Leseprobe zu "Am liebsten inkognito (eBook)"
"Vorzüge (S. 132-133)
Jan Bolton
Was für ein Klingelton würde mich wohl dieses Mal empfangen? Vielleicht ein lustiger Refrain, der sogar einen phlegmatischen Schoßhund zur Weißglut brachte? Das langweilige Ding-Dong der Westminster Abbey? Oder einfach nur ein schrilles Klingeln? Und was würde mich im Windfang erwarten? Gummistiefel und Regenschirme, alte Tageszeitungen und Dreiräder? Eimer für Bio-Müll und kaputtes Spielzeug? Wie würde sich der Garten präsentieren?
Tropische Gräser oder Geröll und Buschwerk? Vielleicht ein Magnolienbaum? Wer würde mir überhaupt die Tür öffnen? Eine geschäftige Mutter oder ein blasierter Teenager? Ein argwöhnischer Rentner oder ein Freiberufler? Ein Unternehmer? Mit diesen Mutmaßungen versuche ich dem normalen Stumpfsinn meiner Arbeit zu begegnen: Ich mache Hausbefragungen für die hiesige Kommune. Die Vorort-Fassaden strahlen eine beruhigende Vertrautheit aus, so als herrschten hinter jeder von ihnen friedliche Zufriedenheit.
Eine nette Enklave der Mittelklasse. Für Menschen, die sich bewusst entschieden haben, nahe der Stadt, aber nicht in ihr zu wohnen. In den Wohnzimmern lauschen sie aufmerksam den Tipps des Fernsehgärtners und sind stolz darauf, sich von der normalen Arbeiterklasse abzuheben. Während meinen Befragungen wird mir jede Menge Tee angeboten, den ich gerne annehme, und manchmal frage ich anschließend höflich, ob ich das Vorort-Badezimmer benutzen darf. Nicht nur, weil meine Blase mich dazu drängt, sondern auch, weil ich es interessant finde, mir die Ausstattung anzusehen.
Dabei bin ich bereits auf rosa Flauschteppiche in Langflor und parfümierte Toilettenrollenwärmer gestoßen, auf die gesamte Kollektion der Shampoos vom Body Shop sowie auf die Lieblingsmitnahmemöbel von IKEA. In den Apartments wohlhabender Singles gab es kleine hellblaue Handwaschbecken aus Opakglas, während sich um die Badewannen von kinderreichen Familien Schwimmtiere aus Plastik scharten. Es kam auch schon vor, dass ich meine vorwitzigen Finger in hochpreisige Designer-Wandschränkchen steckte, um mich aus Clarins-Cremetiegeln zu bedienen.
Ich sage immer, dass jeder Job ein paar ganz besondere Vorzüge bietet, beispielweise Miniaturparfüm-Kollektionen, mit denen man sich zwischendurch etwas Gutes tun kann. All den unterschiedlichen Menschen stelle ich Fragen, nehme ihre Daten auf und gebe ihnen Informationsmaterial. Alles natürlich immer lächelnd und selbstbewusst, so wie es sich gehört. Obwohl es sich nur um eine Befragung hinsichtlich Energieeinsparung im Haushalt handelt, bin ich doch der Meinung, dass es wichtig ist, professionell aufzutreten. Ich lasse es nicht zu, dass sich Nachlässigkeit in meinen Job einschleicht, wie es vielleicht bei anderen Frauen passiert. Schließlich ist man so auch erfolgreicher. Und das selbst bei unangekündigten Besuchen."