Leseprobe zu "Speed (eBook)" von Florian Opitz
Wie lange ist eigentlich eine Mikrosekunde? – Reuters und der Finanzmarkt (S. 94-95)
»Zeit ist Geld«: Die subtile Bedeutung und Sprengkraft dieser tausende Male gehörten und scheinbar abgegriffenen Gleichung war mir vor meiner Suche nach den Ursachen meiner und unserer Raserei überhaupt nicht klar. Wirtschaft und Wettbewerb tragen also einen erheblichen Teil dazu bei, dass die Welt immer schneller und uns allen die Zeit immer knapper wird. So viel steht fest. Doch ohne uns, die dieses Spiel mitmachen, ginge das natürlich nicht. Nicht nur im Rennsport hat Geschwindigkeit eben auch durchaus ihren Reiz. Nach meinem Treffen mit der Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler interessiert mich jetzt die Frage brennend, bei welchem Tempo wir inzwischen eigentlich angekommen sind und wie weit sich das Rad überhaupt noch drehen lässt? Irgendwo muss es doch auch Grenzen der Beschleunigung geben, nur wo?
Um das herauszufinden, bin ich nach London geflogen, wo eines der Herzen der Finanzwelt schlägt. Am Canary Wharf in den Londoner Docklands, wo zu Zeiten des britischen Empire die Schiffe von den Kanarischen Insel anlegten, ist in den neunziger Jahren Londons neues Bankenviertel entstanden. Neben der Wallstreet der wohl wichtigste Handelsplatz der Welt. Hier werden jeden Tag unvorstellbare Summen umgewälzt, verdient und verbrannt. Sobald man aus der U-Bahn steigt, fallen einem hier sofort die gläsernen Bürotürme der Banken ins Auge. Ob Citigroup, Bank of America, Barclay’s Bank, Credit Suisse, Morgan Stanley oder die HSBC: Alle großen Finanzinstitute sind am Canary Wharf vertreten.
Diese Gegend ist gemeint, wenn man in Finanzkreisen von der Londoner City spricht und damit den europäischen Ableger der global operierenden Finanzindustrie meint: Spekulanten, Hedgefonds und Banken. Im Zentrum des Canary Wharf liegt mein Ziel, die europäische Zentrale von Reuters, der Firma, die 1850 gegründet wurde und sich seitdem einen Namen als weltweit bekannteste Nachrichtenagentur gemacht hat.
Genauer gesagt, ist es inzwischen die Zentrale von Thomson Reuters, wie das Unternehmen seit der Fusion mit dem kanadischen Medienkonzern Thomson eigentlich heißt. Bei Reuters arbeitet man tagtäglich emsig daran, die Grenzen des zeitlich Möglichen immer weiter zu verschieben. Man könnte es auch so formulieren: Reuters arbeitet an der Abschaffung von Raum und Zeit, an der weltweiten »Vergleichzeitigung«, am ewigen Jetzt. Auch bei Reuters hat es eine Weile gedauert, bis sich jemand bereit erklärt hat, mir zu erklären, was Reuters denn eigentlich genau mit der Zeit anstellt.
Während ich von der U-Bahn-Station Canary Wharf zwischen den Bankentürmen hindurch zum Reuters-Gebäude laufe, fallen mir sofort zwei Dinge auf: die vielen gut angezogenen Menschen, die im Eilschritt an mir vorbeirauschen, und die zahlreichen Uhren, die wie eine Mahnung auf dem Platz stehen, dass Zeit Geld und deswegen nicht zu vergeuden ist. Auf der Außenfassade des halbrunden Reuters-Gebäudes laufen auf einem elektronischen Schriftband permanent aktuelle Börsenkurse aus aller Welt. Neben dem Eingang der Zentrale steht ein gigantisch großes Display mit den neuesten Nachrichten und Börsenkursen aus aller Welt. Alle dreißig Sekunden unterbrochen von einer Tafel mit der Aufschrift: »Immer und überall dabei. Nachrichten in Echtzeit. Jetzt auch für iPhone und BlackBerry.