Leseprobe zu "Interpretation: Trakl, Kaspar Hauser Lied (eBook)"
S. 4
Was brachte den Dichter dazu, gerade Kaspar Hauser in einem Gedicht zu evozieren? Gilt das »Lied« doch jenem geheimnisumwitterten jungen Mann, der, wie vom Himmel gefallen, als etwa Sechzehnjähriger am 26. Mai 1828, einem Pfingstmontag, gegen 16 Uhr auf dem Unschlittplatz in Nürnberg aufgefunden und nur fünf Jahre später im Park von Ansbach von einem Unbekannten mit Messerstichen so verletzt wurde, dass er drei Tage danach, am 17. Dezember 1833, starb. Das Auftauchen des mysteriösen Findlings, der zuvor in Gefangenschaft gehalten worden sein soll, erregte weltweites Aufsehen. Indes blieb seine Herkunft in Dunkel gehüllt. Natürlich gab gerade das Anlass für die verschiedensten Vermutungen und Hypothesen, wobei insbesondere der so genannten Prinzentheorie, derzufolge der Ausgesetzte dem badischen Fürstenhaus entsprossen sei, die größte Wahrscheinlichkeit eingeräumt wurde. Schon 1834 wurde von Bänkelsängern auf den Jahrmärkten in einem Lied über das ungelöste Rätsel von Nürnberg gesungen: »Ach, so viel man sich auch mühte / Um den Findling, der so blaß und stumm war, / Traurig blieb er im Gemüte, / Wenn er auch durchaus nicht stumpf und dumm war. / Flüsternd sprach man, daß seine Stirne / Bestimmet sei für einer Krone Zier, / Doch mit teuflischem Gehirne / Macht man aus diesem Knaben fast ein Tier« (zit. nach: Hörisch, S. 255). Wissenschaftler wie der Jurist Anselm Ritter von Feuerbach (1775–1833) und ganz besonders der Pädagoge Georg Friedrich Daumer (1800–75) bemühten sich im direkten Umgang mit Kaspar Hauser um Aufklärung und Aufarbeitung des Falles.
Daumer nahm den Unbehausten sogar einige Zeit bei sich auf und vermittelte ihm Sprech-, Lese- und Schreibkenntnisse, sodass auf diese Weise unter anderem eine knapp gefasste Selbstbiographie Hausers auf uns gekommen ist.8 Von Anfang an gab es ›Hauserianer‹ und ›Antihauserianer‹. Was für Varnhagen von Ense reine »Don-Quixoterie« war, sah ein anderer Zeitgenosse, Karl Gutzkow, als Beispiel einer »Seelenknospe«, welche »einen reinen, unentweihten, vom Leben, von der Schule, vom Staat, von Kirche, Haus, Gesellschaft noch unvergifteten Begriff« vermittle (v. Ense, S. 123, Gutzkow I, S. 380).
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