Leseprobe zu "Humboldts Innovationen (eBook)" von Daniel Klink
Tanz zwischen den Stühlen Jürgen Kuttner (geb. 1958) (S. 171-172)
von Sebastian Kempkens
Harald Schmidt verschlägt es die Sprache. Mit großen Augen schaut er seinen Gast an, rückt seine Brille mit den runden Gläsern zurecht – und schweigt. Die Pausen zwischen den Sätzen seines Gegenübers sind zu kurz für ihn, die Worte kommen zu schnell. Irgendwann kapituliert der Talkmaster, lässt sich lächelnd berieseln von den Anekdoten und Witzeleien. Es ist 2002, Harald Schmidt sendet noch vom Privatsender Sat 1. Die Quelle der Quasselei in seiner Sendung heißt an diesem Abend Jürgen Kuttner, Radiomoderator aus Berlin. Kuttner berlinert, redet schnell, denn er hat etwas zu erzählen und eigentlich beginnt jede Geschichte in seinem Leben mit seinem schnellen Mundwerk. Deutschland nach der Wende, ein Land im Umbruch.
Der Deutsche Fernsehfunk, die Rundfunkanstalt der DDR, stellt am 1. Januar 1992 den Betrieb ein, neue Anstalten übernehmen das frei gewordene Sendegebiet. Der Mitteldeutsche Rundfunk entsteht, Mecklenburg-Vorpommern schließt sich dem Norddeutschen Rundfunk an. In Brandenburg wird derweil der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) gegründet, gemeinsam mit dem Jugendsender Rockradio B, der später zum heutigen Radio Fritz wird und bei seiner Gründung für viel Diskussion sorgt. Verbunden mit dem Aufbau von Rockradio B ist die langsame Auflösung des DDR-Jugendradios DT64.
Laut dem nach der Wende beschlossenen Rundfunküberleitungsgesetz müssen DDR-Programme entweder in öffentlich-rechtliche Einrichtungen überführt oder abgewickelt werden. Da sich der ORB nicht dazu entschließt, DT64 zu übernehmen und stattdessen Rockradio B gründet, löst sich der Kultsender auf. Zwar werden viele Redakteure und Musikjournalisten übernommen und einige DT64-Sendungen weitergeführt. Dennoch zeigt sich die Bedeutung des Senders für die Jugendkultur der DDR: Ende 1991 gehen in Dresden etwa 10.000 Menschen für den Erhalt von DT64 auf die Straße und bewirken doch nichts – in Brandenburg wird DT64 abgelöst von Rockradio B. Einer der wenigen Wortjournalisten des neuen Senders heißt Jürgen Kuttner und ist ein Berliner Urgestein.
Seine Mutter ist erst 16, als er auf die Welt kommt und so wächst er die ersten sechs Jahre bei seiner Großmutter im Bezirk Mitte auf. Dann zieht er um nach Friedrichsfelde in ein einfaches Elternhaus und macht sein Abitur auf einer mathematisch erweiterten Oberschule in Friedrichshain. Nachdem er zunächst Physiker werden wollte, entschließt er sich zu einem Studium der Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität und kehrt damit nach Berlin-Mitte zurück. 1987 promoviert der damals schon zweifache Vater über „Begriff und Problem der Masse in der ideologischen Auseinandersetzung auf kulturellem Gebiet“.