichnis auf die soziale Ortlosigkeit von Kriegsheimkehrern zu erkennen.

Von der leicht zu entschlüsselnden Parabel freilich hält Han Kang in "Die Vegetarierin" einen so weiten Abstand wie ihre Protagonistin vom Fleischverzehr oder ihr Buch übers Mai-Massaker von der Reportage - in jenem Buch schon ist der animalische Vitalismus, den Yeong-hye flieht, das Prinzip der Täterschaft, das selbst dann noch wütet, wenn es stirbt: "Das Blut", heißt es dort einmal erschreckend deutlich, "das sich von seinem Bauch her ausbreitete, überspülte gierig seine Brust." Das Adjektiv "gierig" sagt, dass diese Art Leben immer herrschen will und damit antithetisch ist zum Prinzip der nicht einverstandenen Passivität, das die Leiche eines massakrierten Jungen ausspricht, weil in solcher Phantastik eben auch die Toten beredt sind - vielleicht beredter als die Aktiven: "Selbst nachdem ich so viel Blut verloren hatte, dass mein Herz endlich zu schlagen aufhörte, rann noch Blut aus meinem Leib, bis die Haut meines Gesichts so dünn und durchsichtig war wie Papier, auf dem man schreibt."

Die Schwäche, die sich zur eigenen Hilflosigkeit, zum Totsein, zur geisterhaften Durchsichtigkeit bekennt, ist wie jede als ästhetische Gebärde codierte Selbstaufhebung ein Akt, der alle Angeredeten ins Unrecht setzt. Der entsagungsvoll zurückhaltende Gebrauch von Metaphern, für den man Han Kang zu Recht sehr gelobt hat, ist der Stil, der dieser Gebärde literarisch gemäß ist: "Sie dreht den Kopf und blickt nach draußen. Der Regen hat wohl aufgehört, aber der Himmel ist noch wolkenverhangen. Die nassen Bäume geben keinen Laut von sich."

Weil diese Sätze unscheinbar sind, geben sie ihre Bedeutung in der Gesamtmelodie einer nüchternen Elegie nur zu ihren eigenen Bedingungen preis, nicht zu denen der Neugier auf Exotisches oder denen des Zwangs, alles, was wir lesen, mit unseren (westlichen, östlichen, männlichen, weiblichen) Erfahrungen zu vergleichen. Das Buch schlägt unterhalb solchen Standardverständnisses Wurzeln. Dann wächst es uns, als etwas still Mächtiges, über den Kopf.

DIETMAR DATH

Han Kang: "Die Vegetarierin". Roman.

Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 190 S., geb., 18,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Ein "elektrisierendes Entreé" attestiert Rezensentin Iris Radisch Han Kangs Roman "Die Vegetarierin" und versichert: Die Autorin hält das Niveau. Murakamis Nüchternheit verbindet sich hier brillant mit dem "wohligen Schauer" von Märchen, lobt die Kritikerin, die nicht zuletzt den geschickten Aufbau dieser in drei Perspektiven erzählten südkoreanischen Parabel über Widerstand und Ohnmacht in patriarchalischen Strukturen bewundert. Vom poetisch-faktischen Einstieg über den "verstörend-schönen", an Kafkas Verwandlung erinnernden Mittelteil bis zum dritten, in der Psychiatrie spielenden, "apokalyptischen" Kapitel staunt die Rezensentin über die virtuose Kunstfertigkeit dieses beklemmenden "Todesartenzyklus'".

