Leseprobe zu "Das Bündnis der Jungfrauen (eBook)" von Stefanie Kasper
15 (S. 135-136)
Begleitet vom zögerlichen Sonnenlicht des frühen Tages marschierte Knopfs Fähnlein am Morgen gen Raithenau. Da nur die wenigsten Mitglieder des Allgäuer Haufens über ein eigenes Reitpferd verfügten, war der Beschluss erlassen worden, dass – ausgenommen im Kampf – lediglich die Hauptleute zu Pferde sitzen durften. Gleich und gleich, keiner besser oder schlechter, Menschen unter Menschen, so das Kredo der Aufständischen. Was wären sie schließlich für Verfechter der Gerechtigkeit gewesen, hätten sie sich selbst nicht an ihre eigenen Glaubensgrundsätze gehalten.
Caroline war in sich gekehrt und schweigsam. Sie dachte nach über das, was Lenker ihr über den Haufen berichtet hatte. Johannes schritt neben ihr und beantwortete geduldig die Fragen, die sie ihm von Zeit zu Zeit stellte. Ihre Pferde hatte der Rossmeister am Ende des Trosses in seiner Obhut, da Lenker zugunsten Carolines gerne auf das Privileg des Reitens verzichtete. Es war finstere Nacht, als sie sich nach langem Marsch müde und ermattet dem Raithenauer Lager näherten. Heller Fackelschein wies ihnen von weitem den Weg. Am nächsten Tag wurden sie von Geräuschen geweckt, die Johannes sehr vertraut, Caroline jedoch völlig fremd waren.
Das Gähnen und Strecken eines erwachenden Lagers brachte durch die Luft fliegende Stimmen mit sich, morgendliche Scherze, die von manch übermüdetem Geist derb abgewehrt wurden. Das Klappern von Eimern und Kochgeschirr war zu hören, Gelächter und Gezänk, das Hämmern von Äxten, mit denen die Männer Holz für Palisaden schlugen, welche im Kriegsfall nötig würden, um die Wagenburg rund um das Lager zu verstärken. Die Intimität der um sie gespannten Zeltwände erschien dem jungen Paar wie ein Hort der Zuflucht. Sie liebten einander zärtlich, jede Berührung das weiche Schlagen eines Schmetterlingsflügels auf der Haut.
Die Art und Weise, wie sich Caroline ihm mit Herz und Seele öffnete, wirkte auf Johannes wie das erfrischendste Labsal. Erfüllt von einem Gefühl der vollkommenen Lebendigkeit machte er sich auf, um sich dem Kreis um Jörg Schmid anzuschließen. Besprechungen standen an, Entscheidungen mussten gefällt werden – auch im Hinblick darauf, dass die Ergebnisse der Verhandlungen mit dem Schwäbischen Bund noch abzuwarten blieben. Caroline begleitete ihn, entschlossen, den Männern ihre Dienste anzubieten.
Er brachte es nicht über das Herz, sie zurückzuhalten, auch wenn er wusste, dass sie im inneren Zirkel der Führerschaft nicht willkommen sein würde. Wahrscheinlich ahnte sie es auch. War Caroline das Fähnlein, welches den Knopf nach Memmingen begleitet hatte, schon groß erschienen, so fand sie für das Raithenauer Lager mit seinen zweitausend Mann kein anderes Wort als gewaltig. Johannes hatte ihr klargemacht, dass der verträgliche Eindruck, den der Haufen auf den ersten Blick bieten mochte, täuschte.