Leseprobe zu "Die Patin (eBook)" von Kerstin Gier
"8. (S. 276-277)
Ich schickte Anton eine SMS nach London. »Ronnie ist in Mexiko – vermisse dich.« Anton schrieb zurück: »Ronnie weiß schon, was er tut. Wie geht es Mimi?« »Sie will das Maya-Gold für sich. Vermisse dich«, schrieb ich. Anton simste: »Worauf wartet Mimi noch? Condor fliegt täglichvon Düsseldorf nach Cancún.«
»Sie packt schon die Koffer«, schrieb ich zurück. »VERMISSE DICH!« Antons Antwort kam umgehend: »Komme Freitag zurück. Um 20 Uhr bei dir? Sieh zu, dass alle deine Untermieter die Nacht woanders verbringen.« Ich war entzückt. Hätte ich stutzig werden müssen, weil er nichts davon schrieb, dass er mich auch vermisste?
Verliebte haben immer so eine eindimensionale Sicht der Dinge. Und alle Verliebten sind ein bisschen verrückt, wenn auch jeder auf seine ganz spezielle Weise. Anne zum Beispiel war immer noch zwischen ihrer Liebe zu Jo und ihren Verpflichtungen Hansjürgen gegenüber hin und her gerissen. Sie hatte eine Heidenangst, Hansjürgen könne schnallen, dass sie genauso untreu war wie er, und sie und die Kinder aus dem Haus werfen. Wenn sie bei mir war – und das war sie ziemlich oft –, redete sie ohne Punkt und Komma. »Noch hat er, glaube ich, nichts gemerkt«, sagte sie.
»Obwohl es mir unendlich schwer fällt, mich normal zu benehmen. Gestern kam ein Brief von einer Anwaltskanzlei, und ich dachte schon, Hansjürgen hätte die Scheidung eingereicht. Ich bin leichenblass geworden! Aber es war nur Post vom Anwalt meines Vaters. Er hat offensichtlich ein Testament hinterlassen.«
Sie seufzte schwer. »Heute Nachmittag habe ich einen Termin bei dem Anwalt. Hansjürgen meint, ich soll aufpassen, möglicherweise hat mein Vater ja in seinen letzten Krankheitsjahren irgendeinen Unsinn angestellt und Schulden hinterlassen. Aber das wüsste ich doch, oder? Ich hatte die Vollmacht über sein Giro, und seine Rente hat ziemlich genau für die Heimkosten ausgereicht, und sonst hatte er ja keinerlei Ausgaben mehr."