Leseprobe zu "Smit, 3 Streifen gegen Puma (eBook)" von Barbara Smit
Kapitel 5 Schweizer Schlamm (S. 49-50)
Das Hotel Belvedere mit seinen blumengeschmückten Balkons und den romantischen Gewölben bot einen phantastischen Blick auf den Thuner See. An diesen idyllischen Ort in der Schweiz hatte sich Nationaltrainer Sepp Herberger mit seinen Spielern zurückgezogen, um die Mannschaft vor der Weltmeisterschaft von 1954 zusammenzuschweißen. Hier unterwarfen sich Herbergers 22 Fußballer einem noch nie dagewesenen Programm, das aus hartem Training und vollkommener Abstinenz bestand. Ein besonders ruhiges Zimmer im Belvedere bewohnte Adi Dassler.
Der klein gewachsene Trainer mit dem Knautschgesicht arbeitete schon lange mit den Dasslers zusammen. Die Beziehung hatte Rudolf aufgebaut, aber der selbstgerechte ältere Bruder verscherzte es sich mit dem Trainer der Nationalelf. Offenbar hatte Rudolf das Gefühl, dass Herberger ihn nicht mit der gebührenden Ehrerbietung behandelte. »Sie sind ein kleiner König«, soll er Herberger erklärt haben. »Und wenn Sie uns nicht passen, wählen wir einen neuen Bundestrainer.«
Jahrelang hatte sich Sepp Herberger ins Zeug gelegt, um seine Stellung aufzubauen. Hitler interessierte sich kaum für Fußball, und die miserablen Leistungen der deutschen Mannschaft während der Nazijahre wirkten auch nicht gerade förderlich. Der »Führer« billigte dem Fußball immerhin einen gewissen Propagandawert zu, als die deutsche Elf bei der Weltmeisterschaft von 1934 den dritten Platz belegte. Zwei Jahre später auf der Olympiade von Berlin brachte der Danziger Gauleiter Albert Forster Hitler dazu, sich ein Spiel anzusehen. Er versicherte, die Mannschaft habe den Sieg sicher in der Tasche. Als der Reichskanzler dann aber Zeuge einer blamablen Niederlage gegen Norwegen wurde, zog er wütend ab. Das Debakel führte zur Entlassung des Reichstrainers Otto Nerz. Sein Nachfolger wurde sein Assistent Josef »Sepp« Herberger.
Der ehemalige Bankangestellte gab sich größte Mühe, eine gute Mannschaft zusammenzustellen. Ständig mit einem dicken grünen Notizbuch bewaffnet, sah er sich unermüdlich trostlose Ligaspiele an. Seine Geduld zahlte sich aus, als er 1938 den 18-jährigen Fritz Walter entdeckte, der damals bei Kaiserslautern spielte. Der Reichstrainer füllte Seite um Seite mit Notizen über »FW« und arbeitete jahrelang daran, seinen Lieblingsspieler als künftigen Mannschaftskapitän aufzubauen.
Der Krieg war ein herber Rückschlag für Herbergers Bemühungen, denn die meisten seiner Schützlinge wurden an die Front geschickt. Um elf wehrtüchtige Spieler zusammenzubekommen, ging er erhebliche Risiken ein. Immer wieder erfand er militärische Auszeichnungen für seine Spieler, um zu beweisen, dass sie im Kampf bereits das Ihre getan hatten; außerdem ließ er mehrere Spieler zur Luftwaffe versetzen. Im Fall von Fritz Walter erregte das einiges Missfallen, weil der junge Soldat zugeben musste, dass er noch nie ein Flugzeug von innen gesehen hatte. Der springende Punkt war aber, dass die fragliche Division von dem Fußballfreund und berühmten Kampfpiloten Hermann Graf befehligt wurde, der Walter protegierte und dafür sorgte, dass er in Ruhe trainieren konnte.
Nach dem Entnazifizierungsverfahren wurde Herberger wieder zum Trainer der Nationalmannschaft berufen. Nun setzte er alles daran, die überlebenden Spieler zusammenzusuchen und sie auszurüsten. Nachdem Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt war, zeigte sich, dass jede der vier Siegermächte eine andere Einstellung zum Fußball hatte, sodass an eine Bundesliga vorerst nicht zu denken war. Doch angesichts der Versorgungssituation der Nachkriegsjahre war das die geringste Sorge. Für die Millionen Menschen, die ausgebombt oder Flüchtlinge aus den Ostgebieten waren, ging es erst einmal ums Überleben, eine Freizeitbeschäftigung wie Fußball spielte in ganz Deutschland keine große Rolle. Die eingetragenen Vereine und ihre Spieler mussten improvisieren und fertigten Trikots und Eckfahnen aus alten NS-Flaggen an – nicht ohne zuvor das Hakenkreuz zu entfernen.
