Leseprobe zu "Rebell unter Segeln (eBook)" von Rainer Delfs Frank Adam
Der Kampf beginnt (S. 229-230)
(Januar bis Juni 1775)
Es war Ende Januar, und man konnte noch keinen Hauch des Frühlings ahnen. Der Schornstein des zweistöckigen Hauses am Ufer des Delaware sandte dichte Rauchwolken in den kalten Himmel. Der Fluss war bis auf eine schmale Fahrrinne vom Eis eingeschlossen. Das Haus lag in einem größeren und gepflegten Grundstück mit Ställen für Pferde und Kutsche und Gesindehaus für das Personal. Eine junge Frau trat aus der Tür und zog sich den Pelzschal noch einmal fest um den Hals, ehe sie mit ihren gefütterten Stiefeln den Weg zur Straße antrat. Doch dann stutzte sie und sah zur Straße hin, wo ein kräftiger junger Mann suchend auf das Haus zukam. Er hatte die weiten Hosen und das blaue Jackett eines Seemanns an und schulterte einen Sack.
Die junge Frau schlug die Hand vor den Mund, drehte sich um, öffnete die Haustür wieder und jubelte: »Mutter, Mutter! Der Sven kommt!« Der junge Mann stutzte, als er den Ruf hörte. Doch dann lief er auf das Haus zu und rief im Laufen: »Ingrid! Schwesterherz, bist du es?« An der Tür warf er den Seesack auf die Stufen, fasste die junge Frau um, hob sie hoch in die Luft und küsste sie. Dann erschien eine ältere Dame in der Haustür. Die Tränen liefen ihr die Wangen hinab, als sie »Sven! Mein lieber Sohn!«, sagte und die Arme ausbreitete. Sven ließ die Schwester sinken, beugte sich zur Mutter hinab und flüsterte mit tränenerstickter Stimme: »Mutter, ich bin endlich wieder daheim!« Sie blieben nicht lange in der Kälte.
Die Frauen zogen ihn in einen Salon. Die Mutter ließ ein Mädchen Kaffee bringen und nahm ihrem Sohn die Jacke und den Seesack ab. »Georg bringt alles an seinen Platz. Lass dich nur erst anschauen, Sven, mein Junge.« »Es ist alles noch dran: Mund, Nase, Augen, zwei Beine, zwei Hände, liebe Mutter.« Er lächelte sie an. »Gut seht ihr beiden aus. Du wirkst erholter, Mutter, und mein Schwesterlein ist eine wunderschöne junge Dame geworden. Und ihr wohnt richtig vornehm jetzt.« Die Mutter nahm Svens Hand und führte ihn zu der kleinen Sitzgruppe. »Über die Wohnung, das Haus und diese Dinge können wir später reden. Jetzt will ich nur wissen, wie du es geschafft hast, den Briten zu entkommen und zu uns zu gelangen?«
»Ich bin mit meinen drei Kameraden in Antigua desertiert und mit der guten alten Victoria nach Philadelphia gesegelt.« »Werden sie dich jetzt hier suchen und verhaften, Sven?« »Wenn es hier keiner erzählt, dass ich desertiert bin, können sie mich nicht finden. Wir haben in der britischen Flotte alle falsche Namen angegeben. Sie suchen nach einem Ben Larsberg.« Ingrid mischte sich ein. »Von uns erfährt es niemand. Aber vorsichtig solltest du doch sein. Wir sollten deine Rückkehr nicht überall herumerzählen und es als ganz normalen Aufenthalt zwischen deinen Touren darstellen. Vater weiß sicher auch noch Rat.« Die Mutter merkte, wie Sven ein wenig zuckte. »Dein Stiefvater ist zu Hausbesuchen unterwegs.