Leseprobe zu "Kirschblüten im Wind (eBook)" von Susanne Wahl
Der Mann trug einen ausladenden Strohhut tief ins Gesicht gezogen. Sein schlichter Kimono, das einfache Bündel auf dem Rücken hätten auf einen Bauern schließen lassen, wenn nicht die elegante Selbstsicherheit, mit der er auf der Straße in Richtung Shimonoseki wanderte, eine andere Sprache gesprochen hätte. Kawaguchi Yorimoto umgab trotz der betont unauffälligen Erscheinung die Aura des hochgeborenen Samurai. Keiner der Entgegenkommenden hatte auch nur einen Moment gezögert, zur Seite zu treten und ihm den Respekt zu bezeugen, der einem Angehörigem seiner Klas se zu stand.
Yorimoto registrierte erleichtert, dass der rege Verkehr deutlich nachgelassen hatte, aber es waren immer noch zahlreiche Reisende unterwegs. Hauptsächlich bürgerliche Familien - vermutlich strebten sie zu den Kirschblütenfesten, die hier im milden Klima von Japans Süden mit Begeisterung gefeiert wurden. Seit es den wohlhabenderen Handwerker- und Kaufmannsfamilien gestattet war, zu diesem Anlass die ursprünglich dem Adel vorbehaltenen fürstlichen Gärten zu betreten, machten sie mit fast kindlicher Fröhlichkeit von diesem Privileg Gebrauch. Ihre unverfälschte Freude an der schneeweißen und rosafarbenen Blütenpracht unterschied sich in seinen Augen wohltuend von der Blasiertheit der Höflinge.
Er hatte diese Tage im Frühjahr immer geliebt. Vielleicht, weil sie so schnell vorüberflogen. Schon bald würden die kurzlebigen Blüten sich mit dem Wind über das Land verteilen, spurlos vertrocknen in der Hitze des Sommers, die sie ankündigten wie schmelzender Schnee.
Yorimoto erschauerte bei der Erinnerung an die Bilder, die sich daraufhin in seinem Kopf breitmachten. Als er vor anderthalb Monden Edo verlassen hatte, hatte noch Schnee gelegen. Zwar nicht so viel und nicht so blendend weiß wie in dem kleinen Ort an der nördlichen Grenze, in den ihn sein letzter Auftrag geführt hatte und in dem alle Konturen verwischten, als ob die normale Welt dort aufgehört hätte zu existieren. Aber auch der rußgraue und mit Urinspuren der unzähligen Straßenhunde versetzte Schnee war Schnee. Und er konnte den Anblick von Schnee nicht mehr ertragen.
Trotz der Bedenken der Hofärzte war er aufgebrochen. Er hatte darum gebeten, sich dem Haushalt seines Bruders Munetsune, des Gouverneurs von Nagasaki, anschließen zu dürfen, und es war ihm gestattet worden. Die Reisesänfte und den Begleittrupp der kaiserlichen Wache, die ihm als letzte Gunst angeboten worden waren, hatte er so höflich wie entschieden abgelehnt. Wenn es seine Bestimmung war, auf dieser Reise zu sterben, dann würde es geschehen. Als Samurai hätte er die Möglichkeit gehabt, den Tod zu suchen. Doch da es sein Wunsch war zu sterben, wäre ein solcher Tod nicht verdienstvoll, und so zwang er sich, seinen Körper mit Nahrung und Schlaf bei Kräften zu halten. Die Herbergen, die in bequemen Tagesetappen zu erreichen waren, hatte er gemieden. Die laute Geschäftigkeit, die aufdringliche Fürsorglichkeit der Wirte waren ihm unerträglich erschienen. Stattdessen hatte er in Klöstern Zuflucht gesucht.
In dem Konvent, den er heute im Morgengrauen verlassen hatte, hatte der Abt einen Gedanken geäußert, der ihn nicht mehr losließ. Der alte Mann mit dem sanften Lächeln hatte sich nicht damit begnügt, mit ihm für die Seelen seiner Opfer zu beten.
