Leseprobe zu "Sterne über rotem Land (eBook)" von Lynne Wilding
"Kapitel 18 (S. 135-136)
Randall war nicht bei der Sache. Eigentlich sollte er einigen Rindern nachspüren, die sich in einer mit dichtem Buschwerk bewachsenen Region zerstreut hatten. Seine Gedanken kehrten jedoch immer wieder zu Dannys Mitteilung an diesem Morgen am Frühstückstisch zurück: dass er und Amy heiraten würden. Er sollte sich für seinen Bruder freuen. Warum konnte er das nicht? Danny verdiente alles Glück der Welt und Amy war eine anständige junge Frau. Was störte ihn dann?
Diese Frage nagte an ihm. War sie wirklich die Richtige für seinen Bruder? Und wenn nicht, warum nicht? Ein Ast schnalzte auf seine Brust und zerkratzte sie dort, wo sein Hemd offen stand. Er bog den Ast zurück, bis er knackend zerbrach, ein Geräusch, das ihn vorübergehend aus seinen Gedanken riss, aber nicht für lange. Er suchte den Boden nach Spuren der verschwundenen Rinder ab, doch mit den Gedanken war er mit einer intensiven Gewissenserforschung beschäftigt. Amy war deshalb nicht die Richtige für Danny, weil … Randall riss scharf an den Zügeln und brachte sein Pferd abrupt zum Stehen. Die Rinder waren vergessen.
Er wusste, warum! Mein Gott, ja, jetzt war ihm alles klar. Mit grimmiger Miene nahm er den unglaublichen, den absolut abwegigen Gedanken, der schließlich aus seinem Unterbewusstsein an die Oberfläche gestiegen war, der sich nicht mehr länger hatte unterdrücken lassen, zur Kenntnis: Er wollte Amy für sich selbst! So. Jetzt war es heraus. Ein verächtliches Lächeln verzerrte seine Lippen. Allmächtiger, er liebte sie. Es war unlogisch, es war lächerlich – sie konnten sich ja kaum wie zivilisierte Menschen miteinander unterhalten, wenn sie sich trafen, und ihr Selbstbewusstsein, ihre Unabhängigkeit verwirrten ihn, obwohl er sie andererseits auch bewunderte.
Da fiel ihm plötzlich jener Moment bei Bills Geburtstagsfeier ein, als sich ihre Hände kurz berührt hatten. So etwas hatte er bis dahin noch nie gespürt und seitdem auch nicht mehr – es war geradezu überwältigend, schwindelerregend gewesen. Seine Gefühle machten, wenn man ihn fragte, rein gar keinen Sinn, und dennoch: Ohne die geringste Ermunterung von ihrer Seite hatte er sich in Amy Carmichael verliebt. Er akzeptierte dies nun mit einem gewissen Fatalismus als unabänderlich.
Ebenso wie die Tatsache, dass die Sonne in etwa vier Stunden untergehen und am nächsten Morgen wieder aufgehen würde. Ein tiefes, frustriertes Stöhnen wollte sich in der stillen Luft aus seiner Brust drängen. Das konnte er jetzt wirklich nicht auch noch gebrauchen, derartige Komplikationen. Nicht, wo es endlich deutlich aufwärts ging mit Drovers Way. Zum zweiten Mal in Folge hatte die Farm einen kräftigen Profit erwirtschaftet und das meiste davon war sogleich wieder zurückgeflossen: in die Aufbesserung des Viehbestands, das Anlegen eines weiteren Weizenfelds. Er hatte sogar Pläne zu einer vollständigen Renovierung der Farmgebäude gemacht."