Leseprobe zu "Der Zorn Gottes (eBook)" von Heribert Prantl
Die Wahrheit der Weihnachtslüge
In den Kinos läuft mit großem Erfolg ein Weihnachtsfilm. Das Christkind kommt in diesem Film nicht vor, es gibt keinen Stall, kein Bethlehem, keine himmlischen Heerscharen. Der Film hat aber eine frohe Botschaft. Sein Titel behauptet nämlich: „Das Leben ist schön“.
Diese Behauptung ist ungeheuerlich, denn der Film spielt in der Hölle – in einem Vernichtungslager. Er handelt von einer jüdischitalienischen Familie, die am Ende des Zweiten Weltkriegs in ein KZ deportiert wird. Der Vater spielt, um seinen kleinen Sohn zu schützen, um ihm das KZ-Leben erträglich zu machen, den Kasper.
Er erfindet eine irrwitzige Lügengeschichte, um das Kindsein seines Kindes zu verteidigen: Er tut so, als seien all die Schrecknisse des Lagers Bestandteile eines großen Gesellschaftsspiels, bei dem man möglichst viele Punkte sammeln muss, um so den großen Preis, einen echten Panzer, zu gewinnen. Das Gebrüll der KZ-Wärter, das Verschwinden der Alten und der Kinder – jede Grausamkeit verwandelt der Vater mit panischer Heiterkeit in Stationen dieses Spiels. Selbst zu seiner Hinrichtung hampelt der Papa als feixender Pinocchio, um den Glauben des Buben an das Spiel zu erhalten. Am Ende sieht das Kind den versprochenen Gewinn: Ein Panzer fährt durchs Lagertor, die Amerikaner befreien das KZ.
Die Filmkritiker haben dieses Geschehen beredt interpretiert: Der Film erzähle von der Kraft der barmherzigen Lüge. Die Lüge, so haben sie gemeint, sei im Film ein Akt der Liebe, weil diese Lüge die Hoffnung am Leben erhalte. Eine Lüge, die Hoffnung macht – was daran soll weihnachtlich sein? Bekanntlich verspricht die Weihnachtsbotschaft „Friede den Menschen auf Erden“. Ist es weihnachtlich, wenn dabei ein furchtbarer Verdacht aufkeimt: Kann es sein, dass auch dieses Versprechen Lüge ist – eine Lüge, um die Hoffnung am Leben zu erhalten? Eine Lüge, um die Menschen etwas glauben zu machen, was nicht stimmt, nie eintritt? Wo ist denn der Friede zweitausend Jahre nach seiner Verheißung? Seine Absenz wurde doch eben wieder, zum 50. Jahrestag der Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, tausendfach beklagt.
Lasst uns fressen und saufen
Realität ist aber nicht eine friedliche Weltordnung, die Realität sieht eher so aus wie im genannten Film. „Das Leben ist schön“ – das ist unschwer als Lüge wider den Augenschein zu entlarven. Ist das Leben denn schön für die Kinder, denen im Irak die amerikanischen Bomben um die Ohren fliegen? Für die Frauen in Kabul, die der fanatischen Willkür der Taliban ausgesetzt sind? Für die Gefolterten in der Türkei? Für die Gesteinigten im Sudan? Für die auswandernden Arbeiter Nordafrikas, deren Odyssee vor der spanischen Küste in den Tiefen des Mittelmeers endet? Man muss auch gar nicht so weit ausgreifen. Wie schön ist denn das Leben für Millionen von Menschen in Europa, denen per Einschreiben mitgeteilt wird, dass sie nicht mehr rentabel, also überflüssig sind: „Sehen wir uns gezwungen, auf ihre Dienste zu verzichten.“ Wo ist die Schönheit in der so attestierten Nutzlosigkeit? Wo also soll der versprochene Friede sei, wenn die Menschen Angst haben müssen, wenn sich diese Angst in Hass gegen Ausländer verwandelt, in Hass gegen die Underdogs, die ihre Arbeitskraft zu Verzweiflungspreisen anbieten?