Leseprobe zu "Mach endlich, was du willst! (eBook)"
Permanente Selbstbefragung: Wie unser Denken funktioniert (S. 84-85)
Zum Einstieg beginnen wir mit einem kleinen Selbsttest. Wann ist Ihnen das letzte Mal einer der folgenden Sätze durch den Kopf gegangen: »Warum muss so etwas eigentlich immer mir passieren? «, oder »Dafür kann ich nichts, weil …« oder auch »Kein Wunder, dass das (wieder) schiefgegangen ist, denn …«? Letzte Woche, gestern, oder vor zwei Minuten? Mit solchen Gedanken mobilisieren wir zielsicher fruchtlose Selbstzweifel und Rechtfertigungen, die uns nicht weiterbringen. Das Fatale ist, dass man sich an solche Denkwege gewöhnen kann. Und unsere Gedanken bestimmen nicht nur unsere Entscheidungen, sie beeinflussen auch unser Wohlbefinden, unsere Ausstrahlung, unser Auftreten und unsere Beziehungen. In einer »Warum-passiert-das-eigentlich-immer- mir?«-Stimmung sind Sie deshalb wahrscheinlich weder zu Hause noch im Büro ein besonders angenehmer Zeitgenosse, und ein wichtiges Verhandlungsgespräch vertagen Sie am besten auf die nächste Woche.
Wer etwas in seinem Leben verändern will, muss daher andere Gedanken denken. Das ist banal und schwierig zugleich, denn es verlangt womöglich, dass wir uns von jahrelang eingeschliffenen (Denk-)Gewohnheiten verabschieden, von Mechanismen, die uns häufig kaum mehr bewusst sind. »Man kann die Welt oder sich selbst ändern. Das Zweite ist schwieriger«, spottete schon Mark Twain. Um lieb gewonnene, aber wenig konstruktive Denkstrukturen umzuprogrammieren, ist es hilfreich, zu wissen, wie unser Denken überhaupt funktioniert. Lassen Sie den kleinen Test zu Beginn dieses Kapitels noch einmal kurz Revue passieren: Wie haben Sie Ihre Antwort gefunden? Sehr wahrscheinlich, indem Sie sich selbst mental eine Frage gestellt haben (etwa: »Wann war das noch?«) und dann in Ihrem Kopf nach der Lösung gesucht haben. Analytisches Denken lässt sich so als permanenter Eigendialog beschreiben. Zu wissen, was in unserem Kopf abläuft, und sich bewusst neue Fragen zu stellen, das ist das Geheimnis des »Gestalter-Googelns«, um das es in diesem Kapitel geht.
100 Milliarden Möglichkeiten
Unser Gehirn ist eine hochkomplexe und ungeheuer leistungsfähige Schaltzentrale: Wissenschaftler gehen von bis zu 100 Milliarden Nervenzellen aus, die über weit mehr Synapsen miteinander vernetzt sind. Jede Zelle ist mit bis zu 10 000 anderen verbunden, die Länge aller Nervenfasern beträgt fast 400 000 Kilometer – das entspricht der Entfernung von der Erde bis zum Mond. Aber was genau passiert im Gehirn beim Wahrnehmen, Erinnern oder Nachdenken? Vereinfacht gesagt: Ein entsprechender Impuls führt zur Aktivierung bestimmter Nervenzellen. Die Einordnung oder Interpretation solcher Impulse hängt davon ab, welche Wege der Impuls im neuronalen Netz nimmt – man könnte auch sagen, welches »Muster« im Gehirn aktiviert wird. Wenn Sie also einen bekannten Gegenstand, meinetwegen eine Kaffeetasse, sehen, wird eine entsprechende Vernetzung von Neuronen aktiviert und der Gegenstand (wieder-)erkannt.
Lernen entspricht auf neuronaler Ebene der Schaffung stabiler Verbindungen zwischen Nervenzellen. Neue Erfahrungen führen zu neuen Verknüpfungen im Gehirn. Vor allem während unserer ersten Lebensjahre nimmt die Vernetzung der Nervenzellen stetig zu, wie die Abbildung auf Seite 86 verdeutlicht.
Je häufiger synaptische Vernetzungen aktiviert werden, desto fester wird eine solche Verbindung der Nervenzellen. Eingeschliffene Routinen im Gehirn haben daher den großen Vorteil, unseren Denkapparat zu entlasten.