Groß, gelb, gelassen: mit berückender Selbstverständlichkeit liegt
eines Nachts ein Löwe im Arbeitszimmer des angesehenen Philosophen
Blumenberg. Die Glieder bequem auf dem Bucharateppich ausgestreckt,
die Augen ruhig auf den Hausherrn gerichtet. Der gerät, mit einiger
Mühe, nicht aus der Fassung, auch nicht, als der Löwe am nächsten
Tag in seiner Vorlesung den Mittelgang herabtrottet, sich hin und
her wiegend nach Raubkatzenart. Die Bänke sind voll besetzt, aber
keiner der Zuhörer scheint ihn zu sehen. Ein raffinierter
Studentenulk? Oder nicht doch viel eher eine Auszeichnung von
höchster Stelle ? für den letzten Philosophen, der diesen Löwen zu
würdigen versteht? Das Auftauchen des Tieres wirkt in mehrerlei
Leben hinein, nicht nur in das Leben Blumenbergs. Ohne es zu
merken, gerät auch eine Handvoll Studenten in seinen Bann, unter
ihnen der fadendünne Gerhard Optatus Baur, ein glühender
Blumenbergianer, und die zarte, hochfahrende Isa, die sich mit
vollen Segeln in den Falschen verliebt. »Blumenberg« ist nur
nebenbei eine Hommage an einen großen Philosophen, vor allem ist es
ein Roman voll mitreißendem Sprachwitz, ein Roman über einen
hochsympathischen Weltbenenner, dem das Unbenennbare in Gestalt
eines umgänglichen Löwen begegnet.
»Sibylle Lewitscharoffs Blumenberg ist ein königliches Lesevergnügen.«
Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie, nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris, heute lebt. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in einer Werbeagentur. Sie veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Für Pong erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Es folgten die Romane Der Höfliche Harald (1999), Montgomery (2003) und Consummatus (2006). Der Roman Apostoloff wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Blumenberg (2011) stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien der Band Vom Guten, Wahren und Schönen, der die 2011 in Frankfurt und in Zürich gehaltenen Poetikvorlesungen versammelt. 2009 gestaltete Sibylle Lewitscharoff eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach zum Thema »Der Dichter als Kind«; in ihren Papiertheater-Arbeiten befaßt sie sich mit Clemens Brentano, Johann Wolfgang Goethe, Gottfried Keller, Karl Philipp Moritz und Friedrich Schiller. Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste.