Leseprobe zu "Lilie und Purpur (eBook)" von Robert Merle
ZEHNTES KAPITEL (S. 276-277)
Weiß der Teufel, warum ich glaubte, es würde eine Woche dauern, bis ich wieder von Chalais hörte. Es dauerte genau einen Tag. Früh am nächsten Morgen klopfte es an meiner Zimmertür, und als sich die Stimme von Monsieur de Clérac meldete, erhob ich mich, zog den Riegel auf und öffnete. Clérac schob das Persönchen vor sich her. Mit Augen, die lüstern vor Neugier funkelten, und mit tief geheimnisvoller Miene sagte sie, da wünsche ein Edelmann mich zu sprechen, der seinen Namen nicht nennen wolle. Ich verlangte, daß sie ihn mir beschreibe. »Meiner Treu, Herr Graf, es ist ein schöner Mann! Zweimal so groß wie ich, mit schlohweißem Haar. Er sieht sehr vornehm aus.«
Mir blieb kein Zweifel, wer der Betreffende war, und ohne daß ich mir anmerken ließ, wie ich innerlich bebte, weil das Persönchen mit den scharfen Augen keinen Schritt von der Stelle wich, sagte ich zu Clérac auf okzitanisch (er war Gascogner, wie der Leser sich erinnern wird), er solle den Besucher bei der Begrüßung nicht mit seinem Titel anreden und ihn sofort zu mir führen. Worauf ich hinzusetzte, auch auf okzitanisch: »Beim Himmel und bei allen Heiligen, schafft mir diese klebrige Fliege vom Hals, daß sie nicht dauernd hier herumschwirrt! « Clérac machte keine langen Umstände.
Er klopfte dem Weib mit der Rechten auf die Hinterfront und fuhr sie an: »So, nun verschwinde, Teuerste, und wehe dir, wenn ich dich hier noch einmal erwische!« Das Madamchen entfleuchte wie ein gerupftes Federvieh, und Clérac folgte ihr, um mir den Besucher heraufzubringen. »Graf«, sagte der Kommandeur de Valençay, kaum daß er hereingetreten war, »lassen wir, wenn’s Euch recht ist, die Höflichkeiten! Die Zeit drängt. Der Kardinal ist aufs neue in größter Gefahr.«
Er schnaufte ein wenig, wahrscheinlich, weil er die Treppe zu schnell heraufgestiegen war. Sosehr er sich auch bemühte, sein Gesicht zu beherrschen, verrieten doch sein Wimpernschlag und sein überschleunigtes Sprechen, wie erregt er war. »Graf, uns bleibt wenig Zeit. Wie Ihr wißt, kommt der Kardinal jeden Nachmittag von Fleury en Bière nach Fontainebleau, um mit dem König die Angelegenheiten des Reiches zu besprechen.« »Ich weiß.«
»Und einige wollen ihm heute auf dieser Strecke auflauern, ihn gefangennehmen und vielleicht sogar töten.« »Donnerschlag! Das war zu erwarten!« rief ich. »Und ich weiß nicht, was mich an diesem neuen Attentat mehr frappiert, die Grausamkeit oder die Dummheit. Denn Ludwigs Rache, wenn man ihm seinen Minister umbrächte, wäre schrecklich. Ist die Nachricht ganz sicher?« »Ich habe sie von Ihr wißt schon wem.« »Warum ist er nicht selbst gekommen?«