Leseprobe zu "Die Spargelstecherin - Erzählung (eBook)"
4. Allein (S. 18-19)
„Leute, ich will mit offenen Karten spielen. Die fünf Euro zwanzig, die ich euch bisher gezahlt habe, sind nicht mehr drin.“ Waldemar springt empört auf, will etwas sagen. „Waldemar, setz dich wieder. Hört mir zu! Bisher konnte ich euch sozialversicherungsfrei beschäftigen. Doch neuerdings muss ich bei den polnischen Versicherungen achtundvierzig Prozent des Bruttolohns abführen. Zwanzig Prozent davon bleiben an mir hängen. Die Preise für den Spargel kann ich nicht erhöhen.
Das gibt der Markt nicht her. Aldi und die anderen Handelsketten machen zusätzlich Druck.“ Waldemar lässt sich nicht länger den Mund verbieten. „Wenn es nach dem geht, arbeiten wir demnächst umsonst“, schimpft er auf Polnisch los und wendet sich dann an Hillebrand. „Wissen Sie, wie teuer Leben inzwischen auch in Polen?“ Bauer Hillebrand nickt. „Ich Ihnen sagen“, fährt Waldemar fort, „nächstes Jahr Sie warten vergeblich auf uns. Dann wir arbeiten in England oder Holland. Oder noch besser in Schweden.
Die zahlen Mindestlohn, ist höher als alles hier in Deutschland. Ihr könnt nehmen eure Leute. Mit denen ihr bestimmt weit kommt.“ „Bevor ich den Laden dichtmache, muss ich eben weiter mechanisieren. Mit drei Sortiermaschinen brauche ich achtzig Mann weniger“, wendet Hillebrand ein. „Beim Sortieren geht das, aber nicht bei Ernte. Da Sie brauchen uns. Und wovon bezahlen Sortiermaschinen, wenn schon kein Geld für uns?“ Hillebrand zuckt mit den Schultern.
„Die zweihunderttausend gehen nur über Kredite. Aber ich will das gar nicht. Ihr müsst mir nur ein wenig entgegenkommen.“ Mariusz hat bisher geschwiegen. Er sitzt wie festgewachsen in seinem Sessel. Hin und wieder streicht er sich seine fettigen Haarsträhnen aus der Stirn, doch nach kurzer Zeit hängen sie wieder wie ein starrer Drahtverhau vor seinen Augen. Sein Gesicht wirkt maskenhaft, kein Muskel zuckt, sein Mund hängt unter der Nase wie festgefroren. Waldemar wendet sich ihm zu und herrscht ihn an.
„Mariusz, sonst spielst du dich auf, als wärst du hier der Chef. Und jetzt kriegst du die Zähne nicht auseinander. Aber das ist ja typisch für dich. Nach unten treten, nach oben buckeln.“ Mariusz rührt sich nicht. Ein Zischen aus seinem Mund klingt wie: „Dafür redest du ja um so mehr.“ Irina nickt eifrig, Melinka schüttelt angewidert den Kopf. Hillebrand fährt ärgerlich dazwischen. „Ich habe euch nicht herbestellt, damit ihr euch zofft. Und redet gefälligst deutsch! Eine Lösung muss her, mit der möglichst alle einverstanden sein können.“ Mariusz steht betont langsam auf und schaut Waldemar giftig an. „Herr Hillebrand, ist doch ganz einfach. Außer Waldemar und Melinka alle anderen mit weniger Lohn einverstanden. Ist so, oder?“ Mariusz schaut sich nach allen Seiten um. Niemand widerspricht ihm. Waldemar kann es nicht fassen und verfällt wieder in seine Muttersprache. „Seid ihr eigentlich alle verrückt geworden? Warum lasst ihr euch das gefallen? Merkt ihr denn nicht, dass Mariusz mit dem Bauern unter einer Decke steckt? Die haben das ganze Theater doch vorher abgesprochen.“ Hillebrand reicht es. „Jetzt ist aber Schluss, Waldemar. Entweder du sprichst deutsch oder hältst den Mund. Ich kann nicht auch noch einen Dolmetscher einstellen.“ Waldemar blickt zu Melinka hinüber, die blass geworden ist, und wendet sich wieder an den Bauern: „Was ist Angebot?“ Hillebrand legt die Karten auf den Tisch. „Ich habe alles durchgerechnet. Vier Euro achtundsiebzig kann ich euch noch zahlen. Mehr ist nicht mehr drin.“ Melinka meldet sich schüchtern zu Wort: „Ein Bekannter in England fast sechs Euro verdient, voriges Jahr.“ Mariusz grinst. „Wenn dem gefallen lange Fahrt und hohe Preise.“ „Dafür keine Sozialgaben wie hier“, meint Melinka. Waldemar ergänzt: „Für vier Euro achtundsiebzig ich auch in Polen Arbeit finden.“ „Das nur du glauben“, stänkert Mariusz. Hillebrand wirft seinen letzten Trumpf auf den Tisch. „Rumänen und Ukrainer arbeiten sogar noch billiger. Auch mit Bulgarien laufen Verhandlungen.” „Die Arbeit erst lernen müssen,“ wirft einer von den anderen, die sich an den Wänden des Büros herumdrücken und bisher geschwiegen haben, schüchtern ein. „Das mag sein. Das müsste ich in Kauf nehmen. Aber lieber würde ich mit euch weiter zusammenarbeiten.“ Wie Hilfe suchend wendet er sich nach allen Seiten. Mariusz ergänzt: „Wir auch.“ Niemand widerspricht mehr und Hillebrand löst die Versammlung auf. Aber draußen auf dem Hof wird es sofort laut. Waldemar schimpft wie ein Rohrspatz über die Feigheit der anderen. Mariusz läuft an ihm vorbei und lässt sich von Irina als Sieger feiern. Sie verschwinden in seinem Container. Waldemar wendet sich Melinka zu, die neben ihm steht. „Jetzt holt er sich seinen Lohn ab.“
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