Leseprobe zu "Naturheilverfahren (eBook)"
1.1 Was versteht man unter »Naturheilverfahren« in Deutschland? (S. 3)
Dieter Melchart
Neubewertung der Naturheilverfahren
Naturheilverfahren werden zunehmend neu bewertet. Patienten, Krankenkassen, Politiker, öffentliche Medien, ärztliche Standesorganisationen und nicht zuletzt prominente Vertreter dieses medizinischen Methodenbereichs selbst, sind um inhaltliche und wissenschaftliche Standortbestimmungen bemüht (Anemueller 1998, Bühring 1998).
Wesentliche Gründe für diese Neubewertung sollen mit Hinweisen auf folgende Themen zunächst nur bruchstückhaft angedeutet werden:
• »evidence-based medicine« und Verteilungskampf um Krankenkassengelder
• medizinische und gesundheitspolitische Hinterfragung traditioneller Kuren
• Methodenvielfalt und Methodendissens in der ambulanten und stationären Versorgung mit Naturheilverfahren
• fehlende Hochschultradition und fehlende akademische Meinungsführerschaft Alle Akteure im Gesundheitswesen glauben derzeit, sich unter Naturheilverfahren etwas vorstellen zu können, ohne dass tatsächlich Einigkeit über den Begriff und die darunter zu subsumierenden Verfahren besteht.
Geschichtlicher Ursprung
Historisch geht der Begriff »Naturheilverfahren « auf den Münchener Arzt Lorenz Gleich (1798–1865) zurück, der ihn wie folgt definiert: Naturheilkundliche Autoren wie Rothschuh (1965, 1983), Hentschel (1987, 1991) und Bühring (1990) fordern deshalb für die Definition auch die Verwendung »echter« oder naturbelassener Wirkfaktoren wie:
• Licht
• Luft
• Wasser
• Erde
• Pflanzen
• Mineralien
• speziell naturbelassene Ernährungsformen
• natürliche Reize wie Bewegung und Schonung
• klimatische Faktoren
• Einhaltung natürlicher Rhythmen und Zeitordnungen
Diese naturistischen Wirkfaktoren sind primär unmittelbar der Natur entnommen oder dieser »nachempfunden« (Bühring 1990).
Klassische« Naturheilverfahren
Da die naturistischen Wirkfaktoren bereits in der hippokratischen Medizin des Altertums als Maßnahmen zur Heilung angewendet wurden, werden sie als »klassische Naturheilverfahren « oder Naturheilverfahren im engeren Sinne bezeichnet, wozu folgende Verfahren gerechnet werden: »Heilen ohne Arzneistoffe und Blutentziehung, mit Kälte und Wärme, Trinken von kaltem Wasser, Umschlägen, Diät, frischer Luft usw.«
• Ernährungstherapie, hierzu zählen:
– Vollwertkost und ihre Varianten
– Rohkost einschließlich Teilfasten
– totales Fasten nach Buchinger
– Mayr-Fasten
– Schroth-Kur
– Sonderdiäten
• Atem- und Bewegungstherapie, einschließlich Massageverfahren wie:
– klassische Massage
– manuelle Lymphdrainage
– Reflexzonenmassage (Bindegewebsmassage, Segmentmassage, Periostbehandlung, Kolonbehandlung)
– Unterwasser-Druckstrahlmassage
• Hydro- und Thermotherapie, hierzu zählen:
– Waschungen
– Güsse
– Wickel und Packungen
– Kräuterbäder
– Luftbäder
– Überwärmungsbäder
– Sauna
– Dampfbäder
• Phytotherapie, einschließlich der Wirkungsweisen und Heilanzeigen der wichtigsten Heilpflanzen und der Behandlung mit Wirkstoffkomplexen
• Ordnungstherapie (Gesundheitstraining), einschließlich Entspannungsverfahren Diese Naturheilverfahren, die hier nach der Systematik von Pfarrer Kneipp zusammengefasst sind, auch als die »5 Säulen der Naturheilkunde « bezeichnet werden, haben zwischenzeitlich überwiegende Anerkennung durch ihre Plausibilität und Traditionsstellung innerhalb der Kurortmedizin auch in der deutschen Hochschulmedizin gefunden. Die Verfahren können einzeln oder als komplexe Physiotherapie nach Kneipp durchgeführt werden.
Physikalische Medizin und Balneologie
Unter dem Oberbegriff »Physikalische Medizin und Balneologie« werden einige der klassischen Naturheilverfahren zusammengefasst, die bereits in die konventionelle Medizin integriert sind.