'Erzählt mir alles ganz genau', hatte er gesagt, 'und lasst nichts aus. Ich habe Zeit. Einen Tag, zwei Tage, so viel Ihr benötigt.'
Und Kawaguchi Yorimoto, der langjährige Todesbote des Shoguns, hatte dankbar, fast demütig gehorcht. Hatte vor dem ehrwürdigen Abt nichts beschönigt und ihm nichts verschwiegen. Auch nicht seinen unbändigen Stolz, als er aus so vielen Anwärtern für das Amt des Kaishakunin erwählt wurde. Das Amt war eine hohe Ehre. Nur der beste Schwertkämpfer durfte im Namen der Tokugawa-Shogune den endgültigen Todesstreich führen, der einen zum Seppuku verurteilten Samurai von seinen Qualen erlöste.
Nach den ersten Jahren war der anfängliche Stolz dem Widerwillen vor sich selbst gewichen. Nicht sofort, eher schleichend. Die Todesurteile waren alle vom höchsten Rat unterschrieben und besiegelt gewesen und dennoch waren ihm Zweifel gekommen: Sie betrafen den alten Mann, dessen einziges Vergehen es gewesen war, dem Landhunger eines Hofschranzen im Wege zu stehen; den Samurai, der sich geweigert hatte, seine Bauern dem Hungertod auszuliefern, und deswegen seine Reissteuer nicht hatte bezahlen können; den Sohn des Clanführers, der den Geliebten des Shoguns verächtlich behandelt hatte.
Mit den Jahren hatte er das Zeremonialgewand mit dem Malvenwappen hassen gelernt. Aber es gab keine ehrenvolle Möglichkeit, das Amt niederzulegen, wenn der Shogun ihn nicht von sich aus entließ. Er konnte sich seiner Pflicht nicht entziehen - die Karriere seines jüngeren Bruders Munetsune wäre sonst gefährdet gewesen. Der ehrgeizige Statthalter hatte die Tochter des Präfekten von Kyoto geheiratet, deren Familie bei Hof über großes Ansehen verfügte. Seine Kinder würden den Namen Kawaguchi fortführen.
Er selber hatte sich entschieden, auf Ehefrau und Kinder zu verzichten. Die Seelen derer, für deren Tod er verantwortlich war, wären eine zu große Belastung für ein normales Leben gewesen. Welcher Frau war es schon zuzumuten, tagtäglich mit dem Tod konfrontiert zu werden?
Ironischerweise war es der Geist einer Frau gewesen, der ihm die Freiheit geschenkt hatte.
Die kleine Burg im Norden von Edo hatte sich in nichts von den unzähligen Lehen unterschieden, die er im Laufe seines Lebens betreten hatte. Er war durch keine Vorahnung gewarnt worden. Wie immer hatte er unbeweglich hinter dem in fleckenloses Weiß gekleideten Todgeweihten gestanden und reglos darauf gewartet, dass er sich den Dolch in seinen Leib stieß. Inzwischen war er gut darin, seinen Geist abzuschotten, in einen schwarzen Kasten in seinem Inneren einzuschließen. Sein Körper funktionierte mit tödlicher Präzision. Aber diesmal hatte etwas den schwarzen Kasten zersprengt: Als der kopflose Rumpf zur Seite fiel, war der Kimono verrutscht. Es war kein Zweifel möglich, er hatte soeben eine Frau geköpft!
Nachforschungen brachten die auch für die Zentralregierung peinlichen Hintergründe ans Licht. In dem Lehen hatte man die einzige Tochter als Sohn aufgezogen, und sie war ihrer Rolle so gut gerecht geworden, dass niemand Verdacht geschöpft hatte. Selbst im Tod war sie ihr treu geblieben.
Für ihn war es ein Wendepunkt gewesen. Schon auf der Rückreise hatte ihn ein schweres Nervenfieber gepackt. Obwohl die Hofärzte in Edo die besten und teuersten Geisterbeschwörer hatten kommen lassen, schwebte er zwei Wochen lang zwischen Leben und Tod.