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Kapitel 8
Die schmutzigen Tricks von Mexiko
Schon Monate vor der Eröffnung der Olympiade von 1968 in Mexiko City war klar, dass es bei den Spielen hoch hergehen würde. Sie boten eine Arena für die aktuellen politischen Kontroversen und den Protest gegen den Vietnamkrieg, die Ermordung Martin Luther Kings und den Einmarsch der Sowjets in Prag. Die Spiele von Mexiko waren aber auch die Bühne für einen mit miesen Tricks ausgetragenen Bruderkrieg in der Familie Dassler, der die Welt des Amateursports aus den Angeln hob.
Im Mittelpunkt des Unwetters, das sich in Mexiko zusammenbraute, standen einige afroamerikanische Sportler aus Kalifornien, die sich entschlossen hatten, für ihre politischen Rechte einzutreten und mit dem Erbe der Intoleranz und Heuchelei aufzuräumen, das ihrer Meinung nach den Wettkampf beherrschte. Noch Wochen vor dem Beginn der Spiele am 12. Oktober 1968 war ungewiss, ob die Protagonisten überhaupt nach Mexiko fahren würden. Tommie Smith, John Carlos und Lee Evans, die größten Lauftalente im US-Team, waren auch im Olympic Committee for Human Rights (Olympisches Komitee für Menschenrechte) aktiv, das sich für einen Boykott der Olympiade einsetzte.
Gründer der Bewegung war der 25-jährige schwarze Dozent Harry Edwards, der am San Jose State College Soziologie lehrte. Empört über den berüchtigten Rassismus, der auf dem Campus herrschte, wo schwarze und weiße Studenten ihre Mahlzeiten nach wie vor getrennt einnahmen, drohte Edwards zunächst, die Sportwettkämpfe des Colleges zu sprengen. Dann gelang es ihm, mehrere aufmüpfige afroamerikanische Sprinter zu überzeugen, dass sie nicht für ein rassistisches Land antreten sollten. "Es ist Zeit, dass schwarze Menschen sich erheben und es ablehnen, sich für ein bisschen extra Hundefutter als Dressurtiere benutzen zu lassen", donnerte Edwards. Die Idee des Boykotts wurde schließlich fallen gelassen, aber führende schwarze Sportler waren nach wie vor entschlossen, ihren Widerstand kundzutun.
Unter anderem nahmen sie die olympischen Regeln aufs Korn, die eine Bezahlung der Sportler untersagten. Rudolf Dassler hatte diese Büchse der Pandora 1960 geöffnet, als er bei den Spielen von Rom dem Sprinter Armin Hary Geld dafür zahlte, dass er bei seinem Siegeslauf über 100 Meter Puma-Schuhe trug. Von da an stellten Sportler hemmungslos Forderungen und scherten sich nicht um die Verletzung der Amateurregeln. Die afroamerikanischen Athleten gehörten zu jenen, die diese ganze Heuchelei anprangerten. Wenn die Funktionäre alle Sportler disqualifiziert hätten, die mit Schuhherstellern ins Geschäft kamen, so meinten sie, wäre die Olympiade von Mexiko zu einer zweitklassigen Veranstaltung herabgesunken.
Die verbissene Rivalität zwischen Armin und Horst Dassler war ein Segen für jene, die endlich von ihrer Leistung profitieren wollten, wie zum Beispiel jene Gruppe amerikanischer Läufer, die wenige Monate vor den Olympischen Spielen einer Einladung von Adidas nach Landersheim folgten. Obwohl zwei von ihnen seit langem auf Puma eingeschworen waren, ließen sie sich in der vornehmen Jagdhütte eine ganze Woche lang verwöhnen. Als sie sich über Geldnot beklagten, bot ihnen ein Adidas-Manager einen Vertrag an, der ihnen für das Tragen der Schuhe mit den drei Streifen 500 Dollar zusicherte. Horst Dassler war während des Aufenthalts der Amerikaner nicht da, aber es blieb ihm nicht verborgen, was dann geschah. "Sie nahmen das Geld, unterschrieben den Vertrag und erhielten anschließend eine Kopie davon. Ich hätte ihnen die Kopie nicht gegeben", seufzte Horst. "Sie gingen damit schnurstracks zu Puma."
Für Adidas und Puma stand eine Menge auf dem Spiel. Die Un-ruhen, die diese Olympiade begleiteten, erhöhten den Druck auf alle Beteiligten. Dank der wachsenden Bedeutung des Fernsehens konnten die Spiele in alle Welt übertragen werden. Die Wettkämpfe von Mexiko wurden, mehr als jedes andere Großereignis der vergangenen Jahrzehnte, für die beiden fü
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