Leseprobe zu "Sündenfall (eBook)" von Ken Scholes
Kapitel 13 Rudolfo (S. 151-152)
Die Tore des päpstlichen Sommerpalastes waren geschlossen und schwer bewacht, als Rudolfo und die Karawane sich näherten. Sie hatten den aufgetürmten Stapel aus alten Steingebäuden, der sich an die hohen Gipfel des Drachenrückens drängte, schon von Weitem gesehen, aber es war Mittag geworden, bis sie nahe genug herankamen, um die ernsten Männer in Grau zu erkennen, die am Eingang Stellung bezogen hatten.
Die übrige Reise war ohne Zwischenfälle verlaufen, und sie hatten unterwegs ein paar weitere umherirrende Androfranziner aufgelesen, die sich dem Befehl des neuen Papstes folgend auf Pilgerreise befanden. Die erste kleine Gruppe war eine Expedition zur Wiederbeschaffung von Dokumenten gewesen, die beim Weitschreiterposten am Rand der Mahlenden Ödlande auf die Graue Garde gewartet hatte, um von ihr nach Windwir eskortiert zu werden. Vom Rand der Karawane aus beobachtete Rudolfo sie. Die Androfranziner sprachen kein Wort und blieben unter sich, zwischen sich eine kleine, verschlossene Kiste. Ihre Talare waren dunkelblau, wodurch sie sich stark von den anderen abhoben.
Die zweite Gruppe, die ihre Schar vergrößerte, war eine Handvoll Whymerer - unter ihnen ein Arzt und ein Mechaniker -, die eine Wagenladung Bücher zum päpstlichen Sommerpalast brachten. Rudolfo schüttelte den Kopf. Der Befehl, alle Androfranziner und den gesamten androfranzinischen Besitz hierherbringen zu lassen, schien ihm eine Fehleinschätzung des neuen Papstes zu sein, auch wenn andere es als vernünftige Strategie ansehen mochten. Und er begriff die Motivation, die dahinterstand. Dem Orden war mit der Verheerung von Windwir ein tödlicher Schlag zugefügt worden, und wenn das Licht erlosch, schien es die richtige Vorgehensweise zu sein, sich mit jedem und allem, was noch übrig war, in der Dunkelheit zu verkriechen.
Viel besser war es aber, sich zu verstreuen, zu verschwinden, auf den Morgen zu warten, dachte der Zigeunerkönig. Wie es seine Streunende Armee getan hatte. Inzwischen waren sie wohl zu Hause angelangt und würden sich still darauf vorbereiten, Rudolfos Prärien gegen die Armeen zu verteidigen, die in diesem Augenblick nach Windwir marschierten, um Sethbert zu unterstützen. Zweimal hatte ihn unterwegs ein Vogel aufgespürt. Der erste, von Vlad Li Tam, hatte ihn ermutigt.
Der schiffsbauende Bankier stand hinter ihm, seine Eiserne Armada blieb an Ort und Stelle rund um Entrolusiens wuchtige Hafenstädte aus weißem Stein. Aber Rudolfo wusste, dass das Haus Li Tam trotz bester Absichten und trotz des neuen Abkommens zwischen ihnen nur ein Haus war, das gegen viele stand. Und mit einem neuen Papst, der den Ring und die Krone trug, konnte sogar dieser Verbündete ins Wanken geraten. Dennoch waren es willkommene Neuigkeiten gewesen, zu erfahren, dass die Neun Häuser der Neun Wälder einen Verbündeten hatten.