Leseprobe zu "Die Berliner Altersstudie (eBook)"
B. Disziplinspezifische Befunde (S.151)
6. Morbidität, Medikation und Funktionalität im Alter
Elisabeth Steinhagen-Thiessen &, Markus Borchelt
Zusammenfassung
Dieses Kapitel gibt einen Überblick über Methoden, zentrale Fragestellungen und grundlegende Ergebnisse der Forschungseinheit Innere Medizin und Geriatrie der Berliner Altersstudie. Es fokussiert auf (a) körperliche Erkrankungen, (b) medikamentöse Behandlungen, (c) potentiell unerwünschte Arzneimittelwirkungen und (d) auf sensorische und sensomotorische Behinderungen sowie Hilfsbedürftigkeit in Alltagsaktivitäten. Zu jedem Bereich werden Funktionsprofile aus verschiedenen Perspektiven dargestellt. Besondere Schwerpunkte liegen auf der Ermittlung potentieller Determinanten von Krankheit im Alter – am Beispiel des kardiovaskulären Risikoprofils – und auf der Analyse qualitativer Aspekte der medikamentösen Behandlung (Über-, Unter- und Fehlmedikationen). Abschließend wird versucht, anhand eines theoretischen Modells zur Entwicklung von körperlicher Behinderung im Alter die einzelnen Bereiche unter einer integrativen (systemischen) Perspektive von Gesundheit im Alter zu betrachten, in deren Mittelpunkt die funktionelle Kapazität steht. Die Ergebnisse zeigen einerseits ein hohes Maß an Morbidität in der Altenpopulation, andererseits weisen sie auf zahlreiche modifizierbare Risikofaktoren für Krankheit und Behinderung im Alter hin, die wesentliche Perspektiven für die Prävention und Therapie von Krankheit und Behinderung im hohen und höchsten Alter eröffnen.
1. Einleitung
Der Alternsprozeß selbst geht mit vielfältigen Veränderungen der Morphologie und Physiologie von Organen und Organsystemen einher (Rowe, Andres, Tobin, Norris &, Shock, 1976, Shock et al., 1984, Svanborg, 1985). Im Mittel sind bei diagnostischen Untersuchungen z. B. der Nieren- oder Lungenfunktion älterer Patienten signifikante Funktionseinbußen zu erwarten, auch wenn es viele Personen gibt, deren Werte trotz eines fortgeschrittenen Alters innerhalb der Normgrenzen wesentlich jüngerer Personen liegen. Diese Variabilität erschwert im Alter die Unterscheidung zwischen „normal" und „pathologisch" (Gerok &, Brandtstädter, 1992, Rowe &, Kahn, 1987). Es steht dennoch außer Zweifel, daß mit zunehmendem Alter – unabhängig voneinander oder sich wechselseitig bedingend – vermehrt chronische Erkrankungen entstehen und akkumulieren. Daraus entwickelt sich die für ältere Menschen bisweilen als „charakteristisch" bezeichnete Multimorbidität oder Polypathie (Gsell, 1973). Bei Untersuchungen von 100jährigen wurden beispielsweise nur selten weniger als zehn nebeneinander bestehende, krankhafte Organveränderungen nachgewiesen (Franke, 1973). Es gibt jedoch viele Hinweise, daß Morbidität nicht durch das Alter an sich, sondern vor allem auch durch modifizierbare Risikofaktoren wie Fettstoffwechselstörungen (Sorkin, Andres, Müller, Baldwin &, Fleg, 1992, Zimetbaum et al., 1992) begünstigt wird. Hier spielen möglicherweise auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen eine nicht zu unterschätzende Rolle (Grymonpre, Mitenko, Sitar, Aoki &, Montgomery, 1988, Williamson &, Chopin, 1980). Die altersassoziiert zunehmende Morbidität wird begleitet von einer häufigeren Anwendung von Arzneimitteln (Chrischilles et al., 1992, Gilchrist, Lee, Tam, MacDonald &, Williams, 1987). Multimedikation bei bestehender Multimorbidität stellt dabei schon aufgrund der zahlreichen potentiellen Wechsel- und Nebenwirkungen von Medikamenten einen besonderen Problembereich geriatrischer Medizin dar (Vestal, 1985). Die Entwicklung von Kriterien zur Beurteilung qualitativer Aspekte der medikamentösen Therapie im Alter wird deshalb seit einigen Jahren zunehmend zum Gegenstand systematischer Forschung (Beers et al., 1991, Stuck et al., 1994). Medikationsqualität ist dabei immer in Zusammenhang mit der Behandlungsintention zu sehen, die im Alter oft nicht auf Heilung, sondern auf funktionelle Kompensation mit Aufrechterhaltung der Selbständigkeit ausgerichtet ist (Meyer &, Reidenberg, 1992).