Leseprobe zu "Der Herr der Drachen / Saranthium Bd.1 (eBook)"
15 (S. 128-129)
Shaan starrte die junge Frau an. Ihr blondes Haar war zerzaust und ihre teure Kleidung in Mitleidenschaft gezogen, aber Shaan war sich sicher, dass es sich um Nilah handelte. »Wir haben ihn getötet«, flüsterte Nilah und starrte auf den Mann zu ihren Füßen. Dann verdrehte sie die Augen, sodass das Weiße zu sehen war, und brach über ihm zusammen. Shaan betrachtete sie einen Moment lang, rappelte sich dann auf, packte die andere Frau an den Schultern und rollte sie herunter. Ihre Muskeln brannten unter ihrem bewegungslosen Gewicht.
Flatternd öffnete Nilah die Augen. »Was …« Sie konzentrierte sich auf Shaan, dann verzog sich ihr Gesicht vor Schmerz, sie umklammerte ihre Brust und holte keuchend Luft. »Was ist denn?« Shaan schob ihre Hand weg und betastete vorsichtig die Rippen. Sie konnte keine weichen Stellen erfühlen, die gebrochene Knochen verraten hätten. »Ich glaube, du hast dir nur ein paar blaue Flecke zugezogen.« Ein langer, blutiger Kratzer erstreckte sich quer über Nilahs Gesicht, von ihrem Wangenknochen bis zum Kinn, und rings um ihren Hals leuchteten schmerzhaft aussehende Blutergüsse. »Alles in Ordnung?« Nilah nickte, zuckte zusammen und stand langsam auf. Shaan schob ihr eine Hand unter den Ellbogen. »Ist dir schwindlig?«
Nilah nickte vorsichtig, dann wurde sie ganz steif, und Shaan sah, dass sie auf den Mann starrte. »Ist er tot?« »Nein.« »Danke«, flüsterte sie. Shaan zuckte mit den Schultern. »Ich bin einfach nur vorbeigekommen. « Sie schaute hoch zum Himmel. Es wurde bereits dunkel. »Ich muss leider aufbrechen. Findest du von hier aus nach Hause?« Die Muskeln in ihrem Rücken schmerzten heftig, und ihr Gesicht brannte dort, wo der Mann sie geschlagen hatte. »Wie bitte?« Nilah sah sie wie durch einen Schleier an. Plötzlich ertönte lautes Gelächter auf der Großen Allee, und Shaan sah zur Einmündung der Gasse, dann zurück zu Nilah.
Diese konnte den Blick noch immer nicht vom Boden abwenden und hielt sich an Shaan fest. »Nilah.« Sie schüttelte ihren Arm. »Was?« Mühsam blinzelte sie mit verschwommenem Blick. Na, großartig. Das Mädchen war kaum bei Bewusstsein, und sie konnte sie hier nicht zurücklassen. Verflucht! Shaan holte tief Luft und beugte sich vor, um ihren Speer aufzuheben.
»Komm schon.« Sie zog Nilah mit sich, als sie zum Eingang der Gasse lief, um ihren Schnürbeutel zu holen und zu schauen, ob die Luft rein war. Der dicke Mann, der vor dem Gasthaus einen Kampf gesucht hatte, war verschwunden, aber noch immer waren Leute unterwegs. Sie drehte sich um. Nilahs Gesicht war sehr blass, und ihr Atem ging flach. Ihre Augen huschten ruhelos hin und her. »Nilah!« Shaan ergriff ihre Hand. »Sieh mich an.« Ihr Blick wanderte zu Shaan, und mit einem Ruck schien sie wieder klar zu sehen.