Leseprobe zu "Das Licht, das ich bin (eBook)" von J.C. Amberchele
"Der Tunnel der Wahrheit (S. 68-69)
Das war mein Spiel: Von meiner Wertlosigkeit überzeugt, kämpfte ich um Anerkennung. Von meiner Machtlosigkeit überzeugt, kämpfte ich um die Oberhand. Und dieses doppelköpfige Monster fraß alles, was ich an Energie besaß. Ich wollte Kontrolle, und durch Manipulation glaubte ich sie mir verschaffen zu können, erntete aber immer nur noch mehr Schmerz. So gut wie alles, was ich unternahm, um nicht mehr unglücklich zu sein, ging nach hinten los.
Schon mal gehört? Der Ausweg ist ganz einfach. Schneiden Sie den Boden einer rechteckigen Papiertüte ab. Halten Sie das eine Ende der so entstehenden Papierröhre an einen Spiegel und Ihr Gesicht an das andere. Und jetzt sagen Sie die Wahrheit. Nichts von dem, was Sie gelernt oder von anderen erfahren haben, nicht Ihre Vorstellungen, sondern genau das, was Sie mit eigenen Augen sehen. Wagen Sie Originalität! Wo ist Ihr Gesicht? Da im Spiegel oder irgendwo an einer Stelle, wo andere (und Kameras) sich ein Bild von ihm machen könnten? Oder ist es an Ihrem Ende der Tüte? Falls es da nicht ist, was ist dann da?
Beschreiben Sie es. Sagen Sie es genau so, wie es für Sie und niemanden sonst jetzt gerade ist! Ich will Ihnen erzählen, was ich sehe, wenn ich es so mache. Ich sehe im Spiegel ein bekanntes Gesicht, das ich noch in jedem Spiegel gesehen habe, vor dem ich je stand, ein Gesicht, das sich im Laufe der Jahre ganz erheblich verändert hat, grau und runzlig wie ein überreifer Apfel und doch nach wie vor deutlich mit den Zügen dessen ausgestattet, als den mich andere seit über sechzig Jahren betrachten. Ja, das bin »ich«, der Mensch, der ich nach der Auskunft anderer immer war und für den ich mich selbst auch gehalten habe, dieser wertlose, hilflose Kerl, der so lange um Kontrolle und Anerkennung gerungen und dabei sich selbst und anderen so viel Leid zugefügt hat. Nicht unbedingt der großartige Typ, mit dem man sich identifiziert. Aber vielleicht kann man ihn ja noch anders betrachten.
Jetzt wende ich den Blick zum diesseitigen Ende der Tüte, und was sehe ich da? Nun, genau das Gegenteil, nämlich keine Züge, keine Eigenschaften, kein Gesicht. Moment mal … Das hier ist mein Ende, und wenn der, als den ich mich sehe, hier nicht erscheint - und das tut er nicht -, zu wem gehört dann dieses Bewusstsein, dieses Licht, dieses Gefühl von Vorhandensein? Am anderen Ende der Tüte ist kein Gefühl von Vorhandensein, kein Ich, das ich als zu diesem Gesicht gehörend empfinde, und wenn ich es mir überlege, dann war es auch noch nie so. Wie konnte ich je glauben, dass etwas, was andere von ihrem Standpunkt aus sehen, hier ist, wo ich bin?
Da muss ich doch das von anderen Gesehene umgedreht und vergrößert haben, um es dann an die Stelle des leeren Bewusstseins zu setzen, das hier in Wirklichkeit ist. Warum nur, wenn doch klar zu sehen ist, dass es hier nicht ist? Ich habe aus der ersten Person, die ich bin, eine dritte Person gemacht, aus einem Subjekt ein Objekt, und so habe ich all die Jahre die größte Unwahrheit überhaupt gelebt! Brauche ich das? Braucht es irgendwer? Kaum. Es wird Zeit, sage ich, dass wir mal aussprechen, was Sache ist, und wenn ich für andere ein nichtsnutziger Halunke bin, brauche ich mir noch längst keine Märchen darüber zu erzählen, was"