Leseprobe zu "Auch Geister können küssen / Susannah Bd.1 (eBook)"
"KAPITEL12 (S. 107-108)
Lass uns nach Hause gehen. Irgendwie fühlte sich der Satz ziemlich heimelig an. Nur dass dieses Zuhause sich für mich noch gar nicht so nach zu Hause anfühlte. Wie auch? Ich war doch erst ein paar Tage zuvor eingezogen. Und natürlich hätte er da überhaupt nicht zu Hause sein sollen. Aber, Geist hin oder her, er hatte mir das Leben gerettet.
Da biss die Maus keinen Faden ab. Er hatte es zwar wahrscheinlich nur getan, damit er bei mir einen Stein im Brett hatte und ich ihn nicht endgültig aus dem Haus jagte. Aber aus welchem Grund auch immer – er hatte es getan und das war ziemlich nett von ihm gewesen. Noch nie hatte mir bisher jemand freiwillig geholfen – vermutlich hauptsächlich deswegen, weil keiner wusste, dass ich Hilfe brauchte.
Nicht mal Gina, die immerhin dabei gewesen war, als Madame Zara mich zur Mittlerin erklärt hatte, hatte je geahnt, warum ich manchmal mit verquollenen Schlafaugen zur Schule kam oder wo ich mich rumtrieb, wenn ich die Schule schwänzte – was ich nur zu häufig tat. Und ich konnte es ihr ja auch schlecht erklären. Nicht dass Gina mich für verrückt gehalten hätte oder so, aber sie hätte es bestimmt jemandem erzählt. So ein Geheimnis kann man unmöglich für sich behalten, außer es betrifft einen selbst, und der oder die wiederum hätte es jemand anderem weitererzählt, und so weiter und so weiter, und über kurz oder lang hätte meine Mutter davon erfahren. Und wäre ausgerastet. Das tun Mütter für gewöhnlich in solchen Fällen und meine Mutter ist da keine Ausnahme.
Sie hatte mich sowieso schon zu einer Therapie gezwungen, bei der ich mir zur Erklärung meines antisozialen Verhaltens alle möglichen ausgefeilten Lügen ausdenken musste. Ich hatte ehrlich keine Lust, auch nur eine Minute in einer Nervenheilanstalt zu verbringen, in der ich unweigerlich gelandet wäre, wenn meine Mutter je die Wahrheit erfahren hätte. Also, ja, ich war dankbar, Jesse zu haben, auch wenn er mich irgendwie nervös machte. Nach dem Debakel in der Mission hatte er mich so richtig gentlemanmäßig nach Hause begleitet und dabei wegen meiner Verletzung sogar darauf bestanden, mein Fahrrad zu schieben.
Hätte ein Bewohner der Häuser, an denen wir vorbeigingen, zufällig aus dem Fenster geschaut, hätte er garantiert an seinem Verstand gezweifelt: Ich muss mit dem mühelos neben mir herrollenden Fahrrad, das ich mit keinem Finger berührte, einen ziemlich irren Anblick abgegeben haben. Ein Glück, dass die Leute hier an der Westküste so früh ins Bett gehen. Auf dem ganzen Heimweg dachte ich immer wieder darüber nach, was ich bei Heather falsch gemacht hatte.
Aber ich ließ kein Wort darüber verlauten – das hatte ich schon zur Genüge getan und ich wollte mich nicht wie eine kaputte Schallplatte anhören oder wie ein kaputtes Pianola oder was auch immer es zu Jesses Zeiten gegeben haben mag. Ich konnte nur nicht aufhören, darüber nachzugrübeln. In den ganzen Jahren meiner Mittler-Einsätze war mir noch nie so ein gewaltbereiter, uneinsichtiger Geist begegnet. Ich hatte schlicht keine Ahnung, was ich tun sollte. Aber ich musste es herausfinden, und zwar schnell. In wenigen Stunden fing die Schule wieder an und Bryce würde in Heathers tödliche Falle laufen."