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 29.08.2016
Selbstverzehr
Die Koreanerin Han Kang hat mit „Die Vegetarierin“ den Man Booker International Prize gewonnen.
Der Roman erzählt von einer Frau, die eine neue Vorstellung vom Körper sucht
VON KARIN JANKER
Wenn ein Held jemand ist, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, dann ist eine Pflanze der ideale Antiheld. Passiv, stumm, duldsam. Im Vergleich zum Menschen besteht so ein Pflanzenleben ja im Wesentlichen aus Gewaltverzicht und Konsumverweigerung. Viel mehr als Wasser und Sonne braucht man nicht. Genau danach sehnt sich die Protagonistin in Han Kangs Roman „Die Vegetarierin“. Ihr selbstzerstörerisches Antiheldentum gründet in dem Wunsch, sich in eine Pflanze zu verwandeln.
  Bislang führt Yeong-Hye eine Ehe, die reibungslos verläuft, weil es zwischen ihr und ihrem Mann keine Berührungspunkte gibt. Er beschreibt sie so: „Sie redete in der Regel nicht viel, bat mich selten um etwas und machte mir niemals eine Szene, egal, wie spät ich heimkam.“ Jedenfalls habe es keinen Grund gegeben, sie nicht zu heiraten. Er könnte sich vorstellen, auch den Rest seines Lebens neben ihr her zu leben: er als Büroangestellter, sie als Hausfrau und irgendwann Mutter seiner Kinder. Yeong-Hye ist pflegeleicht. Die Ähnlichkeit zwischen dieser Frau und einer Topfpflanze wird nie wieder so deutlich wie auf den ersten Seiten des Romans. Erst danach setzt ihre Verwandlung ein. Und damit ihre Rebellion.
  In Südkorea ist „Die Vegetarierin“ bereits vor neun Jahren erschienen, zunächst in drei Teilen. Aber erst im vergangenen Jahr hat das Buch den Man Booker International Prize, eine der renommiertesten Auszeichnungen für übersetzte Literatur in Großbritannien, erhalten. Und weil die britische Presse begeistert war von dieser Autorin und ihrer schlichten, poetischen Sprache, hat nun Ki-Hyang Lee das Buch ins Deutsche übersetzt.
  Die 45-jährige Han Kang ist in Südkorea bereits seit Jahren als Schriftstellerin erfolgreich, ihre Werke umkreisen Themen wie Gewalt und Trauer. Erst vor Kurzem wurde ihr Buch „Human Acts“ ins Englische übertragen, in dem sie das Gwangju-Massaker verarbeitet. Auch in „Die Vegetarierin“ geht es um Gewalt und um die Spuren, die sie auf dem Körper einer Frau hinterlässt: Wie viel Gewalt erleidet eine Frau, die ein gewaltfreies Leben führen will? Und wie viel Gewalt fügt sie sich auf dem Weg dorthin selbst zu?
  Der Roman, der an seiner Oberfläche von einer surrealen Sehnsucht erzählt, sondiert darunter die Abgründe einer patriarchalen Gesellschaft. Die Geschichte der Antiheldin Yeong-Hye ist die Geschichte einer Verweigerung. Die drei Teile des Romans schildern drei Perspektiven auf die fortschreitende Metamorphose der Protagonistin: Zunächst erzählt ihr gleichgültiger Ehemann, dann ihr Schwager, der sie verzweifelt begehrt, und schließlich ihre Schwester, deren Alltag als erfolgreiche Geschäftsfrau und treusorgende Mutter die Gegenfolie zu Yeong-Hyes sich zersetzendem Leben bildet.
  Für ihren Mann setzt die Auflösung ohne Vorwarnung ein: Von einem Tag auf den anderen beschließt Yeong-Hye, kein Fleisch mehr zu essen, bald sogar überhaupt keine tierischen Produkte mehr im Haus zu haben. Ihre Begründung – blutrünstige Träume, die sie plagen, und das Gefühl, dass sich die Seelen toter Tiere in ihrem Magen „festklammern“ – löst bei ihm nur Unverständnis und Selbstmitleid aus. Ihm bleibt nur, künftig noch häufiger auswärts zu essen.
