Leseprobe zu "Der Fürst (eBook)" von Niccolò Machiavelli
3. Von den gemischten Fürstentümern (S. 24)
Im neuen Fürstentum allerdings gibt es Schwierigkeiten. Und besonders, wenn es nicht gänzlich neu ist, sondern Mitglied einer Gesamtheit, die man quasi gemischt nennen kann. Die Veränderungen und Instabilitäten entstehen hauptsächlich aus einer natürlichen Problematik heraus, die allen neuen Fürstentümern gemeinsam ist: Die Menschen wechseln, in der Hoffnung für sich selbst Besserung zu schaffen, bereitwillig ihre Herrscher.
Diese Hoffnung bringt sie dazu, gegen den, der herrscht, die Waffen zu ergreifen. Aber sie täuschen sich, denn danach lehrt sie die Erfahrung, dass sie nun schlechter dran sind als zuvor. Das wiederum hängt mit einer anderen natürlichen und gewöhnlichen Notwendigkeit zusammen, die jenen, welche sich einem neuen Fürsten unterworfen haben, Schaden zufügen muss: dem Kriegsvolk und den unendlichen anderen Ungerechtigkeiten, die der Neuerwerb mit sich bringt.
So hast du nun Feinde in all jenen, die du verletzt hast, indem du die Herrschaft ergriffen hast, und bist nicht in der Lage dazu, die Freunde, die dich dort hingebracht haben, zu halten, weil du sie nicht in der Weise zufriedenstellen kannst, wie sie es erwarten. Und mäßigende Gewalt kannst du auch nicht gegen sie einsetzen, weil du ihnen verpflichtet bist.
Deshalb bedarf man, mag man auch stark an bewaffneten Truppen sein, dennoch stets, wenn man in eine Provinz eindringt, des Wohlwollens der Einheimischen. Aus solchen Gründen okkupierte Ludwig XII., König von Frankreich, Mailand schnell und verlor es auch schnell. Und um ihn hinauszuwerfen, bedurfte es beim ersten Mal nur Lodovico’s eigener Truppen.
Denn jene, die den Franzosen die Tore geöffnet hatten, waren, als sie sich in ihrer Hoffnung auf zukünftigen Vorteil betrogen sahen, nicht mehr bereit, die schlechte Behandlung durch den neuen Fürsten zu ertragen. Es ist sehr wahr, dass, nachdem man rebellische Provinzen ein zweites Mal erobert hat, sie danach nicht so leicht verloren gehen, weil der Fürst mit weniger Zurückhaltung die Gelegenheit der Rebellion dazu nutzt, die Delinquenten zu bestrafen, die Verdächtigen zu verhören und sich selbst an den Schwachpunkten zu verstärken.
So war es für den Herzog Lodovico ausreichend, Aufstände in den Grenzgebieten anzuzetteln, damit Frankreich Mailand beim ersten Mal verlor. Um ihm aber diesen Verlust ein zweites Mal beizubringen, war es nötig, alle Welt gegen es aufzubringen, und seine Truppen mussten vernichtet oder aus Italien vertrieben werden, was aus den oben beschriebenen Gründen folgt.
Nichtsdestotrotz wurde Mailand Frankreich ein erstes und ein zweites Mal entrissen. Die allgemeinen Gründe für das erste Mal sind diskutiert worden, verbleibt also, jene für das zweite Mal zu benennen und zu sehen, welche Mittel7 ihm zur Verfügung standen und welche Mittel jemand in seiner Situation benötigt, um sich besser in der Erwerbung behaupten zu können, als es dem König von Frankreich gelang.
Ich sage nun, dass solche Herrschaftsgebiete, welche derjenige, der sie erworben hat, dem alten Staat hinzufügt, entweder von der gleichen Landesart und Sprache sind oder nicht. Sind sie es, ist es leichter, sie zu halten, besonders wenn sie nicht an Selbstherrschaft gewöhnt sind. Und um sie sicher zu halten, ist es ausreichend, die Linie des Geschlechts des Fürsten, der sie regiert hat, ausgelöscht zu haben.