Leseprobe zu "Die Quandts (eBook)" von Rüdiger Jungbluth
10. »Keiner passt so gut wie Sie« Quandts Einstieg in eine siechende Rüstungsfirma
(S. 85-86)
Wenn es der Wahrheit entspricht, was Günther Quandt über seinen Einstieg bei den Berlin-Karlsruher Industriewerken geschrieben hat, hat er sich selbst um dieses Unternehmen in keiner Weise bemüht, sondern andere große Aktionäre waren daran interessiert, ihn an der Spitze dieser Firma zu sehen. Ob das die Wahrheit ist, ist aber sehr zweifelhaft. Denn Günther Quandt hatte nach dem Zweiten Weltkrieg einigen Grund, sein Engagement gerade für dieses Unternehmen kleiner erscheinen zu lassen, als es tatsächlich war.
Den zivil klingenden Namen Berlin-Karlsruher Industriewerke hatte die Firma erst 1922 bekommen. In den 26 vorhergehenden Jahren hatte das Unternehmen Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) geheißen und war einer der größten deutschen Rüstungskonzerne des Landes gewesen. Seine Geschichte reichte zurück bis zum Deutsch-Französischen Krieg.
Nach Quandts Darstellung suchte ihn im Juni 1928 der Bankier Paul Hamel vom Bankhaus Sponholz auf. Er war seit 1923 im Aufsichtsrat der Accumulatoren-Fabrik. Seit ihrem gemeinsamen Vorgehen bei der Übernahme der AFA waren die beiden befreundet. Jetzt wollte der Bankier von Quandt wissen, ob er Aktien der Berlin-Karlsruher Industriewerke besäße. Günther Quandt besaß tatsächlich einige Anteile, allerdings viel zu wenig, um irgendeinen Einfluss auszuüben. Der Grund für Hamels Frage war, dass der Bankier wieder einmal dabei war, einen Kreis von Aktionären gegen die Geschäftsführung eines Unternehmens in Stellung zu bringen. Bei den Berlin-Karlsruher Industriewerken war es allerdings keine Kapitalerhöhung, die Hamel blockieren wollte, sondern eine Herabsetzung. Der Chef des Unternehmens, ein Generaldirektor namens Paul von Gontard, plante das Grundkapital zu halbieren. Für die Aktionäre hätte das zur Folge gehabt, dass die Dividenden geringer ausgefallen wären. Hamel hatte den Eindruck gewonnen, dass die Firma noch über ausreichende Reserven verfügte, sodass ein Kapitalschnitt nicht zwingend war. Zudem hatte er Annoncen in die einschlägigen Zeitungen setzen lassen, um Aktionäre zu finden, die mit ihm auf der Generalversammlung gegen die Vorschläge der Firmenspitze stimmten. Auch Günther Quandt erklärte sich bereit, dem Bankier zu diesem Zweck die Stimmrechte aus seinem Aktienbesitz zu übertragen. Hamel hatte noch weitergehende Pläne. Wenn es tatsächlich gelingen sollte, eine Mehrheit gegen das Establishment des Unternehmens in der Kapitalfrage zu mobilisieren, wäre es doch naheliegend, darauf eine dauerhafte Machtposition in der Firma zu gründen. Er selbst strebte in den Aufsichtsrat des Unternehmens. Und er glaubte, es ließe sich in Verhandlungen noch ein weiterer Sitz in dem Kontrollgremium herausholen.
Daher fragte er Quandt: »Würden Sie mit mir einen Sitz im Aufsichtsrat annehmen?« Dessen Antwort: »Ich habe keine Bedenken.« Zur Generalversammlung der Berlin-Karlsruher Industriewerke strömten die Aktionäre an einem Sonnabend im Juli 1928 zusammen. Quandt war zu Hause, als ihn mittags ein Anruf Hamels erreichte. Aufgeregt berichtete der Banker vom unerwarteten Verlauf der Versammlung. Die von Hamel angeführte Aktionärsopposition hatte eine so große Mehrheit gegen die Verwaltung mobilisiert, dass der gesamte Aufsichtsrat des Unternehmens zurückgetreten war. Daraufhin war die Versammlung unterbrochen worden. Ein komplett neuer Aufsichtsrat musste gewählt werden. Hamel wollte von Quandt wissen, ob er noch einen weiteren Vertrauten wüsste, den man in das Kontrollgremium entsenden könnte. Quandt schlug seinen Vetter und Berater Kurt Schneider vor.
Gegen zwei Uhr klingelte bei Quandt erneut das Telefon, es war wieder Hamel. Der neue Aufsichtsrat sei gewählt und halte bereits eine konstituierende Sitzung ab. »Können Sie sich gleich mal in den Wagen setzen und herüberkommen?« Günther Quandt machte sich auf den Weg in die Dorotheenstraße, wo die Berlin-Karlsruher Industriewerke ihre Geschäftsräume hatten. Als er die Tür zum Sitzungszimmer öffnete, kamen ihm die Herren entgegen: »Wir gratulieren Ihnen, Herr Quandt« – »Aber wozu denn?« – »Wir haben Sie soeben zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats gewählt.«
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9. Kapitel "Es war ein Verhängnis"
Entfremdung und ein Schicksalsschlag
Während es wirtschaftlich für Quandt immer weiter bergauf ging, während sein Vermögen von Tag zu Tag wuchs, häuften sich in der Familie die Probleme und Sorgen. Die drei Schulze-Kinder, die Quandt aufgenommen hatte, waren allesamt schwierig und nach Einschätzung des Hausherrn "wenig erzogen". Zu dessen besonderem Verdruss übte der 15jährige Jochen Schulze einen unseligen Einfluss auf den gleichaltrigen Herbert Quandt aus. Die beiden Jungen rauchten bis zu zwanzig Zigaretten pro Tag, wie der Vater alsbald herausfand.
Magda Quandt, erst 23 Jahre alt, war mit der familiären Situation überfordert. Quandt zeigte durchaus Verständnis für ihre Lage, die er später so beschreiben sollte. "Ist es für eine junge Frau schon schwer, zwei große Jungen aus der früheren Ehe ihres Mannes aufzuziehen, so wird die Aufgabe nicht geringer, wenn ein eigenes Kind dazukommt. Wenn dann aber noch drei fremde Kinder miterzogen werden sollen, so geht das über die Kraft." Praktische Hilfe konnte sie von ihrem vielbeschäftigten Mann nicht erwarten. Quandt verließ morgens um sieben das Haus, um nach Berlin zu fahren, blieb zum Mittagessen meist in der Stadt, und kam abends spät nach Hause. Oft blieb er auch über Nacht in Berlin, um sich die Fahrt nach Neubabelsberg zu ersparen, und übernachtete in dem Haus an der Frankenallee.
Während dieser Zeit entfremdeten sich die Eheleute, die einander vermutlich nie sehr nahegestanden haben, weiter. Das Zusammenleben wurde nicht leichter dadurch, dass Quandt nicht in seinen Versuchen nachließ, die junge Frau zu erziehen. Ihm missfiel ihre Angewohnheit, im Morgenrock zu frühstücken. Für ihn, einen Mann, den das Kaiserreich geprägt hatte, war das ein Ausdruck innerer Haltlosigkeit. Er kritisierte, dass sie Schwierigkeiten stets auf sich zukommen lasse, statt sie vorausschauend aus dem Weg zu räumen. Magda empfand ihren Mann häufig als kaltherzig, auch im Umgang mit seinen Kindern. Zur Herbert Quandts 16. Geburtstag bekam der Junge außer zahlreichen Geschenken vom Vater einen Umschlag. Darin befand sich eine Briefkarte, auf die Günther Quandt geschrieben hatte: "Meinem lieben Herbert eine weitere Gabe von RM 25,- für jeden Monat innerhalb des nächsten Jahres, in dem er keine Zigarette raucht." Herbert reagierte unerwartet sensibel. Still setzt er sich in eine Ecke, überlas den Inhalt immer und immer wieder. "Tränen kamen in seine Augen", beobachtete der Vater. Magda Quandt warf ihrem Mann vor, dem Sohn das Geburtstagsfest verdorben zu haben. Er selbst sah in dem Geldangebot einen "vielleicht nicht schönes, sehr anspruchsvolles, aber erfreulicherweise wirksames Mittel", denn Herbert Quandt entschied sich am Ende für das Geld und gegen das Rauchen.
Es lag wohl nicht nur an dem Altersunterschied von zwanzig Jahren, dass es Günther Quandt schwerfiel, seine Frau als gleichberechtigte Partnerin zu akzeptieren. Es entspracht wohl auch nicht seinem Wesen. Sie wiederum war nicht die Frau, die bereit gewesen wäre, sich ihm klaglos unterzuordnen. Dazu war sie zu selbstbewusst. Ihr Biograf Hans-Otto Meissner schreibt: "Wäre Magda ein weicher Mensch, eine zärtliche anschmiegsame Frau, was sie eben nicht ist, könnte alles anders sein. Dann hätte sie gelegentlich vor ihm geweint oder ihn umschmeichelt, hätte vermutlich vermocht, weiche Gefühle in ihm zu erwecken. Aber sie kann das nicht. Schon ihr Stolz läßt nicht zu, dass sie verborgene Gefühle zeigt, vielleicht gar eine Schau daraus macht."
Gemeinsame Gesprächsthemen fehlten den Eheleuten. Allabendlich ließ sich Quandt zwar von seiner Frau vortragen, was es bei den Kindern Neues gab. Es kam ihm aber nicht in den Sinn, sie an seinem Leben teilhaben zu lassen. Der Unternehmer schwebte in anderen Sphären. Er arbeitete unermüdlich an der Verwirklichung seines großen Vorhabens. Er war dabei, sich ein industrielles Königreich zu schaffen und auf diese Weise den Namen der Familie zu verewigen. Er war längst reich genug und musste sich um materielle Dinge keine Gedanken mehr machen. Günther Quandt hatte begonnen, an einem Lebenswerk zu arbeiten, einem Gebilde, so groß und haltbar, dass es ihn selbst überdauern konnte - er dachte in Generationen.
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