Leseprobe zu "Die Vertraute des Königs (eBook)" von Emma Campion
IV-1 (S. 453-454)
»Wenn alle Schlüssel am Gürtel einer einzigen Frau hängen, dann ist das weder geziemend noch ungefährlich.« Bischof Thomas Brinton über Alice Perrers in einer Predigt vom 18. Mai 1376 in Westminster Abbey
Nackt und verstört. Ich hatte mich selbst verloren. Ich drehte mich weiter im Tanz, drehte mich und drehte mich, nahm, vom Schwindel gepackt, nur Erinnerungsbruchstücke wahr, und nirgends war Edwards Hand, um mich aus diesem Wirbel herauszuziehen. Der Tod hatte unserem gemeinsamen Tanz ein Ende bereitet.
Edward, mein geliebter Edward, war fort, und mit ihm mein Leben, meine Bestimmung. Gestorben war mit ihm der nie öffentlich gewordene Ursprung meiner Rolle am Hofe. Die Königinwitwe Isabella, Dame Tommasa, Janyn, Queen Philippa und King Edward – sie alle waren nun verstummt. Nicht einmal Edwards Söhne oder Princess Joan kannten die vollständige Geschichte. Wie sollten sie auch? Stimmen umschwirrten mich, aber nirgends die Stimme, nach der ich mich sehnte – die Stimme Edwards, meines Liebsten, der nach mir ruft, mich an seine Seite führt.
Die Stimmen beschuldigten mich, drohten mir, verdammten mich. Ich konnte nichts sagen, denn ich war eine Sünderin, obwohl meine Sünden keineswegs die waren, deren sie mich bezichtigten. Wie sollte ich nur meinen Weg zur Absolution … zu meinem Seelenheil finden? Atemlos, von Gram und Reue überwältigt, drehte und drehte ich mich. An welchem Punkt war ich vom Pfad der Tugendhaftigkeit abgekommen? Wann war mir der Fehltritt unterlaufen? Wann hatte ich je die Wahl, anders zu sein, als ich war?
Eine Hand wurde ausgestreckt. Robert winkte mich heran. Ich erkannte seine Stimme, die so weit entfernt schien, mehr aus Erinnerung als an ihrem Klang. Es fiel mir wieder ein. Meine Töchter brauchten mich. Joan und Jane waren viel zu jung, um ohne ihre Mutter aufzuwachsen. Auch meine wundervolle Bella durfte ich nicht im Stich lassen. Und John. In seiner Trauer über den Vater würde mein Sohn womöglich meinen Trost nötig haben. Ich reckte mich nach Roberts Hand, wirbelte auf ihn zu und wieder fort, auf ihn zu und fort.
Endlich ließen die Übelkeit erregenden Drehungen nach, ich spürte warme Finger, die sich um mein Handgelenk schlossen, und plötzlich wurde ich ruhig. Ich war Alice, saß in einer Barke, meine Hand in Roberts Hand, so warm und lebendig. Ich sah das vorüberziehende Ufer. Gwen saß ganz in der Nähe. »Ich muss meine Töchter sehen. Sind Joan und Jane in Gaynes?« Meine eigene Stimme schreckte mich auf. In seinen Augen konnte ich sehen, dass Robert meine Abwesenheit bemerkt hatte. »Ja. Joan und Jane erwarten Euch dort bereits in sicherer Obhut ihrer Tante. Aber möchtet Ihr nicht eine Zwischenrast in Barking Abbey einlegen, bevor Ihr Euch mit ihnen trefft? Ich dachte, die Gesellschaft von Bella würde Euch jetzt vielleicht wohltun.«
Beim Gedanken an meine Älteste ging mir das Herz auf. »Bella! Oh, ja, Robert. Sie würde ich gerne noch vorher treffen.« Dass er so trefflich wusste, was mir in diesem Moment den größten Trost spenden würde, erleichterte mir eine andere Entscheidung. Ich zog Edwards Siegelring aus meinem Beutel. »Dies möchte ich Euch anvertrauen«, sagte ich und schloss seine Hand darüber. Er wusste, worum es sich handelte, als er die Gemme sah. »Seid Ihr gewiss?« »Das bin ich. Ich möchte, dass Ihr ihn für meinen Sohn John aufbewahrt. Sobald er alt genug dafür ist, werde ich Euch um Rückgabe bitten.«