Leseprobe zu "Der heilende Tod (eBook)" von Anya Foos-Graber
Das bewußte Sterben der Selma Rieseseg (S. 91-92)
Es war noch immer das Wochenende des 6. Januar, Selma lag da und lauschte den Geräuschen des Meeres. Draußen vor dem Fenster regte sich der Morgen. Die Stille des Winters und der Nacht wurde durch ein leises Zwitschern gebrochen. Zuerst antwortete nur ein Vogel, dann ein zweiter, bis aus dem zögernden Austausch ein lauter Gesang geworden war, der das salzige Marschland belebte. Selma lag von Müdigkeit und Glück mitgenommen still da. Sie schwor sich, daß sie sich immer an die große Freude erinnern würde, die ihr die Erkenntnis des universellen Lebensplans und ihr Teilhaben daran als ihr Geburtsrecht offenbart hatte. Die Freude wich einem Verlustgefühl und der Sehnsucht, diese Freiheit zurückzuerlangen, als sie sich gefangen in dem Körper auf dem Bett in ihre Bettdecke kuschelte. Denn jetzt wollte sie erst einmal ausruhen und diese ungeheure Erfahrung auf sich wirken lassen. Selma lächelte, als sie am 7. Januar bei Sonnenaufgang sanft in den Schlaf glitt.
Kurz vor Mittag desselben Tages wachte Selma einmal auf. Sie war völlig erfrischt, nur etwas traurig, da sie geträumt hatte, wie es Tom Breacher nicht ganz gelungen war, etwas zu ergreifen, das sie ihm hatte geben wollen. Sie wußte, daß er es zum Schluß doch finden würde, aber ihr Weg war leichter. Während sie einem inneren Rhythmus folgend immer wieder einschlief und aufwachte, fielen ihr andere Details des Traums ein. Es ging darum, daß sie mit ihrem Leben - und mit ihrem Tod - noch etwas Bestimmtes tun mußte. Sie sah viele Leute mit ausgestreckten Händen; die Uhr stand auf elf.
Sie sah, wie sie ihnen, noch bevor es zwölf schlug, etwas in die Hand gab. Dann war es nicht mehr ihre Hand, die etwas austeilte, sondern die eines unbekannten, liebevollen, übermächtigen Wesens. Das Gesicht und die Gestalt dieses bekannten und doch unbekannten Wesens, das sie so tief liebte, war ihr letzter Gedanke, bevor sie wieder in Schlaf fiel. Selma wachte kurz auf, um zur Toilette zu gehen, und machte sich dann eine Tasse heiße Milch. Sie trank sie langsam, während sie stehend aus dem Fenster sah, die Ereignisse überdachte und der Traum verblaßte. Es war schon Nacht, der Sturm hatte sich gelegt, und der Mond schien klar auf die das Meer einrahmenden Felder unter einer neuen Schneedecke, Es war fast so hell wie am Tag, aber eine Schattenversion davon, eine Art Hades, so kam es ihr vor, in dem der Schnee in verschiedenen Blaugrautönen glitzerte.
Weiß verschneite Felder gingen in den Strand über, wo Dünen aus Eiskristallen das dunkle, offene Meer begrenzten. Rhythmisch zog der Strahl des Leuchtturms seine Bahn, so daß man sicher sein konnte, daß alles so war, wie es um diese nächtliche Zeit sein sollte. Resolut schob Selma alles Mysteriöse beiseite und schlief diesmal durch bis zum Morgen des 8. Januar. Das Licht wirft Schatten Als sie aufwachte, fühlte sie sich wunderbar; das war eine willkommene Abwechslung, nachdem sie sich monatelang eigentlich nur noch herumgeschleppt hatte. Sie schloß die Augen, und sofort kamen ihr die Ereignisse seit dem Telefongespräch mit Dr. Tuchman in allen Einzelheiten wieder in den Sinn. Es gab soviel zu erklären, aber dennoch war sie von einem Gefühl des Wohlwollens gegenüber allem Leben erfüllt. Als sie ihre Füße aus dem Bett schwang, fragte sie sich, wo das Spartanische an ihr, das Opfer und Disziplin verlangte, geblieben war. Mit einem Lachen entschied sich Selma, ab jetzt ein erfüllteres Leben, ganz gleich wie lange es dauern würde, zu führen. Sie war so fröhlich, daß sie die Pflanzen im Haus begrüßte. Selbst das fremde Etwas, das sie in der letzten Zeit in ihrem Körper gespürt hatte, trat vor diesem Nachlassen der Spannung, das das Licht bewirkte, etwas in den Hintergrund.