Osthippie (eBook) - Angelika Feustel

Angelika Feustel 

Osthippie (eBook)

Eine Jugend in Deutschland

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Kopierschutz: Adobe-DRM
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Osthippie (eBook)

Im August 1968 besetzt die Rote Armee die Tschechoslowakei, den Einmarsch erlebt die 12-jährige Angelika hautnah in einer Kleinstadt in Thüringen mit. Sie wächst in einer linientreuen Familie auf, mit der Zeit merkt sie aber, dass sie in dieser spießigen sozialistischen Enge nicht leben kann. Sie plant sehr viel später, als sie keinen anderen Ausweg sieht, ihre Flucht. Dazu kommt es jedoch nicht, sie wird verhaftet. Als politischer Häftling verbüßt sie eine 18-monatige Haftstrafe im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck. Danach wird sie entgegen allen Hoffnungen zurück in die DDR entlassen. Nach hartem Kampf kann sie vier Jahre später ausreisen. Endlich ist sie frei!


Produktinformation

  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783862685295
  • ISBN-10: 3862685292
  • Best.Nr.: 34075336

Leseprobe zu "Osthippie (eBook)" von Angelika Feustel

Kapitel 2 (S. 16-17)

Ich komme in die 7. Klasse. Der erste Schultag fängt wie immer um acht Uhr mit dem Fahnenappell an. Jede Klasse sammelt sich mit ihrem Klassenlehrer und stellt sich in geordnetem Block im Schulhof auf. Fast alle, wie auch ich, haben ihr Pionierhalstuch umgebunden. Ein Mädchen aus der zehnten Klasse, die Vorsitzende des Freundschaftsrates, steht mit dem Direktor vor allen Schülern und ruft: „Achtung! Stillgestanden!“ Sofort wird es ruhig. „Die Augen … geradeaus!“ Alle blicken nach vorn.

„Zur Meldung an Herrn Ziebler … die Augen rechts!“ Die Köpfe rucken nach rechts. Das Mädchen in blauer FDJ-Bluse marschiert ein paar Schritte Richtung Direktor, legt die Hand an den Kopf und meldet: „Genosse Ziebler, die Schüler der Geschwister-Scholl-Oberschule sind angetreten!“ Gnädig dankt dieser und ruft: „Seid bereit!“ Es erschallt ein: „Immer bereit!“ Beide schreiten zum Fahnenmast und hissen die DDR-Flagge. Obwohl ich in die DDR hineingeboren wurde und für mich alles normal ist, spüre ich immer eine gewisse Abneigung gegen die militärischen Ausdrücke.

Ganz leichter Widerwille steigt in mir auf und als es heißt: „Augen rechts!“, sehe ich weiter geradeaus – das würde wohl niemand merken. Dann verkündet der Direktor: „Rühren!“ Es wird etwas unruhig unter den Schülern. Herr Ziebler mahnt zur Ruhe, macht die üblichen Bemerkungen zum neuen Schuljahr und stellt zwei Lehrer vor: „Die 7a wird ja schon gemerkt haben, dass sie einen neuen Klassenlehrer braucht. Das wird der Herr Körner sein.“

Die 7a starrt den jungen Lehrer in Lederjacke an, der da auf sie zukommt. Endlich ist der Appell beendet und alle Klassen strömen in ihre Zimmer. Sofort nehme ich das Halstuch ab und stopfe es in den Ranzen – die meisten machen es so. Außerdem trägt meine Banknachbarin Maria sowieso nie eins. Der Tag wird noch recht aufregend, denn nicht nur Herr Körner, der neue Deutschlehrer, findet stille Beachtung, als er sich mit halber Pobacke auf das Pult setzt, auch der Stundenplan wird zur aufregenden Angelegenheit. In diesem Jahr gibt es neue Fächer: Staatsbürgerkunde, Englisch, UTP/ESP.

Unter Letzterem kann ich mir erst einmal nichts vorstellen. Ich tuschle mit Maria, die sich aber genauso wenig auskennt. In der großen Pause stehen die meisten Schüler im Pausenhof herum. Elke, meine Freundin, fragt in einer Mädchenrunde: „Habt ihr das gesehen? Der Herr Körner saß auf dem Pult!“ „Was der sich traut!“, staunt Cornelia. „Ach, der ist bestimmt nett“, werfe ich ein, „habt ihr gemerkt, dass er sich gleich unsere Namen merken konnte?“

„Hm, bei dem mussten wir nicht die blöden Namensschilder vor uns hinstellen. Aber mal was anderes: Habt ihr eine Ahnung, was UTP oder ESP ist?“ Alle schütteln den Kopf. „Geh’n wir doch mal rüber zu Ronald“, schlägt Cornelia vor. „Ach, das interessiert mich jetzt überhaupt nicht, ich habe Pause“, mault Gaby. Trotzdem geht die kleine Gruppe zu den Jungs rüber, Ronald ist bei den Mädchen beliebt. Ich spreche ihn an: „Du, kannst du dir irgendwas unter UTP und ESP vorstellen?“