Leseprobe zu "Supervisionsforschung: Einblicke und Ausblicke (eBook)"
Peter Ulrich
Die Wirtschaft in einer wohlgeordneten Gesellschaft (S. 208-209)
Ein wirtschaftsethischer Orientierungsversuch Wirtschaftsethik eine »angewandte« Bereichsethik wie andere auch? So genannte Bereichsethiken, die sich mit der »Anwendung« der allgemeinen philosophischen Ethik auf spezielle Lebensbereiche beschäftigen, haben in jüngster Zeit akademische und öffentliche Konjunktur. Das hat unter anderem damit zu tun, dass sich die Entwicklung lebenspraktischer Problemlagen nicht an die etablierten disziplinären Abgrenzungen der Wissenschaften zu halten pflegt erst recht nicht dort, wo sich diese zwar immer schon mit menschlichem Handeln befassen, sich aber unter dem Einfluss des positivistischen und szientistischen Wissenschaftsverständnisses auf intern wertfreie Theoriekonzepte zurückgezogen haben.
Überall dort, wo bisher »wertfrei« analysierte lebenspraktische Verhältnisse aufgrund objektiver Veränderungen (beispielsweise im Kontext zunehmender wissenschaftlich-technischer Verfügbarkeit) und einer entsprechend gewachsenen subjektiven Problemwahrnehmung (etwa im Hinblick auf fragwürdige Auswirkungen technischer oder ökonomischer »Rationalisierung «) zum Gegenstand der Reflexion und Argumentation über Zusammenhänge des guten Lebens, des gerechten Zusammenlebens und des verantwortlichen Handelns erhoben werden, wächst ihnen in der modernen Welt das Bedürfnis nach einer »lokalen « Bereichsethik nach.
So verhält es sich grundsätzlich auch im Fall der Wirtschaftsethik. Es sind teilweise drängende Fragen, die sich heute immer mehr Menschen in Bezug auf den lebenspraktischen Sinn und »Wert« unseres westlichen Lebens-, Arbeits- und Konsumstils, aber auch in Bezug auf die zunehmend »eigensinnig« wirkende, sich derzeit globalisierende Dynamik mehr oder weniger entfesselter Märkte stellen, nimmt doch die Zahl der fragwürdigen Folge- oder Nebenwirkungen auf die soziale Lebenswelt und die natürliche Umwelt unübersehbar zu. Weshalb aber, so wird man sich zunächst fragen dürfen, sollte es zur Auseinandersetzung mit solchen lebenspraktischen Zusammenhängen des Wirtschaftens einer neuen Bindestrich-Disziplin namens Wirtschaftsethik bedürfen? Geht es denn dabei nicht um ganz »normale« Grundfragen des Wirtschaftens, mit denen sich die Wirtschaftswissenschaften immer schon auseinandergesetzt haben?
Hieß die klassische Ökonomie nicht mit guten Gründen Politische Ökonomie? War sie nicht seit jeher, zumindest seit Aristoteles berühmter Trias von Ethik, Politik und Ökonomik, ein Teil der praktischen Philosophie? Und worum sonst sollte es beim Wirtschaften gehen als darum, im Hinblick auf die Bedürfnisse der Menschen Werte zu schaffen, wie es beispielsweise der geläufige betriebswirtschaftliche Begriff der »Wertschöpfung« noch in sich hat?
Nun, gerade der Begriff der Wertschöpfung mag symptomatisch für das hier relevante Problem sein: Zwar rechnen die modernen Wirtschaftswissenschaften auf verschiedenste Weisen mit der Vermehrung (»Nutzen«) und dem Verzehr (»Kosten«) von Werten, aber sie begründen nicht den menschlichen, lebenspraktischen »Wert« dessen, was ökonomisch als Wertschöpfung gilt, und sie reflektieren auch nicht kritisch über Fragen der sozial oder intergenerationell gerechten Verteilung aller »internen« (d. h. in die Kalküle der Handelnden eingehenden) oder »externen« (d. h. nicht in die Kalküle der Handelnden internalisierten) Kosten- und Nutzeneffekte auf alle Betroffenen. Die paradigmatische Spezialisierung der Ökonomik auf einen einzigen gesellschaftlichen Rationalitätsaspekt, den der Effizienz, verstellt ihr den Blick für andere Kategorien einer vernünftigen Lebens- und Wirtschaftspraxis.