Leseprobe zu "Mein Leben bei al-Qaida (eBook)" von Omar Nasiri
DEUTSCHLAND (S. 474-475)
DAKAR
Ich traf Philippe auf dem Flughafen in Dakar. Alexandre hatte mir vor der Abreise aus London gesagt, Philippe sei der Chef. Er selbst wie auch Gilles seien ihm unterstellt. Aber auch wenn er mir das nicht gesagt hätte, wäre mir sofort klargeworden, dass ich es hier mit jemand Wichtigem zu tun hatte. Der Mann war im mittleren Alter, und sein Gesicht war in keiner Weise auffällig, aber ich sah Narben an seinen Händen und Armen. Echte Narben von richtigen Kämpfen. Ich war beeindruckt. Auf dem Weg zum Hotel fiel mir noch etwas anderes auf seine Stimme. Ich hatte sie schon einmal gehört, brauchte aber mehrere Minuten, um mich zu erinnern, wo das gewesen war.
Und dann dämmerte es mir: Philippe war der Mann, mit dem ich in der Nacht nach den Razzien von Brüssel gesprochen hatte, im Kommissariat an der französischen Grenze. Er hatte sich damals sehr höflich mit mir unterhalten und mich mit dem Vornamen angesprochen. Ich erinnerte mich daran, weil es das einzige Mal gewesen war, dass mich irgendein Geheimdienstmitarbeiter mit Namen angeredet hatte. Bei der Begegnung in Dakar lächelte Philippe nur, als ich ihn fragte, ob er der Mann gewesen sei, der mich in jener Nacht angerufen hatte.
Einige Monate später würde er diese Frage bejahen. Kurz nach meiner Ankunft in Dakar ordnete Bill Clinton als Vergeltung für die Anschläge auf die Botschaften in Ostafrika Luftangriffe auf den Sudan und Afghanistan an. Die Amerikaner nahmen Terroristen-Stützpunkte in der Nähe von Khost, nur ein paar Kilometer von Khaldan entfernt, und Jalalabad, nahe bei Derunta, ins Visier. Ich konnte nicht glauben, dass mich die DGSE nach diesen Ereignissen nach Afghanistan zurückschicken wollte, aber Philippe versicherte mir, mein Auftrag sei noch nicht erfüllt. Er meldete mich in einem Fitnesscenter an, wo ich einen persönlichen Betreuer zugewiesen erhielt und mich wieder in Form bringen sollte.
Und er sagte mir, ich solle diese Zeit genießen, während die DGSE ihre Pläne ausarbeitete. Er sagte, er sei ständig auf Reisen, werde aber mehrmals im Monat einen Zwischenstopp in Dakar einlegen, um sich mit mir zu treffen. Ich war in einem Luxushotel in Dakar untergebracht und erhielt Woche für Woche jeweils einen unerhörten Geldbetrag. Es waren Tausende von Dollar, mehr als ich jemals zuvor bekommen hatte. Zunächst verstand ich das nicht. Und es war mir auch ziemlich egal. Ich konzentrierte mich auf den bevorstehenden neuen Einsatz an vorderster Front. Aus vielerlei Gründen freute ich mich auf Afghanistan.
Nach fast zwei Jahren der Langeweile in England wirkte die intensive Tätigkeit, die mich in den Lagern erwartete, verlockend. Und ich freute mich darauf, Ibn Sheikh und die anderen nach so langer Zeit wiederzusehen. Meine Arbeit als Spion schien jetzt auch vordringlicher zu sein. Die Welt schenkte Afghanistan inzwischen Beachtung. Bin Laden hatte einige Monate zuvor seine Fatwa gegen die Vereinigten Staaten veröffentlicht, und jetzt, nach den Anschlägen auf die Botschaften, war die ganze Welt alarmiert. Jetzt endlich interessierte sich die Weltöffentlichkeit für das, was in den Ausbildungslagern vor sich ging.