Leseprobe zu "Der blinde Fleck: Ungleichheiten in der..."
Früherkennungsuntersuchungen bei Kindern – Barrieren der Inanspruchnahme (S. 163-164)
Anja Langness
1 Einleitung
Nach internationalen wissenschaftlichen Daten ist unbestritten, dass ein linearer Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status und der Gesundheit von Kindern besteht. Soziale Benachteiligung bei Kindern induziert Beeinträchtigungen im kognitiven, emotionalen, sozialen und gesundheitlichen Bereich (Walper, 1999). So weisen Kinder mit niedrigem sozioökonomischen Status höhere Morbiditäts- und Mortalitätsraten auf als Kinder aus höheren Sozialschichten (BMFSFJ, 2005). Lediglich bei leichten und mittelschweren Allergien besteht ein inverser sozialer Gradient (Mielck, 2001). Bei der erwarteten zunehmenden Spreizung der Sozialstruktur in Deutschland wird die Zahl sozial benachteiligter Kinder steigen und damit ebenfalls die vielfältigen negativen Auswirkungen auf deren psychische und physische Gesundheit.
Bisher wurde zur Erklärung der gesundheitlichen Ungleichheiten in Deutschland die Gesundheitsversorgung von Kindern kaum in den Blick genommen. Dies geschah nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Verfügbarkeit und Zugang zur Gesundheitsversorgung sozialpolitisch gesichert schienen (Elkeles, in diesem Band).
In den letzten Jahren häufen sich jedoch die Belege dafür, dass trotz gesicherten Zugangs und Verfügbarkeit die Inanspruchnahme der medizinischen Versorgung von Kindern vom sozialen Status abhängig ist. Dies ist insbesondere bei der Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder zu beobachten. Die Früherkennungsuntersuchungen für Kinder gelten als die erfolgreichste Maßnahme in der Vorsorge und Früherkennung. Sie genießen eine hohe Anerkennung und Akzeptanz. Bundesweit werden die Früherkennungsuntersuchungen im ersten Lebensjahr (U1 bis U6) sehr gut in Anspruch genommen. Die Inanspruchnahme nimmt jedoch mit zunehmendem Alter der Kinder deutlich ab (Altenhofen, 2002). Dieses ist mit negativen Konsequenzen verbunden, da frühzeitig erkannte Erkrankungen und Störungen normalerweise mit geringem Aufwand behandelt und chronische Einschränkungen vermieden werden könnten (Schubert, 1996).
Die Teilnahmekontinuität ist als relativ gering zu bezeichnen, da bei vielen Kindern einzelne Untersuchungsstufen ausgelassen werden. Eine Längsschnittstudie konnte zeigen, dass nur 48,2 % der über 13.000 ausgewählten Kinder alle Untersu- chungen von U3 bis U8 wahrnehmen. Weitere 30 % nehmen an immerhin fünf von sechs Untersuchungen bis zur U8 teil und 11,8 % nehmen vier von sechs Untersuchungen in Anspruch (Altenhofen, 2002).
Im Jahr 1997 wurde zum letzten Mal eine bundesweite Dokumentation der Früherkennungsuntersuchungen für Kinder von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vorgenommen. Aktuelle Teilnahmedaten sind nur durch einzelne Krankenkassen, Gesundheitsämter oder Koordinationsstellen der Bundesländer zu erhalten. Die Teilnahme an den Untersuchungen wird üblicherweise durch die Gesundheitsämter im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen erfasst. In dem gelben Untersuchungsheft wird kontrolliert, welche Untersuchungen in Anspruch genommen werden.
Ein großes Problem ist die Tatsache, dass etwa 14 % der Eltern das Untersuchungsheft zur Einschulungsuntersuchung nicht vorlegen. Bei diesen Fällen ist wahrscheinlich davon auszugehen, dass die Früherkennungsuntersuchungen nicht regelmäßig in Anspruch genommen werden. Trotz des kostenfreien Angebots für alle gibt es bei der Inanspruchnahme des Früherkennungsprogramms sozioökonomische Unterschiede. Je niedriger der soziale Status der Eltern, desto seltener nehmen sie mit ihren Kindern die Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U9 wahr. Auch Kinder aus Familien mit ausländischer Herkunft nehmen relativ selten alle Früherkennungsuntersuchungen in Anspruch, so das Ergebnis verschiedener regionaler Studien (Albrecht-Richter &, Thiele, 1985, Schubert, 1996, Mersmann, 1998).
Gerade bei Kindern aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status werden überdurchschnittlich häufig Entwicklungs-, Sprach- und Verhaltensprobleme sowie Seh- und Hörstörungen gefunden (Mersmann, 1998). Nichtversorgte Kinder müssen in späteren Lebensabschnitten besonders häufig kostenintensive medizinische, psychotherapeutische und pädagogische Förderung in Anspruch nehmen. Darüber hinaus erhöhen auch andere Faktoren die Wahrscheinlichkeit, dass sozial benachteiligte Kinder häufiger erkranken und früher sterben als Kinder aus besseren sozialen Verhältnissen. Gesundheitliche Belastungen durch Vernachlässigung, Umweltbelastungen, geringe Bewältigungsressourcen der Eltern, falsches Ernährungs- und Bewegungsverhalten sind weitere bedeutsame Erklärungen. Eine geringe Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen trägt in einem hohen Maße dazu bei, die gesundheitlichen Ungleichheiten zu verfestigen oder zu vergrößern. Die bisherigen Erkenntnisse zeigen eindeutig, dass insbesondere in den unteren sozialen Schichten die Akzeptanz der Vorsorge- und Früherkennungsangebote gesteigert werden muss. Der bevölkerungsmedizinische Nutzen ist hier besonders hervorzuheben, weil Kinder aus unteren sozialen Schichten generell den schlechtesten Gesundheitszustand aufweisen. Das Früherkennungsprogramm bietet zudem die Möglichkeit, Kindesvernachlässigung und -misshandlung frühzeitig zu erkennen, auch wenn dies bisher nicht explizit Bestandteil der Früherkennungsuntersuchungen ist (Deutsche Liga für das Kind, 2006).