  Bald will Yeong-Hye ihn nicht einmal mehr neben sich im Bett haben, weil er nach totem Tier stinkt. So fühlt er sich genötigt, sie zu vergewaltigen. Nicht sie ist aus seiner Sicht das Opfer, sondern er und seine verletzte Eitelkeit: „Sie kaute bedächtig und geräuschvoll auf ihrem Kimchi herum. Ich war aufgestanden und betrachtete sie aufmerksam. Sie jedoch schenkte mir, ihrem Mann, nicht die geringste Beachtung.“
  Aber nicht nur er reagiert mit Gewalt auf Yeong-Hyes Ernährungsumstellung. Das nächste Familienessen mit ihren Eltern und Geschwistern eskaliert. Der Vater, ein ehemaliger Soldat und „aufbrausender Charakter“, ohrfeigt sie brutal. Mit Gewalt will er ihr Fleisch in den Mund stopfen – überzeugt davon, dass er aus väterlicher Liebe handelt: „Wenn sie einen Happen davon isst, dann wird sie auch wieder auf den Geschmack kommen. Wer verzichtet denn heutzutage auf Fleisch?“
  Doch Yeong-Hye scheint für solche Argumente längst nicht mehr erreichbar. Losgelöst von ihrem Körper und seinen Bedürfnissen, konzentriert sie ihr Wollen darauf, nichts mehr zu wollen. Wie eine Magersüchtige wird sie immer dünner und dünner. Sie löst sich auf in einem Akt der Selbstbehauptung, in dem sie sich den Erwartungen der Gesellschaft entzieht. Der Roman selbst zeugt davon, wie ihm seine Protagonistin entgleitet. Keine der drei Erzählerfiguren hat Zugriff auf Yeong-Hye oder begreift sie, keine von ihnen kommt ihr nahe. Weder als Ehefrau noch als Geliebte noch als Schwester wird die Protagonistin wirklich fassbar.
  Yeong-Hye verweigert sich sämtlichen Rollen. So müssen auch die Leser zusehen, wie diese Frau, die anfangs nur zurückhaltend scheint und dann immer rätselhafter wird, zwischen den Zeilen entschwindet. „Wer kein Fleisch verzehrt, der verzehrt sich selbst!“, ruft Yeong-Hyes Mutter einmal entsetzt. Sie wird auf gewisse Weise recht behalten: Ihre Tochter verzehrt sich selbst, um sich ganz zu gehören.
  Die drei Teile fügen sich zu einem Ganzen, in dessen Zentrum die Hauptfigur als Leerstelle bleibt. Darin, dass er diese Leerstelle nicht zu füllen versucht, liegt eine Stärke des Romans. Die Protagonistin ist nicht nur für den Ehemann „eine Fallgrube ohne Boden“. Hier kennt keiner den anderen, weil keiner den anderen zu ergründen versucht. Auch die Sprache versagt, weil sich Wesentliches nicht mehr über sie mitteilen kann. Am Ende kommt von der zwangsernährten Yeong-Hye nur noch ein Gurgeln, aus dem schließlich ein letzter Wunsch herauszuhören ist: „Ich . . . will nicht! Ich will nicht . . . essen!“ Und die Frage: „Ist es denn verboten zu sterben?“
  Aus der Perspektive ihrer Schwester wirkt Yeong-Hye, „als handle es sich um einen kaputten Wecker oder ein defektes Küchengerät“. In einer Welt, in der jeder zu funktionieren hat, stellt sich die mutwillige Funktionsuntüchtigkeit als die wirksamste Art aufzubegehren heraus. Darin ist Yeong-Hye ein Bartleby des 21. Jahrhunderts. Während Melvilles Schreiber, der „lieber nicht möchte“, sich im 19. Jahrhundert der Arbeitsverweigerung hingibt, bleibt der Frau in der patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft der Konsumverzicht als Akt des Aufbegehrens. Wie bei „Bartleby“ fehlt auch hier ein objektiver Erzähler, der die Verweigerung erklären könnte. Das macht die Rebellion so subversiv: Weil man sie nicht verstehen kann, lässt sie sich weder wegargumentieren noch stoppen.
