Leseprobe zu "Mein Freund Stieg Larsson (eBook)" von Kurdo Baksi
"Der feministische Kompromiss (S. 70-71)
Vier Jahre in Folge habe ich am 8. März, dem internationalen Frauentag, auf dem Sergels Torg in Stockholm tausend Rosen an Frauen verteilt. Meine Gefühle gegenüber diesem Feiertag, der 1910 von der deutschen Kommunistin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin ins Leben gerufen wurde, waren schon immer gespal ten. Ich finde, jeder Tag sollte von dem Bewusstsein um die Gleichberechtigung der Geschlechter durchdrungen sein, und nicht nur ein Tag im Jahr.
Doch dann wieder ist es eine gute Gelegenheit, an diesem Tag die Millionen von Frauen zu ehren, die im Laufe der Jahrtausende männlicher Gewalt zum Opfer gefallen sind. Für mich persönlich ist es aber auch ein Tag, meinen Freund Stieg Larsson zu ehren. Meine tausend Rosen bewirken auch, dass meine Gedanken sich zu ihm kehren, zumal er ein Faible für solche symbolischen Handlungen hatte. Die meisten, denen ich eine Rose hinhalte, freuen sich. Ich werde häufig umarmt, von jungen und von älteren Frauen. Das schenkt Wärme. Aber nicht alle reagieren so. »Ja zur Gleichberechtigung, Nein zur Rose«, höre ich öfters, vor allem von jüngeren Frauen. In gewisser Weise kann ich sie verstehen, und fast schäme ich mich. Vielleicht sollte ich nächstes Jahr mal damit aufhören, schließlich haben die Rosen ja auch ihre Dornen.
Ich bin ziemlich sicher, dass Stieg und ich diese Idee gemeinsam ausgeheckt haben. Aber auf der anderen Seite hätten wir dann vielleicht erwägen sollen, lieber an die Männer Rosen zu verteilen, damit sie anfangen, ihr Verhalten zu überdenken. Als Aufmunterung. Dann würden vielleicht auch die Dornen besser zur Geltung kommen. Aber im Grund genommen ist das egal. Hinter der Sache mit den Rosen steckt, wie hinter allem, auch eine gehörige Portion Egoismus.
Es macht mir einfach Spaß, sie zu kaufen und zu verteilen. Sie bewirken, dass meine Gedanken unbewusst anfangen, um die Gespräche zu kreisen, die Stieg und ich über Gott und die Welt geführt haben. Die Unterdrückung der Frau war ein Thema, auf das wir oft zu sprechen kamen, nicht zuletzt, weil er für dieses Gebiet Experte war. Es gibt nicht viele Menschen, die mehr dar über wissen, wie diese Unterdrückung entsteht und welch schreckliche Konsequenzen sie haben kann. Ende 2001 und Anfang 2002 gab es zwei Ereignisse, die Stieg persönlich stark berührten und von großer Bedeutung für seine weitere Arbeit wurden: der Mord an Melissa Nordell in Stockholm im November 2001 und der Mord an Fadime Sahindal in Uppsala im Januar 2002.
Das junge Fotomodell Melissa Nordell wurde von ihrem älteren schwedischen Freund ermordet, weil sie sich von ihm trennen wollte. Jedes Mal, wenn Melissas Fall erwähnt wurde, füllten sich Stiegs Augen mit Tränen. Stieg konnte nicht begreifen, dass einer jungen schwedischen Frau diese Freiheit verwehrt wurde, nur weil sie eine Frau war. Er las gründlich alle ju ristischen Unterlagen und Zeitungsartikel, die über Melissa Nordell zu haben waren, und nahm sogar Kontakt mit ihrer Familie auf. Er freundete sich mit Melissas Mutter und ihrem Stiefvater an und lud sie zum Verlagsfest in meinem Büro ein. Die Begegnung mit Melissas Mutter werde ich nie vergessen. Es ist bezeichnend, dass der letzte Buchumschlag, für den Stieg verantwortlich war, ein Bild von Melissa Nordell trug."
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