Leseprobe zu "Der Tag bricht an (eBook)" von Robert Merle
ACHTES KAPITEL (S. 275-276)
Bei den auf das Attentat Jean Chatels folgenden Ereignissen übersprang ich ein scheinbar belangloses, das der Leser mir hier nachzuholen gestatte, weil es nicht ohne Bedeutung und Folgen für die neue Mission war, die der König mir im Januar übertrug. Als Pierre de Lugoli mit dem entscheidenden Fund aus dem Collège de Clermont davoneilte und mich, der ich ja keine Amtsbefugnis hatte, zu meiner nicht geringen Verlegenheit mit seinen Sergeanten allein ließ, konnte ich nur zusehen, wie diese ihre Durchsuchung mit unvermindertem Eifer fortsetzten.
Bald nun entdeckten sie ein Personenarchiv der Jesuiten, wußten jedoch nicht, ob die Papierstapel für den Prozeß von Nutzen wären, weil die Vöglein in diesem Nest lateinisch zwitscherten. Neugierig, was in diesen Akten wohl über mich stehen mochte, sagte ich, das würde ich feststellen, und schloß mich damit in einer Zelle ein. Dank der strengen, militärischen Ordnung, welche die Jesuiten von ihrem Gründer Ignatius von Loyola ererbt hatten, fand ich mühelos die Rubrik mit dem Buchstaben S. Unter meinem Namen stand zunächst ein Bericht des Jesuiten Samarcas – der in der unglücklichen Existenz meiner Schwägerin Larissa bekanntlich eine große Rolle spielte. In boshaften Worten hatte er mich als bekehrten Hugenotten, dessen Bekehrung aber nicht zu trauen sei, und als ausschweifenden Weiberhelden charakterisiert.
Über meine Tätigkeit am Hof Heinrichs III. wußte er jedoch nicht viel zu vermelden, weil er damals nach England ging, wo er zum Lohn für seine Intrigen gegen Königin Elisabeth ein schmähliches Ende erlitt. Hierauf folgten wenig ergiebige und nicht mit Namen gezeichnete Eintragungen, die mich als Leibarzt des Nero Sardanapal bezeichneten, der wahrscheinlich, ebenso wie der Leibarzt Miron, der königlichen Geheimdiplomatie diene. Was mich indes erschreckte, war ein L.V. gezeichneter Bericht.
Zu meiner Verblüffung erkannte ich die energische und gestochene Handschrift der Mademoiselle de La Vasselière, die mich einen Spion im Dienste der »englischen Wölfin« nannte – was falsch war –, der einen gewissen Mundane gerettet, geheilt und seinem Schutz unterstellt habe – was zutraf – und den besagte Wölfin mit der »unheilvollen Gesandtschaft des Herzogs von Epernon« ins Béarnais zu Henri de Navarra geschickt habe. L.V. bezeichnete diese Gesandtschaft als »unheilvoll«, weil sie, weit vor dem berühmten Treffen zu Plessis-les-Tours, das Bündnis zwischen dem letzten Valois und dem ersten Bourbonen einleitete.