  Als weiblicher Bartleby bezieht Yeong-Hye die Verweigerung auf ihren Körper. Als sie abmagert, verschwinden nach und nach ihre Brüste, ihr Po wird knochig, und ihr anorektischer Körper verliert nicht nur sämtliche weiblichen Attribute, sondern auch jegliches sexuelle Verlangen. Sie streift ihr Fleisch ab und damit auch die Erwartungen, die an sie als Ehefrau, Tochter und Geliebte gestellt werden. Weil sie nicht länger als Körper existieren will, sucht sie eine neue Identität als Pflanze.
  Beinahe sieht es am Ende so aus, als wollte sie die Vorstellungen ihres Mannes von einer pflegeleichten Frau erfüllen, indem sie sich tatsächlich in eine Topfpflanze verwandelt. Man hätte das Buch mit einer solchen satirischen Wendung enden lassen können. Aber noch während der Roman auf die kafkaeske Verwandlung zuzustreben scheint, verweigert er sich auch hier: Nämlich jenem magischen Realismus, den westliche Leser von sogenannter Weltliteratur erwarten. Stattdessen verlässt der Roman seine Antiheldin mit einer Frage ihrer Schwester, auf die er die Antwort zwischen den Zeilen längst gegeben hat: „Lehnt sie sich gegen etwas auf?“
Han Kang: Die Vegetarierin. Übersetzt von Ki-Hyang Lee. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 190 Seiten, 18,95 Euro. E-Book 14,99 Euro.
Wie viel Gewalt erleidet
eine Frau, die ein gewaltfreies
Leben führen will?
Wie kann man sich für
seinen Mann in eine
pflegeleichte Frau verwandeln?
Sie schrieb eine surreale Erzählung aus einer patriarchalischen Gesellschaft – die Koreanerin Han Kang.
Foto: Roberto Ricciuti/Getty Images
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"Dieser Roman ist ein Fest!" The Guardian "Einer der beeindruckendsten Romane, die ich in letzter Zeit gelesen habe... Sie müssen dieses Buch lesen." Arnon Grünberg "Provokativ und schockierend." The New York Times "Für Fans von Haruki Murakami." Gazet van Antwerpen "Satz für Satz ein außergewöhnliches Erlebnis." The Observer " Die Vegetarierin ist ein Meisterwerk. " Julia Encke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.08.2016 " Han Kangs Roman ist in jeder Hinsicht bigger than life. " Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel, 14.08.2016 " Ein Plädoyer für die Pflicht zur Selbstwahrnehmung [...] eine Ermutigung, zu träumen und zu rebellieren. " Carsten Hueck, DeutschlandRadio Kultur, 15.08.2016 " Han Kangs Roman ist von großer Schönheit und Kraft. " Carsten Hueck, WDR 5. 13.08.2016 " [...] ein Roman über den Effekt des Unerklärlichen [...]. " Dominik Kamalzadeh, Der Standard, 19.08.2016 " Han Kangs Roman [...] ist die meisterliche Erzählung einer stillen Auflehnung. " Peter Zimmermann, ORF - Ö1, 28.08.2016 " Die Geschichte der Antiheldin Yeong-Hye ist die Geschichte einer Verweigerung. "Antje Weber, Süddeutsche Zeitung, 29.08.2016 " So ein sonderbares Buch. [...] Han Kangs verstörendes Buch hat eine leise, revolutionäre Kraft. " Volker Weidermann, Literatur SPIEGEL, 27.08.2016 " Ein extrem vielschichtiger, sinnlicher, fantastischer Roman [...]. " Judith Liere, Stern, 11.08.2016 " Han Kang erschafft eine Welt, in der alles zur Eskalation führt. " Lennardt Loss, Sächsische Zeitung, 30.08.2016 " [...] eine bizarre Geschichte über Selbstbestimmung, Unterdrückung und Subversion im modernen Südkorea. " Christine Langer, aviva berlin, 26.08.2016 " Poetisch doch ganz sachlich, schnörkellos und mit traumwandlerischer Sicherheit [...]. " Carsten Hueck, Deutschlandradio Kultur, 15.08.16 " [...] so etwas Intensives und Aufwühlendes hat man lange nicht gelesen. " Ulrike Sárkány, NDR Kultur, 12.08.16 " [...] eine Allegorie von archaischer Kraft [...]. " Maximilian Kalkhof,…mehr
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