Leseprobe zu "Das Goldene Zeitalter (Perry Rhodan Bd. 2569) (eBook)"
1. (S. 4-5)
Das Hörensagen. Vorwort.
Jahrtausende. Jahrzehntausende. Mehr Jahre, als ein Verstand erfassen kann.
Unser Volk durchlief in dieser Zeit alle Höhen und Tiefen. Es veränderte sich, es wurde verändert, und wir sind längst nicht am Ende unserer Entwicklung angelangt. Wer weiß, was das Schicksal mit uns vorhat? Was die Höheren Mächte mit uns vorhaben?
Wir durchlebten ein goldenes, ein glückliches Zeitalter. Das darauf folgende Abrutschen in die Niederungen der Bedeutungslosigkeit ist bloß eine Talstation auf dem erneuten Weg nach oben. Dessen bin ich mir sicher.
Damit du begreifst, Leib meines Leibes, möchte ich dir erzählen, was andere mir erzählt haben. Du spürst diese Erinnerungen in dir, nicht wahr? Ich habe sie dir mitgegeben, als du von mir gegangen bist. Doch sie sind verwirrend. Du kannst sie nicht einordnen. Du benötigst eine führende Hand, um ihren Gehalt mit deinem sich entwickelnden und neu ordnenden Verstand zu erfassen.
Also, hör gut zu, was ich sage. Es gibt keinerlei schriftliche Aufnahmen oder Bilder unserer Geschichte. Wir sind darauf angewiesen, die Erinnerungen in uns lebendig bleiben zu lassen.
2.
Gestatten: Marten
Schon mal ein Sonnensystem verschwinden sehen? Ist eine ziemlich spektakuläre Sache. Wenn man sich allerdings in unmittelbarer Nähe befindet, wird das Spektakel zu einem angsterregenden und schweißtreibenden Abenteuer, das man liebend gerne missen möchte.
Mit anderen Worten: Wir haben allesamt mächtig die Hosen voll.
Stuart Lexa wirkt äußerlich wie die Ruhe in Person. Doch ich kenne ihn mittlerweile gut genug, um zu wissen, wie es in ihm aussieht. Er spürt den Druck der Verantwortung für die Besatzung der KATARAKT, er fürchtet sich vor dem Scheitern und nicht zuletzt sorgt er sich um sein eigenes Leben.
Schon mal einen Hypersturm aus unmittelbarer Nähe miterlebt?
Natürlich nicht. Aus unmittelbarer Nähe bedeutet, dass mans recht bald hinter sich hat. Ein Gewitter auf hyperdimensionaler Basis kann man bestenfalls von seinem Rand aus beobachten und auf ein Wunder hoffen. Außer, man hat mich an Bord.
»Behalt gefälligst die Datenreihen im Auge, Marten!«, schnauzt mich Stuart an. Mit fast empathisch wirkender Zuverlässigkeit erkennt er, wenn jemand nicht bei der Sache ist.
Ich ärgere mich. Ich mag diesen Ton nicht. Es dauert einige Augenblicke, bis ich die notwendige Konzentration zurückgewinne, um die im Datenkubus durcheinanderwirbelnden Informationen zu filtern und zu verarbeiten.
Sie lösen das, was wir vor uns auf dem Bildschirm sehen, in Parameter auf, die mir nützen sollen, einen Weg durch das Chaos vor uns zu finden.
Ich bemühe mich, den Anblick der Sonne zu vergessen, die in einen Schlund aus Schwarz und Rot gezogen wird. Ich vermeide den Gedanken an ihre acht Planeten und die unzähligen Monde, die wie von einem gewaltigen Nussknacker zerdrückt und zerquetscht werden, sodass Planetenschalen nach allen Richtungen davonspritzen und das Innere nach außen gekehrt wird. Das Innere, glühendes Fluidum, gefriert rasch. Unter großem Druck zerbricht es neuerlich und wird von sich gegenseitig beeinflussenden hyperdimensionalen Wellenfronten zerrieben, bevor die kümmerlichen Reste endgültig erkalten.
Vielleicht existierte Leben auf einem der Planeten, wir wissen es nicht. Es spielt keine Rolle. Wir sind nicht in der Lage, Hilfe zu leisten. Wir müssen zusehen, dass wir heil aus dieser Sache rauskommen.
»Nun?«, fragt mich Stuart. Wie so oft verlässt er sich nicht nur auf die Intelligenz der Schiffspositronik. Er möchte greifbare, verständliche Antworten. Er liebt meine blumigen Vergleiche, so schlecht und unpassend sie manchmal sein mögen.
»Sieht schlecht aus«, gebe ich zur Antwort. »Ist eine kalte nasse Suppe da draußen.«
»Das heißt?«
Ich greife in den Kubus, mein liebstes Spielzeug, das ich mir selbst zurechtgelegt und geformt habe. Ich verschiebe Datenketten, spalte sie, hole mir Querverweise aus Unterordnern, erzeuge neue Verknüpfungen. Muster entstehen, die ich nur zu gut aus theoretischen Betrachtungen kenne.
»Du kennst die Herbststürme vor Evalin auf Zyx? Ja? Gutes Fischgebiet, aber lebensgefährlich, wenn sich die Wellen aufschaukeln. Gegen die Felsen branden, zurückgeworfen werden, sich kreuzen, gegeneinander kämpfen. Hier ist es schlimmer. Viel schlimmer. Wir treiben nicht an der Oberfläche, sondern stecken mitten in einer derartigen Wellenfront. Felsen, Riffe, Treibholz, ständig wechselnde Kraftvektoren. Gierige Schnappfische, die im Augenblick des Todes noch einen Happen zu sich nehmen möchten.«
»Jaja! Weiter!«
Stuart wird ungeduldig. Wie immer. Er versteht nicht, dass ich Anlaufzeit benötige, um meine Gedanken zu sortieren. »Also: Hyperenergetische Wogen prallen gegeneinander. Interferieren. Schaukeln sich gegenseitig hoch, werden unberechenbar. Die Hyperemissionen haben sich um eine gute Zehnerpotenz vergrößert, seitdem der Sextadimschleier perdu ist. Der Einfluss all der anderen Sonnen in unmittelbarer Umgebung von Far Away wird umso deutlicher spürbar, je mehr Zeit vergeht.«
Der letzte Planet des namenlosen Sonnensystems vergeht in einer Stichflamme. Ein Hauch von Blau bleibt für einige Sekunden sichtbar, bevor auch er ins Nichts gesogen wird. Die hitzige Sonnenmasse ist mittlerweile ein lang gezogenes Materieband, das sich wie Gummi vom Gestirn löst und ins Nichts treibt.
»Sieht echt derb für uns aus«, sage ich und lächle.
Stuart verzieht unwillig das Gesicht. Er versteht meine Art von Humor nicht. »Marten, du bist anerkanntermaßen ein Genie als Ortungsdatenanalyst. Aber du kannst einen auf die Palme bringen.«